Ausstellung:Kosmische Kartoffeln

Ausstellung: In Anlehnung an Johannes Kepler hat der Österreicher Wendelin Pressl eine "Weltmaschine" mit dem Titel "das gedachte EGOzentrische Weltbild" geschaffen.

In Anlehnung an Johannes Kepler hat der Österreicher Wendelin Pressl eine "Weltmaschine" mit dem Titel "das gedachte EGOzentrische Weltbild" geschaffen.

(Foto: Eres Stiftung)

In der Ausstellung "It's a World Machine" in der Münchner Eres-Stiftung setzen sich Künstler mit den Ideen des genialen Astronomen Johannes Kepler auseinander.

Von Jürgen Moises

Der Mond, er ist plötzlich wieder interessant geworden. Die Amerikaner wollen, 50 Jahre nach der letzten bemannten Mondmission, wieder hin. China und Russland haben schon länger Pläne für eine Raumstation und eine japanische Firma will mit "Moon Valley" gleich eine ganze Stadt da oben auf dem Erdtrabanten bauen. Auch für den Mars gibt es verschiedenste Ideen.

Seit 2020 sammelt der Mars-Rover "Perseverance" dort Gesteinsproben und nimmt mit einem neuen revolutionären Bildgebungsverfahren Bilder auf. Und das James Webb Weltraumteleskop fliegt seit 2021 als riesiger Fotoapparat durchs All. Johannes Kepler hätte das sicher gefreut. Schließlich gilt der 1630 verstorbene Wissenschaftler als Vordenker der heutigen Astrophysik. Auch wenn ihm Galileo Galilei in Sachen Ruhm deutlich den Rang abgelaufen hat.

Ein guter Zeitpunkt also, so sieht man das zumindest in der Eres-Stiftung, an den großen Astronomen, Mathematiker, Physiker und Theologen Kepler zu erinnern. Und zwar mit einer Ausstellung, die sich "It's a World Machine. Kepler, Kunst & Kosmische Körper" nennt und eine Kooperation mit dem Schlossmuseum Linz darstellt. Insgesamt zehn künstlerische Positionen haben Geschäftsführerin Sabine Adler und ihr Team zusammengetragen, um die Gedanken, Erkenntnisse und Fantasien von Johannes Kepler zu reaktivieren, in Frage zu stellen oder zu erweitern. Das geschieht mal ernst und mal ironisch, sehr fantasie- und auch humorvoll. Und teilweise dringt man dabei in visuelle Welten vor, die man als Mensch noch nie gesehen hat.

Johannes Kepler als eigenwilliger Science-Fiction-Autor

Ausstellung: Johannes Keplers Skizze zu seinem Weltenmodell, auch "kosmische Becher" genannt.

Johannes Keplers Skizze zu seinem Weltenmodell, auch "kosmische Becher" genannt.

(Foto: OÖ Landes-Kultur GmbH, Land Oberösterreich)

Aber genau das hat auch Kepler schon getan. Denn seine Erklärung für den Aufbau des Sonnensystems, sein visionäres Modell einer Weltmaschine, die auf den fünf regulären Polyedern der Geometrie beruht: All das hat Kepler mithilfe der Mathematik auf dem Papier entwickelt. An reale Mondfahrten war da noch nicht zu denken. Und trotzdem kommt Kepler in der eigenwilligen Science-Fiction-Erzählung "Somnium", die 1634 posthum erschien, dem Mond in seinen Beschreibungen ziemlich nahe. Auch wenn es hier Dämonen sind, die die Hauptfigur im Traum auf den Mond schleudern. Die zum Text gehörende "Schematische Darstellung einiger Gebilde der Mondoberfläche nach Kepler", die in der Eres-Stiftung an der Wand hängt, wirkt ebenfalls sehr realistisch.

Keplers Weltmaschine begegnet einem in der höchst anregenden Ausstellung immer wieder. Ganz konkret etwa beim Hologramm-Modell im letzten Raum, welches das geometrisch-spekulative Polyeder-Weltbild Keplers mittels Projektoren und LED-Software visualisiert. Der ungarische Künstler Attila Csörgö hat es 1999 auf seine ganz eigene Weise nachgebaut. Seine Installation aus der Serie "Platonic Love" lässt ganz oberflächlich an ein Heimwerker-Regal denken. Aber tatsächlich hat Csörgö aus einfachen Materialien eine präzis justierte Konstruktion geschaffen, bei der drei der fünf platonischen Körper (Tetraeder, Würfel und Oktaeder) in einen Ikosaeder, einen Zwanzigflächner umgewandelt wurden. Ein Elektromotor bewegt Fäden und damit die geometrischen Körper. Ein gewitztes, mechanisches Spiel.

Apparate von Olafur Eliasson und Sigmar Polke

Der Österreicher Wendelin Pressl hat ebenfalls eine "Weltmaschine" geschaffen, mit dem Untertitel: "das gedachte EGOzentrische Weltbild". Sein Objekt aus Holz und Lack simuliert mit seinen kreisförmigen Ringen nur Wissenschaftlichkeit, erklärt in Wahrheit aber gar nichts. Daneben hängt eine kleine Zeichnung eines Sternenhimmels, in der man sich selbst spiegelt. Am Ende findet der Mensch in der Wissenschaft doch nur sich selbst. Olafur Eliasson hat aus Stahldraht ein an der Decke hängendes "Multiverse" kreiert, das ohne Zentrum ist und sich mit Magneten unterschiedlich aufbauen lässt. Auch hier geht es nicht um naturwissenschaftliche Exaktheit.

Und erst recht nicht bei Sigmar Polke. Der hat nämlich 1969, inspiriert vom Mondflugs-Wahn, einen Apparat geschaffen, "mit dem eine Kartoffel eine andere umkreisen kann". Ein humorvoller Kommentar zur "machina mundi", bei dem die bei einsetzender Fäulnis zu ersetzende Kartoffel per Knopfdruck unter einem Hocker kreist. Ebenfalls von Polke: Acht Fotografien von "Zollstocksternen" aus dem Jahr 1970. Hier zeigt Polke ebenfalls mit Humor die "Vermessenheit" der Menschheit auf, die er mit seinen Sternen aus Zollstöcken kommentiert. Der in München geborene Björn Dahlem hat aus Holz, Stahl, einer Wetterstation und Schmuckelementen 2022 einen "High Velocity Star" gebastelt. Gemeint ist damit ein Stern, der mit rasender Geschwindigkeit sogar gigantischen Schwerkraft-Effekten entkommt. Solche Sterne gibt es wirklich, und sie geben der Wissenschaft große Rätsel auf.

Ausstellung: Die Sprinter unter den Sternen: Der in München geborene Künstler Björn Dahlem hat sich zu seinem Werk "High Velocity Star" von einem astronomischen Phänomen inspirieren lassen.

Die Sprinter unter den Sternen: Der in München geborene Künstler Björn Dahlem hat sich zu seinem Werk "High Velocity Star" von einem astronomischen Phänomen inspirieren lassen.

(Foto: Foto-Studio Bjoern Dahlem)

Monica C. LoCascio hat aus Stahl und Messing ein kosmisches Netz kreiert und ihm den Titel "Hold On" gegeben. Inspiriert ist die Arbeit von Galaxienhaufen, die in ihrer Form hier an ein Teleskop erinnern. Das Gemälde "Oh Be A Fine Girl Kiss Me II" von Toulu Hassani hat den Sternenhimmel über ihrem Atelier als Ursprung. Davon hat Hassani Ausschnitte nachgemalt und diese mit grau-weißen Feldern kombiniert, die auf sogenannte Sternspektren zurückgehen. Hierfür wurde im 19. Jahrhundert in den USA mittels Fotografie, Prisma und Fernrohr das Lichtspektrum eines Sterns in einzelne Farbbereiche zerlegt. Die Anfangsbuchstaben des Bildtitels stehen für einen Merksatz, der den Helligkeitswert und die chemische Zusammensetzung des Sternes verrät.

Merlin Stadler aus München hat mit "A finite view of infinity" einen animierten Kurzfilm gemacht, der von Thomas Wrights Hypothesen zu den Ursprüngen des Universums aus dem 18. Jahrhundert beeinflusst ist. Im Film öffnet sich am Anfang eine Art astronomisches Auge und gibt den Blick auf eine Welt frei, in der Universen in Kugelform miteinander kollidieren, sich spiegeln und am Ende im Schwarz verschwinden. In die Arbeit sind Aufnahmen des Hubble-Teleskops eingebaut, das seit 33 Jahren durchs All fliegt. Auch hier geht es um keinen Wahrheitsanspruch, und tatsächlich war ja auch Kepler vor allem vom Glauben, an Gott und eine göttliche Ordnung, motiviert. Beim heutigen Weltraumfahrt-Wettrennen, hat man den Eindruck, geht es dagegen fast nur noch um Politik, Wirtschaft und Geld.

It's a World Machine. Kepler, Kunst & Kosmische Körper, bis 10. Sep., Eres-Stiftung, Römerstr. 15, eres-stiftung.de

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