Fotografie-FestivalBilder, die von Krieg und Hoffnung erzählen

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Edgar Martins bewegt sich in „Anton’s Hand is Made of Guilt. No Muscle or Bone. He has a Gung-ho Finger and a Grief-stricken Thumb“ auf den Spuren eines in Libyen ermordeten Fotojournalisten.
Edgar Martins bewegt sich in „Anton’s Hand is Made of Guilt. No Muscle or Bone. He has a Gung-ho Finger and a Grief-stricken Thumb“ auf den Spuren eines in Libyen ermordeten Fotojournalisten.
Edgar Martins

Das diesjährige Fotodoks-Festival in München widmet sich bislang unerzählten Geschichten – erstmals auch mit den Mitteln der KI.

Von Jürgen Moises

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Als Fotograf lebt man gefährlich. Zumindest, wenn man wie Anton Hammerl in Kriegsgebiete zieht. Das machte der österreichisch-südafrikanische Fotojournalist zuletzt 2011. Da ging er nach Libyen und wurde in den Wirren des dort herrschenden Bürgerkriegs von Muammar al-Gaddafi nahestehenden Truppen ermordet. Das heißt: mit größter Wahrscheinlichkeit. Denn sein Leichnam wurde bis heute nicht gefunden. Deshalb hat sich sein Freund, der portugiesische Fotograf Edgar Martins, von 2017 bis 2023 auf die Suche gemacht. Hat in Libyen selbst fotografiert. Hat Orte, Personen oder auch das Darknet aufgesucht, um Hinweise auf Hammerls Verschwinden zu finden. Und er stieß dabei unter anderem in einem Hotel auf nicht entwickeltes Filmmaterial von ihm.

Aus alledem hat Edgar Martins schließlich mit „Our War“ ein visuelles Archiv erstellt, für das er 2023 mit dem Sony World Photography Award ausgezeichnet wurde. In München ist in der aktuellen Ausgabe von Fotodoks nun unter dem Titel „Anton’s Hand is Made of Guilt. No Muscle or Bone. He has a Gung-ho Finger and a Grief-stricken Thumb“ ein Auszug daraus zu sehen. Das Ergebnis ist eine Art fiktives Selbstporträt von Hammerl, das Fragen nach Verlust, Trauma und Erinnerung stellt. Und das damit sehr gut das Thema der zwölften Ausgabe des Münchner Festivals für aktuelle Dokumentarfotografie repräsentiert. Dieses heißt „Long Time No See“ und widmet sich „bislang unerzählten Geschichten“.

Der Ort dafür ist nach früheren Stationen wie dem Stadtmuseum oder der Lothringer 13 in diesem Jahr die Architekturgalerie München im ehemaligen NS-Luftschutzbunker an der Blumenstraße. Ein Ort, der selbst vergessene oder verdrängte Geschichten in sich trägt und in dem nun auf drei Stockwerken Werke von zehn internationalen Fotokünstlern zu sehen sind. Wie für Fotodoks üblich handelt es sich dabei um Serien oder andere übergreifende Formate, die in der Ausstellung in Richtung Installation gehen oder Filme einbeziehen. Auch mit Künstlicher Intelligenz erstellte Arbeiten sind zu sehen – zum ersten Mal seit der ersten Fotodoks-Ausgabe im Jahr 2008.

Eva Rivas Bao untersucht in „An Italian Story“ einen mit Silvio Berlusconi in Zusammenhang stehenden Mordfall und hat dafür mithilfe von KI Szenen wie diese „Bunga Bunga Party“ erstellt.
Eva Rivas Bao untersucht in „An Italian Story“ einen mit Silvio Berlusconi in Zusammenhang stehenden Mordfall und hat dafür mithilfe von KI Szenen wie diese „Bunga Bunga Party“ erstellt.
KI-Bild: Eva Rivas Bao

Ein Beispiel dafür ist Eva Rivas Baos Serie „An Italian Story“ (2025). Die Italienerin setzt sich darin mit dem Tod der angehenden Sportjournalistin Imane Fadil 2019 auseinander. Auch hier geht es um einen ungeklärten Mordfall. Fadil hatte als Zeugin im Zuge der „Ruby-Affäre“ gegen den Ex-Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi ausgesagt. Da ging es um den Missbrauch von teils minderjährigen Frauen. Fadil wollte ein Buch darüber schreiben und wurde kurz nach dessen Ankündigung ermordet. Bao „rekonstruiert“ diesen Fall, indem sie privates Archivmaterial von Fadil mittels KI mit eigenen Fotos und Magazinbildern vermischt. Das Ergebnis sind albtraumartige Sequenzen, die den Sexismus der Bunga-Bunga-Berlusconi-Ära aufzeigen.

Auch der Niederländer Sander Coers hat für „Post“ (2023/2024) mit KI gearbeitet. In seiner Fotoserie geht es um die Biografie seines Großvaters, der während des 2. Weltkriegs in Indonesien zur Welt kam. Weil aus dieser Zeit keine Bilder existieren, hat Coers eine KI mit Amateurfotos seiner Großeltern gefüttert und daraus Bilder kreiert, die an idyllische Urlaubsschnappschüsse erinnern. Die aber oft unscharf sind, meist fragmentarisch und damit auf seltsame Art fehler- und lückenhaft. Der aus China stammende Yun Ping Li hat in der seit 2017 laufenden Serie „huí jiā“ nur ein Thema: seinen eigenen, transmaskulinen Körper, der das Material für Fotos und Performances ist. Seinen Körper versteht er dabei als „Heimat“, aber auch als Spiegel kollektiver Transformationsprozesse.

Der aus China stammende Yun Ping Li macht in seiner Fotoserie „huí jiā“ seinen eigenen, transmaskulinen Körper zum Thema.
Der aus China stammende Yun Ping Li macht in seiner Fotoserie „huí jiā“ seinen eigenen, transmaskulinen Körper zum Thema.
Yun Ping Li

Wie die Jugend auf der karibischen, einst unter britischer Herrschaft stehenden Insel St. Vincent heute lebt, dokumentiert die in Deutschland lebende Sarah Sullivan in ihrer seit 2024 laufenden Serie „Hairouna“. Man sieht private Orte, Gegenstände, junge Menschen, die selbstbewusst, vielleicht auch etwas fragend in die Welt blicken. Die Griechin Eva Vei dokumentiert für „Blyertspenna“ seit 2021 das Leben ihrer autistischen, schwedischen Cousine Kristina. „Blyertspenna“ heißt Bleistift. Der spielt auf fast allen Bildern eine Rolle, weil Kristina damit, also nonverbal kommuniziert. Eva Vei macht das mit ihrer Kamera auch. Und so entsteht eine Art visueller Dialog.

Der ghanaisch-deutsche Fotograf Calvin Hein befragt mit poetischen, teils kryptischen Schwarz-Weiß-Bildern unseren westlichen Blick auf Afrika, während Thero Makepe sich mit einem völkerrechtswidrigen Cross-Border-Angriff südafrikanischer Verteidigungskräfte am 14. Juni 1985 in Botswana auseinandersetzt. Bis zu zwölf südafrikanische Exilanten wurden dabei getötet. Auch Makepes eigene Familie war von dem Ereignis betroffen. Aber es gibt auch hiervon keine Bilder. Weshalb Makepe auf die Methode des Reenactments zurückgegriffen und mithilfe von Familie und Freunden Szenen nachgestellt hat.

Der im Iran geborene Arash Fayez hat in seiner Serie „Apolis“ seine Erfahrungen mit den amerikanischen Einwanderungsbehörden dokumentiert.
Der im Iran geborene Arash Fayez hat in seiner Serie „Apolis“ seine Erfahrungen mit den amerikanischen Einwanderungsbehörden dokumentiert.
Arash Fayez

Der in Teheran geborene Arash Fayez setzt sich in „Apolis“ mit seiner amerikanischen Einwanderungsgeschichte auseinander. Fayez ging 2012 als Student in die USA, blieb auch nach 2014 weiterhin dort und das laut den US-Behörden illegal. Deswegen bekam er unerfreulichen Besuch von der unter Trump sehr bekannt geworden Immigration and Customs Enforcement (ICE). Er reiste 2017 schließlich freiwillig aus, ließ sich später dann seine komplette Einwanderungsakte schicken. Kopien von Dokumenten und Briefen hängen im Bunker an der Wand, zusammen mit privaten Handybildern, die nun prototypisch für das Schicksal vieler Migranten in Amerika stehen.

In ihrer Serie „I Hope Your Family is Safe“ fängt die Fotografin Anya Tsaruk das alltägliche Leben in der Ukraine jenseits des Krieges ein.
In ihrer Serie „I Hope Your Family is Safe“ fängt die Fotografin Anya Tsaruk das alltägliche Leben in der Ukraine jenseits des Krieges ein.
Anya Tsaruk

Bei der Ukrainerin Anya Tsaruk und ihrer Serie „I Hope Your Family is Safe“ sind wir zurück beim Thema Krieg. Die vor zehn Jahren nach Deutschland emigrierte Fotografin kehrte 2023 in ihre vielfach zerstörte Heimat zurück. Aber nicht um dort Leid und Zerstörung zu dokumentieren, sondern die Momente an Normalität, die es dort in ihrer Familie auch noch gibt. Um diese bewusst nicht als Opfer, sondern „normale“ Menschen mit Ängsten und Hoffnungen zu zeigen. Etwas, was ihrer Meinung nach zu wenig passiert. Damit erzählt auch sie eine weitgehend unerzählte Geschichte. Auf eine intime, eindringliche Weise, wie es für viele der ausgestellten Werke gilt.

Fotodoks – Long Time No See, bis 2. Nov. (am 11. und 12. Okt. mit Artist Talks und Networking-Afternoon), Architekturgalerie, Blumenstraße 22,  www.fotodoks.de

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