Ausstellung:Bin ich wie ich bin?

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Ausstellung: Die Künstlerin Louise Bourgeois konnte gelassen mit ihrem Alter umgehen. Alex Van Gelder hat sie 2009 zu Hause fotografiert.

Die Künstlerin Louise Bourgeois konnte gelassen mit ihrem Alter umgehen. Alex Van Gelder hat sie 2009 zu Hause fotografiert.

(Foto: Eres Stiftung, Thomas Dashuber/Alex Van Gelder)

Zwischen Akzeptanz und Verleugnung: Die Ausstellung "Alter & Ego" in der Eres Stiftung in Schwabing geht der Frage nach, warum so viele Menschen Probleme mit dem Älterwerden haben.

Von Magdalena von Zumbusch

Seinem Alter gleichgültig gegenüberzustehen, ist nicht leicht in unserer vom Jugendwahn besessenen Gesellschaft. Umso mehr beeindruckt die Aufnahme der französischen Künstlerin Louise Bourgeois des belgischen Fotografen Alex van Gelder: Gleich zu Anfang der aktuellen Ausstellung "Alter & Ego" der Schwabinger Eres Stiftung stößt der Betrachter auf das Porträt aus den letzten Lebensjahren der Künstlerin. Es strahlt Gelassenheit und einen Hauch Trotz aus und scheint zu fragen: "Was soll denn dieses Theater um das Alter?" Bourgeois hatte viele Jahre um Anerkennung für ihre Kunst gekämpft, durfte aber in ihrer zweiten Lebenshälfte ihren Aufstieg zu weltweiter Bekanntheit erleben - und widerlegt so unsere Angst vor einem steten Abbau nach der Lebensmitte.

Mit unserer Angst im Angesicht des eigenen Alterungsprozesses setzt sich wohl auch das Werk des Münchner Künstlers Thomas Silberhorn auseinander. Ursprünglich strukturierte Gesellschaftsmodelle haben oft einen positiven Umgang mit dem Altern: In vielen indigenen Stämmen Amerikas etwa geht das Älterwerden meistens vor allem mit Privilegien einher. Die älteren Stammesmitglieder sind bestens integriert und umsorgt. Dagegen wird uns als westlicher Gesellschaft ein verkrampfter Umgang mit dem Alter nachgesagt: In einer Leistungsgesellschaft entsteht zwangsläufig Angst davor, langsam Fähigkeiten abzubauen - und dann nicht mehr gebraucht zu werden. Diese Angst macht Silberhorn mit seiner Installation eines alten Treppenlifts sichtbar: Verbogen in die Mitte eines Ausstellungsraums gelegt, kann der Lift angeschaltet werden und fährt dann, mit Umdrehungen und gegen die Wände schrubbend, durch den Raum im Kreis. Hilflos und etwas verzweifelt sieht das mit sich selbst kämpfende Gerät aus und stellt so treffend dar, wie wir uns fühlen, wenn wir uns dem eigenen Altern stellen müssen.

Ausstellung: Thomas Silberhorns Installation "Flow 2" von 2015. Ein defekter Treppenlift, der hilflos umherfährt, als Symbol für die Hilflosigkeit, die viele alte Menschen verspüren.

Thomas Silberhorns Installation "Flow 2" von 2015. Ein defekter Treppenlift, der hilflos umherfährt, als Symbol für die Hilflosigkeit, die viele alte Menschen verspüren.

(Foto: Eres Stiftung, Thomas Dashuber/ Thomas Silberhorn)

Mit dem Kampf gegen das Älterwerden setzt sich auch das Werk "On and on and on" des Kollektivs "Eres colliders" auseinander. Die Installation dreht sich um Abba und deren neue Show "Voyage". Das Performance-Capture-Verfahren bringt die vier berühmten Schweden als verjüngte Avatare in der eigens für das Projekt gebauten Konzerthalle in London auf die Bühne. Daneben sind alte analoge Aufnahmen und digital veränderte Aufnahmen der Bandmitglieder in verschiedenen Altersstufen ausgestellt: Der Betrachter kann sich Gedankenspielen hingeben an eine Zukunft, in der es möglich sein könnte, das eigene Bewusstsein über den Tod hinaus in einem Avatar oder Roboter weiterleben zu lassen.

Mehr als satt und sauber: Sibylle Fendt zeigt das humane Gegenmodell zur Altenpflege

Ein anderes Thema der Ausstellung ist die Frage, wie wir mit alternden Menschen in unserem System umgehen. Auf humorvolle Art zeigt der Kurzfilm "Uninvited Guests" des Designstudios Superflux aus dem Jahr 2015, wie die Altenpflege in Zukunft aussehen könnte: Ein älterer, alleinstehender Mann lebt in dem von seinen Kindern eingerichteten "Smart Home", widersetzt sich aber den unbequemen Anweisungen der Geräte. Statt das Gemüse zu essen, das seine smarte Gabel registrieren und vermelden soll, verleibt er sich Schnitzel und Pommes ein, stochert aber mit der Gabel daneben im Gemüse - und stellt die Smart-Gabel zufrieden. Der Mensch ist hier also schlauer als seine Maschinen, aber lässt sich von ihnen doch kontrollieren: Die Interaktion mit Menschen existiert kaum mehr, und der Alltag des alten Herrn wirkt unendlich traurig.

Die Fotoreise der Künstlerin Sibylle Fendt ("Gärnter's Reise", 2008) dagegen zeigt das humane Gegenmodell der Altenpflege - mit Kontakt zu echten Menschen, idealerweise zu den Menschen, die man liebt. Im Sommer 2008 dokumentierte Fendt die letzte gemeinsame Reise einer Demenzpatientin und ihres Partners. Das Ergebnis ist eine Reihe emotionaler Aufnahmen, die teils traurig, aber vor allem auch tröstlich anzuschauen sind.

Auch die weiteren Werke der Ausstellung deutscher und internationaler Künstler, die vom klassischen Gemälde über Fotografien und Videos bis zu Installationskunst ganz verschiedene Genres abdecken, lohnen einen Besuch für alle, die sich mit Grundsatzfragen zum Altern in unserer Zeit beschäftigen möchten: Mit dem Drang des menschlichen Egos, das Altern zu bekämpfen oder zu leugnen einerseits, und mit Versuchen, humaner mit dem Alter umzugehen andererseits.

Alter & Ego, Eres Stiftung, Römerstr. 15, bis 20. Oktober, Do., 14-18 Uhr, Sa., 11-18 Uhr und nach Vereinbarung: Telefon 089/388 79079; die wissenschaftliche Vortragsreihe beginnt am Do., 22. Sept., Infos unter https://eres-stiftung.de/en

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