Cosimo Scherrer wälzt sich am nassen Betonboden. Der Schauspielstudent möchte 14 Stunden in einem Quadrat auf dem Hof der Akademie verbringen, eingeschlossen in Projektionen aus dem Werk der US-amerikanischen Künstlerin Agnes Martin (1912-2004). Ziel ist es, sich ihren Bildern auszuliefern und sie in Sprache und Bewegung zu übersetzen. Eine ganze Nacht lang.
Warum tut er das?
Und was bedeutet es, sich den Bildern von Agnes Martin auszusetzen?
Die amerikanische Malerin befand sich selbst an den äußeren Rändern des gesellschaftlichen Treibens, vom regen Metropolleben bis hin zur radikalen Isolation. Prägend für ihr Schaffen war ihre Zeit im Coenties Slip in den 1950er- und 1960er-Jahren, einem heruntergekommenen Hafenabschnitt in Lower Manhattan. Die baufälligen Lofts dort entwickelten sich zu einem Zentrum für Kunstschaffende, unter ihnen Robert Indiana und Ellsworth Kelly. Dort fand Agnes Martin zu ihrem charakteristischen Stil – bestehend aus minimalistischen linearen Rastern und Mustern.
Agnes Martin etablierte sich in der dortigen Kunstszene. Der berufliche Erfolg war jedoch begleitet von einer persönlichen Krise, die 1967 im radikalen Bruch mündete. Martin verließ New York und wanderte in die Wüste New Mexicos aus. Allein und isoliert von der Gesellschaft nahm sie eine siebenjährige Auszeit von der Malerei. Sie lebte zurückgezogen, blieb aber weiterhin erfolgreich mit ihrer Kunst. Sie war mehrfache Documenta-Teilnehmerin und wurde 1997 mit dem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk bei der Biennale in Venedig ausgezeichnet.
Diesem Leben und Werk widmet sich Scherrer im betonierten Graben vor der Theaterakademie. Zu Beginn beklebt er langsam und sorgfältig die Ränder der Projektion. Das orangene Klebeband sticht gegenüber dem blauen Raster von Martins Bild hervor. Es markiert die Grenzen von Scherrers Welt. Im zehnminütigen Takt wechseln die Bilder; sie dirigieren die Performance. Von einem dramaturgischen roten Faden hier zu sprechen wäre falsch – wie es ebenso fehlgeleitet wäre, den Bildern von Martin ein Thema zu unterlegen. Vielmehr ergründet Scherrer seine eigene Welt. Er ist der Mittelpunkt und doch isoliert von der Gesellschaft um ihn herum, die ihn von oben die ganze Nacht beobachtet.
Die Darbietung gleicht einem Spiel von Bewegung und Sprache. Seine Expressionen erscheinen abstrakt und formlos. Mal balanciert er an den Grenzen seiner Welt entlang, mal ertastet er den Boden, bemalt ihn, wäscht ihn, wälzt sich und gibt sich vollkommen hin. Seine Worte folgen einem Thema, Redundanz nimmt ihnen aber jegliche Bedeutung. Scherrers Performance wirkt wie eine Erkundung seiner Eindrücke. Es ist nicht die direkte Darstellung von etwas bestimmtem, sondern vielmehr der Ausdruck einer abstrakten, inneren Spannung.
Und diese Spannung lässt einen nicht los. Wie die Bilder Martins wirkt die Performance inhaltlich simpel und unspektakulär. Doch darin liegt eine Tiefe, die in den Bann zieht. Viele der Expressionen Scherrers sind nach einiger Zeit erwartbar, und trotzdem besteht das Gefühl, dass etwas zu verpassen ist, sollte man die Performance verlassen. Damit kommt Scherrer den Bildern von Agnes Martin erstaunlich nahe.
Am Freitag ist dem Schauspieler die Erschöpfung anzusehen. Die Klamotten sind nass und dreckig, seine Bewegungen wirken kraftlos und matt. Nach 14 Stunden verlässt Scherrer das Quadrat. Die Performance hallt nach. Kunst ist ein ausdauerndes Unterfangen, das dem Künstler enorm viel abverlangt. Martins Leben ist dafür beispielhaft. Scherrers Performance erinnert daran, dass es den Aufwand wert ist.

