Noch hatte Nina Botzen keine eigene Kundin, die 25-Jährige beginnt erst im September ihre Ausbildung zur Friseurin Salon Kitcut in der Münchner Au. Aber schon jetzt ist da dieser Gedanke, direkt die Ergebnisse ihrer Arbeit an den Haaren ihrer Kundin zu sehen, ein glückliches Gesicht vor sich zu haben und zu wissen: Das habe ich geschafft. „Darauf freue ich mich sehr.“
Mit den eigenen Händen etwas zu gestalten und unmittelbar zu sehen, was man geschafft hat: Für immer mehr junge Menschen scheint das wieder attraktiver zu werden, wie Zahlen der Handwerkskammer für München und Oberbayern zeigen: In der Stadt wurden bis Ende Juni 1014 neue Lehrverträge im Handwerk geschlossen. 2025 lag die Zahl zum gleichen Zeitpunkt bei 892, im Jahr davor bei 797. Inzwischen liege man damit über dem Niveau von vor der Pandemie, sagt Harald Gerster. Er ist bei der Handwerkskammer zuständig für Grundsatzfragen der Berufsbildung.

Die Gründe für den positiven Trend sind individuell. Nina Botzen etwa hatte ursprünglich auch ein Studium in Betracht gezogen, wusste eigenen Worten zufolge aber nicht so recht, in welcher Richtung. Der Friseurberuf hingegen habe sie schon länger interessiert, „mein ganzer Instagram-Feed war voll mit Haarvideos“. Direkt eigenes Geld zu verdienen, gleich praktisch arbeiten zu können und nicht in Theorie zu versinken, all das waren für Botzen Faktoren, die sie schließlich zu der Ausbildung im Handwerk brachten. „Und das Gefühl, mit beiden Beinen im Leben zu stehen.“
Ihre künftige Kollegin Jaqui Schmidt, die seit einem knappen Jahr in Ausbildung bei Kitcut ist, hatte ebenfalls schon früh den Wunsch, Friseurin zu werden. „Dann bin ich aber davon abgerückt, unter anderem, weil es von der Gesellschaft nicht so anerkannt wird.“ Erst im Gespräch mit Sarina Stapfer, der Inhaberin von Kitcut, die sie schon länger privat kannte, änderte Schmidt ihre Meinung. Bereut hat die 22-Jährige ihren Entschluss nicht, sagt sie. Besonders die Vielfalt macht den Job für sie spannend: „Man macht immer wieder etwas anderes.“ Mit verschiedenen Haarfarben zu experimentieren und dann das Ergebnis und den zufriedenen Blick einer Kundin zu sehen, „das liebe ich“.
Auch Harald Gerster von der Handwerkskammer beobachtet, dass viele junge Menschen wieder offener gegenüber Ausbildungen geworden sind. Früher hätten die Schulen bei der Berufsorientierung den Fokus auf das Studium gelegt. Das Handwerk habe unter dem Image gelitten, es sei altbacken und schmutzig, zudem herrsche im Gewerbe ein rauer Ton. Doch inzwischen habe sich viel getan. „Gesellschaftlich erfahren wir mehr Wertschätzung.“ Den Menschen wird laut Gerster wieder bewusst, wie wichtig Handwerker seien. Entsprechend steige auch der Anteil an Lehrlingen mit Abitur.
Vor allem der Bereich Energie- und Klimawende entwickle sich gut, dazu gehören unter anderem Berufe wie Anlagenmechaniker, Elektroniker und Tätigkeiten im Baugewerbe, die sich mit Gebäudesanierung und Solarenergie beschäftigen. Für viele junge Menschen seien diese Jobs attraktiver geworden, sagt Gerster. „Sie wollen einen Beruf, in dem sie etwas zur Energiewende beitragen können.“ Das sei momentan „einfach in“.
Ein weiterer Faktor, der das Handwerk aus Gersters Sicht immer attraktiver macht: „Als 17-Jähriger muss man sich heute fragen: Welche Berufe gibt es in fünf Jahren noch?“ Künstliche Intelligenz gehe auch am Handwerk nicht spurlos vorbei, sagt Gerster. Aber die Technik übernehme eher Tätigkeiten, die Handwerker ohnehin ungern machen würden, beispielsweise in der Buchhaltung. Dass sie handwerkliche Berufe ersetzen kann, ist hingegen unwahrscheinlich: Brot backen oder Haare schneiden kann keine KI.
Für Jaqui Schmidt war dieser Faktor zwar nicht ausschlaggebend für ihre Berufswahl, die Zukunftssicherheit hatte sie eigenen Worten zufolge bei der Entscheidung aber durchaus im Kopf. Letztens habe sie ein Video gesehen, in dem ein Roboter Haare schneide. „Aber wer will das?“ Maschinen könnten schließlich nicht auf individuelle Wünsche eingehen. „Der Friseurberuf hat eine sehr sichere Zukunft“, sagt auch Nina Botzen.
Ihre Chefin Sarina Stapfer hat eigener Aussage nach keine Probleme, neue Auszubildende zu finden. Von Kollegen weiß sie aber, dass es nicht allen so geht: Manche würden nach wie vor mit Nachwuchssorgen kämpfen. Gegensteuern könne man, indem man gezielt junge Menschen anspreche, etwa mit modernen Konzepten und über soziale Medien wie Tiktok. Und man müsse die Vorteile des Handwerks stärker bewerben: „Man hat jeden Tag Erfolgserlebnisse.“
Auch das Handwerk hänge zwar an allgemeinen Strukturproblemen der Industrie, in der die Ausbildungszahlen rückläufig seien, sagt Gerster. Man sei aber dennoch etwas abgekoppelt. Teilweise profitiere das Handwerk sogar von einer schwächelnden Industrie: Wenn große Firmen etwa in der Automobilbranche Einstellungsstopps haben, entscheiden sich junge Leute, die gerne in diesem Bereich arbeiten wollen, eventuell für eine entsprechende Ausbildung im Handwerk. Gerster ist optimistisch, was die weitere Entwicklung angeht: „In Deutschland gibt es für Handwerker genug Arbeit für 100 Jahre.“

