München Auf der Durchreise

"Wartezimmer" heißt die Gemeinschaftsausstellung, die Maria Graf und Karin Zwack in einer ehemaligen Fahrschule zeigen

Von Jutta Czeguhn

Es soll Menschen geben, die warten ihr ganzes Leben darauf, von einer weißen Kutsche abgeholt zu werden. In diesem Fall ist es die Kutsche, die wartet, auf regennassem Asphalt, zusammen mit dem Kutscher und dem Pferd. Sie stehen wie hingezaubert am Kai eines litauischen Industriehafens, Kräne und Silos sind im Hintergrund zu sehen, grauer Himmel, graues Meer. Sehr unwahrscheinlich, dass hier in absehbarer Zeit jemand vorbeikommt, um eine Rundfahrt zu unternehmen. Was bleibt, ist also: zu warten.

Karin Zwacks Fotografie zeigt dieses Warten als ruhigen Vorgang, dem sich die kleine Wartegemeinschaft, der Kutscher und sein Gaul, gelassen hingibt. Das Bild wirkt fast schon provozierend auf alle, denen jede Unterbrechung im Zeitfluss suspekt ist, denn das Schlimmste, das einem Wartenden zustoßen kann, ist bekanntlich, dass nichts, absolut nichts passiert. Deshalb wurden ja Wartenummern, Durchsagen und andere Ablenkungsspielereien und Hinhaltezuckerl für die Wartezimmer dieser Welt erfunden.

"Wartezimmer" nennen Maria Graf und Karin Zwack - kurz "grafzwack" - ihre aktuelle Ausstellung. Vieles auf ihren Fotografien und Zeichnungen befindet sich in einem Zwischenzustand. Die beiden Münchner Künstlerinnen zeigen vor allem Orte, die einmal etwas waren und noch nicht wieder etwas sind, Transitzonen. So wie der Ausstellungsraum an der St.-Bonifatius-Straße, der war einst eine Fahrschule, dann lange im Leerstand, demnächst soll er Teil werden des neuen Wohn- und Geschäftskomplexes, zu dem die beiden denkmalgeschützten ockerfarbenen Gebäude nahe dem Nockherberg umgebaut werden. Einst gab es in dem alten Quartier 52 Mietparteien plus sechs Geschäfte, geblieben sind nur ihre Klingelschilder neben längst toten Gegensprechanlagen.

Schönheit im Hässlichen: Blumen warten in groben Plastik-Trögen darauf,dass man mit ihnen eine alte Synagoge schmückt.

(Foto: Karin Zwack)

Der Bauträger, die Straubinger Gerl & Vilsmeier GmbH, hat die aufgelassenen Ladenzeilen im Erdgeschoss den Giesingern für Zwischennutzungsprojekte zur Verfügung gestellt. Sie werden seit geraumer Zeit von der "Lebenshilfe" und von Künstlern mietfrei genutzt. Karin Zwack kann zusammen mit der Künstlerin Asta von Unger die kleine Galerie in der ehemaligen Fahrschule betreiben. Sie haben sie "Windows" genannt, weil sich die Kunst dort zunächst auf die Gestaltung der Schaufenster beschränken sollte. Mittlerweile dürfen sie auch die beiden Innenräume für Ausstellungen nutzen. Begleitet und unterstützt wird die kleine Kunstszene auf Abruf vom Stadtteilladen, der zum Förderprogramm "Soziale Stadt Giesing" gehört, und vom Kulturreferat.

Das alte Gemäuer an der St.-Bonifatius-Straße 1-3 wartet also auf bessere, schmuckere Zeiten, zumindest wenn man der riesigen Bautafel Glauben schenken darf. Für Karin Zwack und Maria Graf jedenfalls ist die ehemalige Fahrschule schön, wie sie ist, und ein wunderbarer Resonanzraum für das Gemeinschaftsprojekt "grafzwack", in dem das Warten quasi der Leim ist, der alles miteinander verbindet. Seit 15 Jahren entstehen die Arbeiten der beiden Künstlerinnen nach einer Art Pingpong-Prinzip. Die eine fängt an, die andere führt die Ansätze fort, schafft zarte Gegenentwürfe, reduziert. Anfangs tauschten Zwack und Graf Malerei in größeren Formaten. "Als ich dann nach Berlin zog, sind wir zu kleineren Formaten, zu den Zeichnungen übergegangen", erzählt Karin Zwack. Mittlerweile lebt sie wieder in München, doch das gespannte Warten auf die Zeichenmappe der Künstlerkollegin ist geblieben. "Es ist wie eine wortlose Konversation", sagt Zwack. Bis zu zehn Schichten könne so ein Werk haben, doch ist ihr aufgefallen: "Je älter wir werden, desto reduzierter werden wir." Karin Zwack und Maria Graf sind beide um die Vierzig.

Die kleinformatigen Zeichnungen haben eine tastende, spielerische Qualität. Oft sind die Skizzen auf Reisen entstanden, rasch hingeworfene Striche, ein Haus, zu dem sich dann in einer anderen künstlerischen Handschrift eine Landschaft oder eine Figur gesellt. Andeutungen, keine fertigen Geschichten seien das, so Zwack. Eher etwas wie Angebote an die Betrachter, Geschichten aufkommen zu lassen, die weitergesponnen oder zu Ende erzählt werden könnten. Die Zeichnungen vertragen sich an den Wänden überraschend gut mit den viel größeren Fotografien, die keine Kooperationen, sondern Einzelarbeiten sind. Alles spielt da gut zusammen, nicht zu irgendeiner Harmonie gezwungen, entsteht Spannung und eine Klangfarbe im grauen Raum, wo einst die Straßenverkehrsordnung gebüffelt wurde.

Karin Zwack (rechts) hat diese Fotografie in Vilnius aufgenommen. Zusammen mit Maria Graf erkundet sie das Phänomen des Wartens.

(Foto: Privat)

Während die eher "leeren" Zeichnungen ihren ungewöhnlichen Entstehungsprozess thematisieren und dadurch im Abstrakten bleiben, gehen die Fotografien die Koppelung mit der Realität ein. Zumindest strebt das Betrachterauge unweigerlich dahin. Beide Künstlerinnen sind viel auf Reisen. Ohne sich da konzeptionell abzustimmen, haben sie irgendwann festgestellt, dass es ähnliche Themen sind, die ihre Aufmerksamkeit anziehen: das Unfertige, Fragmentarische, durchaus das, was als "Unorte" bezeichnet werden kann, derer sich wohl eher selten eine Kamera annimmt. Der seit Langem schon dem Verfall preisgegebene Kulturpalast im estnischen Tallinn etwa, den Karin Zwack entdeckt hat, ist eine grobschlächtige architektonische Unmäßigkeit noch aus der Sowjetzeit. Und doch berührt das Betonungetüm mit seiner geduldigen Würde, mit der es einen quälend langsamen Tod stirbt. In Vilnius, Wilna, das einst als "Jerusalem des Ostens" galt, hat Zwack in einer Synagoge fotografiert. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten mehr als 220 000 Juden in der Stadt, die dann fast alle von den SS-Truppen umgebracht wurden. Die Fotografie, die Zwack von dort mitgebracht hat, zeigt hässliche Plastiktröge, in denen vor Schönheit und Fülle strotzende Blumen darauf warten, dass jemand die Synagoge damit schmückt. Ein bereits aufgegebener Ort, der wieder eine Zukunft hat.

Karin Zwack, Maria Graf, Asta von Unger und die anderen Künstler, die in den Ladenzeilen an der St.-Bonifatius-Straße einen kleinen sozial-kulturellen Kosmos entstehen lassen, werden wohl Ende November dort die Türen hinter sich schließen. Dann wird der Investor dem Warten des alten Gebäudes, dessen Kellergewölbe schon wie bei einem erlegten Tier ausgewaidet sind, ein Ende bereiten. Die Künstler ziehen weiter, womöglich zu einem anderen Ort, an dem die Zeit für eine Weile stillstehen darf.

Ausstellung "Wartezimmer" in der Galerie "Windows", St.-Bonifatius-Straße 1, geöffnet nach Vereinbarung unter info@grafzwack.net, Finissage am Samstag, 17. November, 15 bis 18 Uhr, am Freitag, 30. November, 15 bis 18 Uhr, Ausstellung von Bildern aus einem Kinder-Workshop.