Münchner Ausstellung über das jüdische Ehepaar WolffDer Architekt und die Aktivistin

Lesezeit: 3 Min.

In der Kleiststraße in Untergiesing steht der „Isarblock“, ein Werk des Architekten Helmuth Wolff.
In der Kleiststraße in Untergiesing steht der „Isarblock“, ein Werk des Architekten Helmuth Wolff. Hochschule München / Fakultät Architektur

Helmuth Wolff baute in München Häuser, musste fliehen und wurde in Amsterdam zum Farbfoto-Pionier. Seine Frau Annemie fotografierte im Zweiten Weltkrieg jüdische Menschen und rettete einigen das Leben. Eine Ausstellung erinnert an die beiden.

Von Jürgen Moises

SZ bei Google bevorzugen

Im Jahr 2008 macht der niederländische Fotohistoriker Simon B. Kool eine bedeutende Entdeckung: Ein Foto-Archiv mit tausenden Bildern, zu dem 100 Fotorollen gehören, die aus dem von den Nazis besetzten Amsterdam des Jahres 1943 stammen. Zu sehen sind darauf die Gesichter von 440 jüdischen Menschen.

Gemacht hat die Porträts, die als Erinnerungen oder Vorlagen für gefälschte Dokumente dienen sollten, die im oberbayerischen Laufen geborene Annemie Wolff. Diese war selbst als Jüdin 1933 nach Amsterdam geflohen. Zusammen mit ihrem Mann Helmuth Wolff, den sie im Juni 1932 in München geheiratet hatte. Wolff war ein aufstrebender Architekt und Kinobesitzer. Bis im April 1933 die Wohnung der Wolffs in der Kopernikusstraße geplündert wurde.

Annemie und Helmuth Wolff in Amsterdam in den Dreißigerjahren. 1932 hatte das Paar in München geheiratet.
Annemie und Helmuth Wolff in Amsterdam in den Dreißigerjahren. 1932 hatte das Paar in München geheiratet. Wikipedia

Als das passierte, waren Annemie und Helmuth Wolff nicht in München. Und weil es inzwischen ein Arbeitsverbot und einen falschen Haftbefehl gegen Helmuth Wolff gab, riet seine Sekretärin, nicht zurückzukehren. Das taten sie auch nie. Stattdessen flohen sie in die Niederlande, eröffneten ein Fotogeschäft in Amsterdam. Helmuth wurde zum Farbfoto-Pionier, gab eine fotografische Zeitschrift und ein Standardwerk heraus. Annemie schrieb zudem für eine Frauenzeitschrift. Nach dem Einmarsch der Deutschen unternahm das Ehepaar im Mai 1940 einen Selbstmordversuch, den Annemie überlebte. Sie schloss sich dem Widerstand an, machte illegal Fotos und hielt bis zu 40 Juden auf ihrem Dachboden versteckt. Am 2. Februar 1994 starb sie in Amsterdam, mit 87 Jahren.

Ohne den Fund der Fotorollen auf dem Dachboden der Enkelin der Nachbarin von Annemie Wolff wäre das meiste davon vergessen. Aber so gibt es nun das 2017 von Simon B. Kool herausgegebene Buch „Uit de vergetelheid“ über „die wiederentdeckten Fotografien von Annemie und Helmuth Wolff“. Im selben Jahr erschien „Op de foto in oorlogstijd“ von Tamara Becker und An Huitzing über das „Studio Wolff, 1943“. Beide Veröffentlichungen wurden von der 2011 gegründeten Annemie und Helmuth Wolff Stiftung gefördert. Ebenfalls 2017 war die Ausstellung „Lost Stories, Found Images: Portraits of Jews in Wartime Amsterdam“ ebendort zu sehen, für die die Identitäten von 325 der 440 im Jahr 1943 fotografierten Menschen dank eines erhaltenen Kassenbuchs ermittelt werden konnten.

Und in Deutschland? Hier ist wenig passiert. Die erwähnten Bücher wurden nicht übersetzt. Was es gibt, ist ein Wikipedia-Eintrag über Annemie Wolff, die nach dem Krieg weiter als Fotografin und Kolumnistin arbeitete. Außerdem hat die Publizistin Monika Felsing mit „Magische Momente“ einen Text über eine weitere in Amsterdam gezeigte Ausstellung über das Fotostudio Wolff veröffentlicht, die 2018 eigentlich nach Deutschland kommen sollte.

Was die Münchner Jahre betrifft, da sind mit dem „Grünen Block“ in Bogenhausen und dem „Isarblock“ in Untergiesing zwei auffällige urbane Wohnanlagen von Helmuth Wolff als Zeugnisse erhalten. Auch mehrere Villen in München, wo, wie kürzlich bekannt wurde, bald ein Yad-Vashem-Bildungszentrum entstehen soll, gehen auf den Architekten zurück.

Der „Grüne Block“ prägt das Bild an der Prinzregentenstraße in Bogenhausen.
Der „Grüne Block“ prägt das Bild an der Prinzregentenstraße in Bogenhausen. Hochschule München / Fakultät Architektur

Das erste Kino in Bogenhausen, die 1929 eröffneten „Kamera-Lichtspiele“, hat Wolff ebenfalls entworfen. Zudem wurde er wegen der schlechten Wirtschaftslage selbst zum Kinobetreiber. Sein architektonischer Stil? Der bewegte sich zwischen Moderne, Art Deco und Münchner Tradition. Letztere wurde wesentlich von Theodor Fischer geprägt, dem einflussreichen Stadtplaner und Professor, wegen dem Wolff von Berlin nach München an die Technische Hochschule ging. Zur Handschrift, die der Architekt daraus machte, gehören: plastisch aufbereitete Putzoberflächen mit originellen optischen Effekten, kantige Stufenportale, ungewöhnliche Rundpfeiler als Stufenrahmungen oder Satteldächer, die wie moderne Flachdächer wirken.

Über all diese Details kann man in der Ausstellung „Architektur, Exil, Neuanfang: Werk und Biografie des Architekten Helmuth Wolff“ in der Neuen Ziegelei in Bogenhausen viel erfahren. Konzipiert hat sie der Architektur-Professor Karl R. Kegler zusammen mit Studierenden der Hochschule München. Es ist bereits die zweite Ausstellung zu Wolff, die auf ein Forschungsseminar von Kegler zurückgeht. Die erste war 2023 im Lichthof der Hochschule zu sehen. Ein zentraler Unterschied ist, dass nun die Perspektive auf Bogenhausen liegt.

Ein Treppenhaus in der Wohnanlage „Grüner Block“.
Ein Treppenhaus in der Wohnanlage „Grüner Block“. Hochschule München / Fakultät Architektur

Was die Biografien angeht, da waren die Recherchen von Simon B. Kool die Grundlage. Was die Adressen, den Besitz und Zustand der Gebäude betrifft, da mussten die Studierenden vor Ort, in hiesige Archive gehen. Und es bleiben Fragen. Aber: Das Engagement zeigt Früchte. So ist ein Buch zu ausgewählten Werken von Wolff angedacht. Außerdem hatte die Ausstellung Ende Mai mit Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, einen prominenten Gast.

Architektur, Exil, Neuanfang: Werk und Biografie des Architekten Helmuth Wolff, bis 12. Juni, Neue Ziegelei, Ruth-Drexel-Straße 34, München, nordostkultur-muenchen.de

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Neues Buch über das Münchner Genie
:Karl Valentins Werk als immerwährender Kalender

Zeitlos wie sein Humor: Ein neues Buch über Karl Valentin präsentiert sich als immerwährender Kalender – vollgepackt mit hunderten von teilweise unveröffentlichten Fotografien aus dem Archiv des komischen Genies.

Von Oliver Hochkeppel

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: