Ausstellung:Gasrohre zu Schlafkojen

Lesezeit: 3 min

Mit ihrer Idee, aus Nord Stream 2 Schlafkojen für eine Vollversammlung der kleinen Leute zu machen, haben Benedikt Hartl und seine Kollegen viel Aufmerksamkeit bekommen. Und jetzt sind sie für den Förderpreis der Stadt München nominiert. (Foto: Opposite Office/Benedikt Hartl)

In der Galerie Lothringer 13 präsentieren sich die Künstler, Designer und Büros, die in diesem Jahr für die Förderpreise der Landeshauptstadt München nominiert sind.

Von Jürgen Moises

Es sei ein privates, kein politisches Projekt. Mit solchen Sätzen wurde Nord Stream 2 jahrelang entschuldigt. Nun wünschten sich viele, das Milliarden schwere Projekt würde sich einfach in Luft auflösen. Und auch Nord Stream 1, das täglich Millionen Euro in Russlands Kriegskassen spült, wird immer mehr zum Streitfall. Die Lösung? Natürlich "Nord Stream 3", wie es Benedikt Hartl und seine Kollegen vom aktivistischen Architekturbüro Opposite Office aus München vorschlagen. Sind die verrückt? Nun, genau genommen sind sie Utopisten. Denn was Hartl & Co unter diesem Projekttitel vorschlagen, ist, aus Bestandteilen von Nord Stream 2 eine internationale Herberge und Begegnungsstätte zu machen. Das heißt: Aus den Rohren sollen 194 Schlafkojen werden, in denen sich per Zufallsgenerator jeden Monat je ein Mensch pro Land einquartieren darf. Gemeinsam bilden sie dann "eine Vollversammlung der kleinen Leute, der Bürgerinnen und Bürger dieser Welt."

Mit dieser dann doch etwas verrückt klingenden Idee haben es Benedikt Hartl und Opposite Office in namhafte Magazine und Zeitungen geschafft. Und nun ist das Projekt in Form von an kleinen Rohren befestigten Bildern und Modellen in der städtischen Galerie Lothringer 13 in München zu sehen. Der Grund: Dort dürfen sich aktuell und noch bis zum 15. Mai die mehr als 30 Künstler, Designer und Büros präsentieren, die in diesem Jahr für die Förderpreise der Landeshauptstadt München 2022 nominiert sind (die Preisverleihung ist für den 5. Mai geplant). Benedikt Hartl gehört zu den Nominierten im Bereich Architektur, weitere Sparten sind Bildende Kunst, Design, Fotografie und Schmuck. Politisch und utopisch geht es dabei nicht immer zu. Jedoch hat man schon irgendwie den Eindruck, dass die Ethik die Ästhetik in vielen Fällen überlagert. Was aber nicht heißt, dass einem die Botschaft immer direkt ins Gesicht springt.

Der Krieg in der Ukraine ist auch hier Thema

Die Ukraine etwa, sie ist auch bei Sima Dehgani Thema. Die Fotografin hat für ihre Serie "Jewmynka" Bewohner des gleichnamigen ukrainischen Dorfes fotografiert. Darunter eine alte Frau, die in Hausschuhen und einem bunten Kleid auf einem Sofa sitzt oder zwei Kinder, die mit ihren Handys spielen. Auch der Krieg wird in "Jewmynka" thematisiert. Aber in dem Fall ist es der Zweite Weltkrieg, in dem fast alle Bewohner des Ortes verschleppt wurden, viele davon zur Zwangsarbeit nach Bayern, nach München oder Neuaubing. Dieses Thema wurde lange tabuisiert. Natascha Wodin hat vor ein paar Jahren ein bewegendes Buch darüber geschrieben. Sima Dehgani hat nun letzte Zeitzeugen fotografiert, deren Familien oder ihr Lebensumfeld. Und das in ruhigen, unaufdringlichen Bildern.

Sima Dehgani thematisiert in "Jewmynka" den Zweiten Weltkrieg in der Ukraine. (Foto: Sima Dehgani)

Politisch grundiert sind auch die Porträts von schwarzen Menschen, welche die Fotografin Priscillia Grubo für die Online-Kampagne " #Nwortstoppen" gemacht hat. Anna Aicher wiederum hat Heranwachsende in ländlichen Gegenden in Bayern und Österreich fotografiert, während Denis Klausmann in einer ungewöhnlichen Installation aus Glasplatten, Fotos, Abzügen und kleinen Videos die Social-Media-Kultur aufs Korn nimmt. Auch das Künstlerduo Melina Hennicker & Michael Schmidt thematisiert die Selbstdarstellung sowie den Konsum im Internet. Sie haben eine Polsterinsel mit eigenem Emoticon-Design geschaffen, auf der sie in einem zugehörigen Video herumtollen. Dazu läuft ein poppiges Lied von Hennicker & Schmidt, mit Zeilen wie "Heute Abend wichs ich nicht" oder "Ganz drall vom schrillsten Bilderstrom ist mein gebummster Schädeldom". Die Stoßrichtung ist klar. Nur so richtigen Biss hat das nicht, sondern schwankt eher zwischen nett und recht banal.

Sneakers aus Algen und Ochsenblut, Halsschmuck aus Brennnesseln

Der Designer Sebastian Thies hat mit "nat-2™" eine erfolgreiche Luxus-Serie mit Sneakers aus ungewöhnlichen und nachhaltigen Materialien wie Algen, Pilzen, Ochsenblut und Meteoriten geschaffen, die er im Untergeschoss präsentiert. Auch die Schmuckserie "Base Unit" von Jasmin Matzakow wirkt sehr nachhaltig. Ist ihr Halsschmuck doch aus Brennnesseln gemacht. Ähnlich verhält es sich bei der Schmuck-Serie "One" von Merlin Klein, nur inspiriert diese nicht direkt zur Nachahmung. Denn sie ist nicht nur geprägt von der Schmuckauffassung seines verstorbenen Vaters. Der Künstler hat sie außerdem aus der Asche seines Vaters hergestellt. Das Interessante an den Fahrrad- und Ski-Helmen der Sintesi Labs Design Group in Flechtoptik ist: Man kann die Polsterung individuell austauschen. Ein Regalsystem von Philipp Ganter lässt sich ebenfalls recht frei variieren, und das je nach Farbe im Wohn- oder Office-Look.

Der Architekt Roman Leonhartsberger zeigt auf einer Videowand Ausschnitte aus 20 Spielfilmen, um zu demonstrieren, wie das Medium Film unsere Wahrnehmung von städtischen Räumen prägt. Und eine Debatte darüber, wie viel Offenheit und Reibung eine Stadt braucht und verträgt, will wiederum das Kollektiv P.O.N.R. mit seinen Aktionen oder Workshops auslösen. Damit wären wir wieder bei der Politik und dem Utopischen. Wofür ein Stück weit auch das Netzwerk " Faemme" steht, in der Ausstellung repräsentiert durch Carlota Barberán Madruga und Anna Rosa Schreiber. Das Netzwerk unterstützt Frauen in der Kreativbranche und will ihnen mehr Sichtbarkeit verschaffen. Auf einem Plakat dazu steht: "Ist Gestaltung politisch?" Eine gute Frage. Wie war das nochmal bei Nord Stream 2?

Förderpreise 2022, bis 15. Mai, Lothringer 13 Halle, Lothringer Str. 13, www.lothringer13.com

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: