Noah Lackmann gießt auf. Langsam. Konzentriert. Er schenkt japanischen Grüntee in winzige Tässchen, kaum größer als Schnapsgläser. Die Menschen, die ihm gegenüber an der langen Tafel sitzen, verfolgen jede seiner Handbewegungen. Sie riechen, schlürfen, nicken anerkennend. Jemand murmelt etwas von „grasigen Noten“. Ein junger Mann kommentiert die Wassertemperatur und die Ziehzeit. Und, Moment mal, hat die Frau neben ihm gerade wirklich gesagt, sie habe kürzlich einen Tee gekauft, der einen Euro kostet – pro Gramm?
Willkommen beim „Tea Saturday“. Das monatliche Treffen der Münchner Tee-Nerds haben die beiden Studenten Noah Lackmann und Lukas Wenzel Anfang 2025 ins Leben gerufen. Das Prinzip hinter dem zwanglosen Treffen ist simpel: Jeder bringt seine Lieblingstees mit, es wird geteilt, probiert, erzählt und, ja, auch nach allen Regeln der Kunst gefachsimpelt.
Was auf den ersten Blick nach Nische klingt, wird gerade zum Trend. Immer mehr und immer jüngere Menschen zelebrieren Teetrinken als Gemeinschaftserlebnis und tauchen tief in die Kultur des Heißgetränks ein.
Zur Entstehung der Community hat das Internet wesentlich beigetragen. Die losen Blätter, die Utensilien aus Ton, Holz und Textil sind ausgesprochen instagrammable. Für viele symbolisieren sie Entschleunigung inmitten einer Welt des endlosen Scrollens: Ganz anders als beim krachert bunten Influencer-Drink Matcha Latte stehen hier das Naturprodukt und die Handwerkskunst im Mittelpunkt.
Eine Größe auf Instagram ist der Münchner Marcel Karcher. 25 000 Follower verfolgen die Verkostungsnotizen und atmosphärischen Bilder, die er unter dem Namen „tea.log“ veröffentlicht. Aus dem vor acht Jahren gestarteten Onlineprojekt ist mittlerweile ein Treffpunkt in der analogen Welt erwachsen: 2023 hat Karcher die Unearthed Gallery in Schwabing eröffnet. Der 35-Jährige sieht sich als Tee-Botschafter: In Verkostungen und Seminaren wie „Journey of Tea“ teilt er sein Wissen und seine Passion: Wo kommt der Tee eigentlich her? Wie wird er verarbeitet? Welche verschiedenen Sorten gibt es? Und wie bereite ich die zu?
Karcher weiß, dass er sich mit dem Thema eine harte Nuss vorgenommen hat: Deutschland ist Beuteltee-Land. Wer zu einem anderen Heißgetränk als Kaffee greift, macht sich verdächtig: Bist du etwa krank? Neben Pfefferminz- und Fenchel-Tee findet sich im Durchschnittshaushalt allenfalls ein halb leeres Päckchen Darjeeling für den einsamen Genuss im Ohrensessel.

Das ändert sich gerade gewaltig: Teetrinken wird in Seminaren und offenen Formaten wie dem „Tea Saturday“ (für den Karcher seine Galerie bereitstellt) als Gemeinschaftserlebnis zelebriert. Und hinter jeder Tasse stecken spannende Geschichten, die erzählt werden wollen. Geschichten, die viel mit dem zu tun haben, was zeitgenössischen Großstädtern lieb und teuer ist: Achtsamkeit, Gesundheitsbewusstsein, nachhaltiger Konsum, Wertschätzung für das Handwerk. Und, klar, auch eine Prise Distinktion.
Die Community trifft sich regelmäßig auf über ganz Europa verteilten Teefestivals, zuletzt in Berlin, bald in Amsterdam, dann in Prag. Wer kann, betreibt Herkunftsforschung vor Ort: in Japan, China, Indien. So wie Christian Beck. Der Wahl-Augsburger verbrachte als Student und später als Unternehmensberater viel Zeit in Asien. 2020 dokumentierte er seine Abstecher auf Plantagen und seine Gespräche mit Teebauern in einem ersten Buch, „Tea Trip China & Taiwan“ (Slanted Publishers). Vor wenigen Wochen erschien ein zweiter Band mit Japan-Schwerpunkt.

Jetzt empfängt Beck in einem hellen, großzügigen Altbau im Zentrum Augsburgs. Mit einer hölzernen Schütte befördert er feine, nadelförmig gerollte Blätter in die vor ihm stehende Kyusu, ein kompaktes Kännchen mit Seitengriff. Seinen „tea space“ gibt es erst seit Anfang des vergangenen Jahres, doch wenn Beck und seine Partnerin Janina Hentschel zu Verkostungen, Aufguss-Lehrgängen oder Tee-Meditationen einladen, sind die Plätze schnell ausgebucht. Der 46-Jährige ist in der Szene eine Institution, bereits seit 2010 betreibt er die Marke „Teekenner“.
Frage an den Kenner, nach dem ersten Schluck des frisch aufgegossenen Gyokuros, einem High-End-Japantee: Wie beschreibe ich am besten, was ich da schmecke? Denn es ist ja alles andere als einfach: Mit seiner Geschmacksvielfalt, all den unterschiedlichen Zubereitungsarten und der Vielzahl von Aufgüssen toppt Tee sogar das esoterische Vokabular der Weinszene. Beck erklärt: „Dieser Tee ist weich und gleichzeitig energetisierend. Er bringt eine volle Ladung Umami mit. Am liebsten sage ich es aber so: Er zaubert mir jedes Mal ein dickes Grinsen ins Gesicht.“
Da ist sie also: die Achtsamkeit. Wer Tee trinkt, nimmt sich Zeit für den bewussten Genuss. Und pusht sich gleichzeitig ein bisschen. Denn egal, ob grün, schwarz, weiß, Oolong oder Pu-Erh: Tee ist ein koffeinhaltiges Getränk. Anders als der morgendliche Hallo-wach-Kaffee aber wirkt Tee auf viele Trinker ausgleichend. Einige meinen sogar: Mit Tee kann man seine Konzentration und Leistungsfähigkeit ganz genau modulieren.

Mit diesen Eigenschaften setzt sich Sandeh von Tucher seit vielen Jahren auseinander. Ihre Kenntnisse aus der TCM-Ernährung (Traditionelle Chinesische Medizin) wollte sie in die Breite tragen und gründete 2008 das Tushita Teehaus im Glockenbachviertel. Die 57 Jahre alte Pionierin der Szene erinnert sich: „Damals waren Matcha oder vegane Speisen den meisten ja noch völlig fremd.“ Sie sei selbst überrascht gewesen, dass dann doch genügend Weltenbummler und Experimentierfreudige in München zusammenkamen, um dem Tushita von Anfang an eine Stammkundschaft zu bescheren.
Längst sind bewusstes Essen und Trinken Mainstream. Wer es richtig ernst meint – so wie zum Beispiel die in München immer präsentere Digitalszene –, setzt nun auf Longevity. Das kann auch Tucher an ihren Gästen ablesen: Sie sind jünger als früher, internationaler. Viele gönnen sich mit ihrem Besuch im Teehaus eine bewusste Auszeit vom hektischen Arbeitsleben. Und einige bleiben länger als nur für eine Schale Tee: Neben Tee-Zeremonien und -Seminaren bietet das „Tushita“ auch Qi Gong und Meditation an.

Purer Zufall ist das nicht: Tee ist nicht ohne seinen kulturellen Kontext zu verstehen. Mehr noch: Teetrinken ist eine Kulturtechnik an sich, wie Jin Kyoung Choi feststellt. Sie muss es wissen: Die gebürtige Südkoreanerin forscht und unterrichtet an der LMU München sowie im belgischen Gent zu „Tee und Buddhismus“. In ihrem Laifufu Teesalon in München-Neuhausen vermittelt sie ihre Liebe zum Tee aber auch ganz unakademisch: Regelmäßig lädt sie zu Gong Fu Cha – der chinesischen Form der Teezeremonie – und Verkostungen verschiedener Spezialitäten ein.
Da traut man sich kaum, die Frage zu stellen, die einem schon die ganze Zeit auf der Zunge liegt: Teefans berichten immer wieder mit leuchtenden Augen vom Zustand der Teetrunkenheit („tea drunk“). Gibt es das Phänomen wirklich? Choi lächelt, wägt kurz ihre Worte ab. Und berichtet dann, wie wundervoll es sei, sich in guter Gesellschaft und mit stets gefüllter Teekanne die halbe Nacht lang angeregt zu unterhalten. Hellwach, aufmerksam – und garantiert ohne Kater am nächsten Tag.
- „Tea Saturday“, monatlich, in der Regel in der Unearthed Gallery, München, Gabelsbergerstraße 83, Termine auf Instagram unter @tea_saturday_munich; „Journey of Tea“-Einführung für Tee-Neulinge u.a., Unearthed Gallery;
- Tushita Teehaus, Klenzestraße 53, München, teehaus.tushita.eu;
- Laifufu Teesalon, Maillinger Straße 14, München, laifufu.de
- tea space, Völkstraße 27, Augsburg, tea-space.de;

