Kulturzentrum Bergson in Aubing:Ouvertüre im Kunstkraftwerk

Kulturzentrum Bergson in Aubing: So soll das Innere des neuen Kultur- und Event-Zentrums Bergson im alten Heizkraftwerk von Aubing bald aussehen.

So soll das Innere des neuen Kultur- und Event-Zentrums Bergson im alten Heizkraftwerk von Aubing bald aussehen.

(Foto: Allguth GmbH)

Die Brüder Amberger laden zu einer ersten Begehung der Baustelle im alten Aubinger Heizkraftwerk. Dort entsteht das "Bergson" mit Konzerträumen, Biergarten, Bars, Event-Flächen, einer riesigen Galerie - und einem Fledermaus-Biotop.

Von Susanne Hermanski

Noch trägt der Mensch am besten Wanderschuhe, wenn er das "Bergson" besuchen will. Doch schon zu Silvester 2023 soll das neue "Bergson Kunstkraftwerk" im alten Heizkraftwerk von Aubing tanzschuhtauglich sein. Nach einer sanften Eröffnung am 10. Oktober 2023 soll ein Silvesterfest steigen - für eine Ouvertüre mit Glanz, Wumms und Gloria. Was dort, am Rande eines unscheinbaren Wohn- und Gewerbegebiets "All Area Party " heißen wird, könnte atemberaubend werden.

Bei einer Ortsbegehung konnte man sich an diesem Freitag vom großen Fortschritt überzeugen, den die Bauarbeiten nun, nach vielen Jahren Planung, genommen haben. Neben den Eigentümern Michael und Christian Amberger waren gekommen: Bürgermeisterin Katrin Habenschaden (Grüne), der Architekt des kühnen Projekts, Markus Stenger, und der künftige künstlerische Leiter des Bergson, Roman Sladek - bekannt als Leader der Jazzrausch Bigband.

Als die Ambergers, denen die Tankstellenkette Allguth gehört, sich 2005 in die historische Kesselhalle verliebten und sie samt dem umliegenden 20 000 Quadratmeter großen Gelände kauften, war dieses Prachtstück der Industriearchitektur der Zwanzigerjahre eine Ruine. 1988 funktionslos geworden, wurde sie in den Neunzigern durch ebenso illegale wie orgiastische Techno-Raves gehörig runtergerockt. Keine Scheibe war mehr heil in den schmalen hohen Fenstern, die die 25 Meter hohen Fassaden durchziehen. Im Keller stand das Wasser.

"Eigentlich bestand das Ganze nur noch aus drei intakten Mauern", sagt Michael Amberger, der sich von derlei profanen Realitäten nicht entmutigen ließ. Es war der Blick hinauf zur Decke, hoch wie in ein Gotteshaus, der ihn gefangen hielt. Dass auch diese Decke marode war - sei's drum.

Nun ist das Dach erneuert. Darunter stehen noch viele Baugerüste. Es lässt sich schon erkennen, wo hier später im wahrsten Sinne die Musik spielt, wo die Bar stehen wird, wo das Restaurant seinen Platz haben und wo eine riesige Treppe in höhere Gefilde führen wird. Dorthin, wo die gewaltigen Kohletrichter hängen und hängen bleiben - als innen roh belassene Kuben, in denen Kunst gezeigt werden kann. Und wo zum Kontrast, hoch unterm Dach mit Aussicht, ein eleganter Salon für maximal 50 Personen entsteht.

Kulturzentrum Bergson in Aubing: Das Computerbild zeigt, wie Neubau und alte Halle miteinander in Beziehung stehen.

Das Computerbild zeigt, wie Neubau und alte Halle miteinander in Beziehung stehen.

(Foto: Allguth GmbH)

Auf der Nordseite der historischen Halle ist seit wenigen Tagen das Fundament für einen modernen Anbau gegossen. Denn das Werk aus den Zwanzigerjahren wird nun hundert Jahre später flankiert von Neubauten. Die sollen unter anderem einen Konzertsaal, das "Elektra Tonquartier", beherbergen. Darüber hinaus soll dort die größte private Kunstgalerie Deutschlands entstehen. Zählt man sämtliche Flächen zusammen, die für Bildende Kunst im Bergson zur Verfügung stehen, kommt man auf 1800 Quadratmeter.

Tief unterm Bergson werden die Nachtschwärmer im Live-Club Barbastelle feiern. Der ist benannt nach der seltenen Mopsfledermaus, der in den Kellern mit großem Aufwand ein eigenes Winterquartier eingerichtet worden ist. Für die seltenen Tiere, die sich in der Ruine angesiedelt hatten, ist ein eigener Bereich abgetrennt und mit eigenem Ausgang - oder besser Flugtunnel - versehen. Ein Biotop vorm Haus, das für Batmans Kumpane und andere tierische Ruinenbewohner angelegt worden ist, wächst und gedeiht. "Umsiedlung erfolgreich", geben eigens dafür engagierte Biologen zu Protokoll.

Programm mit hohem Anspruch

Michael und Christian Amberger verfolgen hehre, aber auch ehrgeizige Ziele mit dem Bergson. "Es soll das kulturelle Leben weit über Münchens Grenzen hinaus bereichern", sagt Michael Amberger. Es soll ein Ort sein, der mit immer neuen Präsentationen von moderner Kunst, Konzerten und Veranstaltungen täglich offen steht. Für jedermann. Zugleich wissen die Ambergers, was für einen einzigartigen Ort sie da schaffen. Das Bergson ist auch als Event Location etwa für Firmen und private Feiern konzipiert.

Dafür sind Superlative zugkräftig, die "Pulpo Gallery" mit ihren 1800 Quadratmetern Fläche etwa. Ihre Räume ermöglichen, bis zu fünf Ausstellungen parallel stattfinden zu lassen. Das hat Museumsdimensionen. Bespielt wird die Galeriefläche von Katherina und Nico Zeifang, die bereits eine gleichnamige Galerie mit Sitz in Murnau national und international etabliert haben.

Das Bergson hat künftig gar sein eigenes Orchester - wenn auch ein sehr unkonventionelles: Die Jazzrausch Bigband, die Jazz und Techno verschmelzen lässt und über Münchens Grenzen hinaus bekannt ist, soll hier künftig ihre "Residence" finden. Und wenn deren Gründer Roman Sladek nun als künstlerischer Leiter fürs gesamte Musikprogramm des Hauses firmiert, dann hat er in der Tat alle Hände voll zu tun. Das Elektra Tonquartier ist als moderner Konzertsaal in der Lage, mehrere Hundert Aufführungen im Jahr zu beherbergen. Der Live Club Barbastelle braucht zudem ein eigenes Programm für sein Fassungsvermögen von 100 Gästen.

Nicht mehr unter Sladeks Kuratel, doch ebenfalls zu bespielen sind weitere Bühnen, die speziell für Wortformate eingerichtet werden. Die Brüder Amberger haben dafür einen prominenten Journalisten der Klassik-Szene gewonnen, der demnächst den Bayerischen Rundfunk verlässt: Maximilian Maier firmiert dann im Bergson als "Director Programming". Er wird auch für die Public Relations des Kunstkraftwerks zuständig sein. "Bei den Wortformaten steht zum einen die Wissensvermittlung im Fokus, zum Beispiel in den Bereichen Politik, Wissenschaft oder Kultur. Zum anderen soll aber auch Raum für die lebendige Debatte geschaffen werden", sagt Maier.

Kulturzentrum Bergson in Aubing: So soll der Biergarten des Bergson aussehen.

So soll der Biergarten des Bergson aussehen.

(Foto: Allguth GmbH)

Die Gastronomie versorgt bis zu 900 Gäste

Für die Niedrigschwelligkeit des Zugangs zum Bergson steht das vielfältige Gastronomie-Angebot. Mehr als 900 Gäste können in insgesamt fünf Bereichen bewirtet werden. Das zentrale Restaurant soll bis zu 90 Gästen Kulinarik von regionalen Erzeugern anbieten. An warmen Tagen aber werden auf der Außenterrasse weitere 110 und zusätzlich 500 Gäste im Biergarten Platz finden. Darüber hinaus gibt es die Tagesbar für 100 Gäste, und auch das Barbastelle wird über eine eigene Speisekarte verfügen.

Zu jenen, die sich besonders über das Kunstkraftwerk im Münchner Westen freuen, "in dem wir Kultur und hochwertige gastronomische Versorgung durchaus noch vermisst haben", gehört Katrin Habenschaden. Sie sieht an diesem Vormittag nicht zum ersten Mal nach dem Gedeihen der Baustelle. Die Bürgermeisterin wohnt in der unmittelbaren Nachbarschaft, an der Bergsonstraße. Und nach deren Namensgeber ist das Bergson auch benannt.

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