MünchenAußenseiter im Fokus

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Gewinner des Oberbayerischen Kunstförderpreises "Seelen-Art" stehen fest

Von Udo Watter

Wahrgenommen werden, beklatscht werden, ein Echo erhalten, das sich nicht auf die (digitale) Echokammer des eigenen Milieus beschränkt - für die meisten Künstler und Kreativen ist Öffentlichkeit, die Aufmerksamkeit der Rezipienten, essenziell für die Verortung und Berechtigung ihres Schaffens. Die Prominenten unter ihnen werden diese Zeit der limitierten Publikumswirksamkeit überstehen, aber die, auf die ohnehin nicht so oft das Schweinwerferlicht strahlt, leiden besonders. Das gilt durchaus auch für die Protagonisten der Außenseiter-Kunst oder Art Brut: Künstler mit Psychiatrieerfahrungen oder auch geistiger Behinderung, die nur wenige Foren haben, in denen sie sich angemessen präsentieren können.

Umso bedauerlicher, aber natürlich unvermeidbar, dass die Verleihung des Oberbayerischen Kunstförderpreises Seelen-Art, die am 8. Mai im Kleinen Theater Haar stattfinden hätte sollen, abgesagt werden musste. Der Preis, der seit 2010 alle zwei Jahre vom Sozialpsychiatrischen Zentrum der Kliniken des Bezirks ausgeschrieben und realisiert wird, bietet Künstlerinnen und Künstlern aus Oberbayern, die Psychiatrie- und Psychotherapieerfahrungen haben und für die als schöpferisches Thema auch seelische Gesundheit eine Rolle spielt, eine schöne Möglichkeit, sich zu präsentieren. "Es ist schade, dass wir absagen mussten, aber wir werden auf alle Fälle eine richtige Preisverleihung nachholen" sagt Matthias Riedel-Rüppel, Intendant des Kleinen Theaters Haar.

Die Vertreter der "Outsider-Kunst" sind gewöhnlich Autodidakten, sie haben keine akademische Kunstausbildung, ihre Arbeiten erfreuen sich aber - unter anderem genau deswegen - seit einigen Jahrzehnten wachsender Beliebtheit. Sie gelten als unmittelbar, unverfälscht, roh und quasi frei von der Last der Theorie oder den Anforderungen des Kunstmarkts. "Es geht auch um Wertschätzung, die mit dieser Veranstaltung verbunden ist. Es geht dabei auch immer darum, Öffentlichkeit herzustellen", sagt Riedel-Rüppel.

In der Ausschreibungsrunde 2019/2020 wurden insgesamt 637 Werke von Künstlern aus ganz Oberbayern eingereicht, die von einer Jury in zwei Runden begutachtet und bewertet wurden. Insgesamt werden in diesem Jahr 45 erste, zweite und dritte Preise vergeben. Vier Künstlerinnen respektive Künstler werden als erste Preisträger besonders geehrt: Alexander Kott, der vor allem Holz- und Papierobjekte gestaltet, mit den Werken "Jugendstilzimmer in Wessling", "Lebensmittelladen in Wessling", und "Mercedes, Baujahr 1942, Wagen meines Vaters"; Susanne Weyand, die versiert Glas mit anderen Materialien kombiniert, für ihre Werke "Kreuzverhör" und "Überdosis"; die Künstlerin Isolden mit ihren Mixed-Media-Collagen "Freundinnen", "Muse" und "Tänzerin" sowie A. Tanja Stögermair, die eindrückliche, teils farbenfrohe Bilder malt mit "Licht - in deiner Mitte", "Licht - im Dialog" und "Glücksgefühl".

Normalerweise werden nur drei erste Preisträger gekürt, aber in diesem Jahr kam das genannte Quartett auf die selbe Punktzahl. Erstmalig in der Geschichte des Förderpreises, für den wieder Bezirkstagspräsident Josef Mederer und Kabarettist Gerhard Polt die Schirmherrschaft übernommen haben, wurde 2020 zudem ein Sonderpreis für Textilkunst ausgelobt. Diese Kategorie entschied Jerome Rußmann mit den Werken "Matroski", "Matroski Relativ matt" und "Spinne" für sich.

Die Anzahl der Teilnehmer war mit 637 nach der Premierenauflage 2010/11 am zweithöchsten. "Für einige der Künstler, die schon öfter daran teilgenommen haben, hat der Wettbewerb inzwischen einen hohen Stellenwert", sagt Riedel-Rüppel. Dem man an seinem Haus gerecht werden will. Das Kleine Theater Haar, das sich ganz im Sinne seiner Träger, des Bezirks Oberbayern, der Gemeinde Haar und des Sozialpsychiatrisches Zentrums der sozialen Kultur verpflichtet fühlt und inklusive Projekte fördert, wird also früher oder später eine Vernissage im Zeichen von "Seelen-Art" erleben - sobald es die Umstände zulassen.

Anlässlich der Preisverleihung wird ein Katalog mit den eingereichten Bildern aller Preisträger herausgegeben. Es sollen auch, wie in den vorangegangenen Auflagen, verschiedene Ausstellungen mit den preisgekrönten Werken stattfinden, unter anderem in der Galerie Bezirk Oberbayern (Prinzregentenstraße 14, München) und im Kleinen Theater Haar selbst. Um schon im Vorfeld der Öffentlichkeit die ausgewählten Werke zu präsentieren, werden täglich von Freitag, 8. Mai, an auf der Facebook-Seite von Seelen-Art die Preisträger und ihre Arbeiten vorgestellt. Ein digitales Forum ist allemal besser als gar keines.

© SZ vom 25.04.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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