Süddeutsche Zeitung

Aubing:So neu und schon unbeliebt

Jahrzehntelang haben die Anwohner eine Buslinie gefordert, die sie mit Pasing verbindet. Seit vier Wochen ist der 157er-Bus im Einsatz, und die Leute regen sich auf über Parkverbote und Raserei in Wohnstraßen

Das Stadtviertel Aubing hat seit vier Wochen eine neue Buslinie. Anfangs war die Freude im Viertel groß, nun eine direkte Anbindung nach Pasing, ans Westkreuz und an Alt-Aubings Dorfkern mit seinen Läden und Arztzentren zu bekommen. Nicht nur bei den Lokalpolitikern, die diese Verbindung 30 Jahre lang gefordert haben. Auch die Anwohner reagierten begeistert. Inzwischen allerdings hat sich dieses Gefühl bei vielen Nachbarn ins Gegenteil verkehrt. "Sollten die aktuell herrschenden Umstände so bleiben, werden wir aus dieser Gegend fortziehen", kündigt ein Anlieger der Hellensteinstraße an. Der Mann ist nicht der einzige, der frustriert ist: Wegen neu aufgestellter Halteverbote finden die Anwohner jetzt kaum mehr einen Parkplatz in der Nähe ihrer Haustür. Ein weiterer Nebeneffekt: Weil die bislang als Bremsfaktor wirkenden Parker wegfallen, wird in den Straßen längs der Bustrasse neuerdings gerast. "Die Wohnqualität", klagen die Betroffenen, "hat sich damit erheblich verschlechtert."

Deutlich zu spüren war dieser Unmut jüngst in der Sitzung des Bezirksausschusses (BA) Aubing-Lochhausen-Langwied. So gut besucht war eine Gremiumssitzung selten: An die 30 Aubinger - Anlieger der Hellensteinstraße, des Ravensburger Rings und der Gegend rund um die Aubing-Ost-Straße - machten ihrem Ärger über die neue Buslinie 157 Luft. Zuvor hatte das Stadtteilgremium bereits sieben Zuschriften erhalten, alle mit demselben Impetus: Eine konstruktive Lösung müsse her, die auch die Bedürfnisse der Anwohner berücksichtige.

"Seit der Ravensburger Ring in voller Breite befahrbar ist, donnern die meisten Autos, Lkw und sogar die Busse der neuen Linie 157 mit weit überhöhter Geschwindigkeit durch unsere Anwohnerstraße", schimpft eine Aubingerin in einem dieser Schreiben an den BA. Autofahrer, die keine Tiefgaragenplätze besäßen, berichtet sie, suchten teils länger als eine Stunde nach einer Parkmöglichkeit. Weil es keine gebe, stünden die Pkw mittlerweile vermehrt in Feuerwehranfahrtszonen und auf den Wiesen. "In horrende Höhen" gestiegen seien außerdem die Mietpreise noch verfügbarer Tiefgaragenplätze - in einigen Fällen um das Dreifache.

Ein Vater, der mit seiner Familie an der Hellensteinstraße wohnt, moniert nicht nur, dass er wegen des absoluten Halteverbots auf beiden Seiten der Straße seine Wocheneinkäufe nicht mehr vor dem Haus ausladen kann und keinen Parkplatz im Umkreis von 300 Metern mehr findet. Er hat auch Angst um seine Kinder: Bereits wiederholt habe er "gefährliche Überholmanöver an Bushaltestellen" beobachtet. "Von einem sicheren Schulweg kann da nicht mehr gesprochen werden." Aufgrund des geringen noch vorhandenen Parkraums, ergänzt er, erhöhe sich auch der Parksuchverkehr und der Druck in den Nebenstraßen. "Am Sponeckplatz beispielsweise wird so eng geparkt, dass vermutlich kaum mehr ein Notarzt oder die Feuerwehr durchkommen."

Unisono kritisieren die Anlieger in der Sitzung den zunehmenden Verkehr und die "Raserei" auf dieser neuen "Rennstrecke". Vorgeschrieben entlang der Bustrasse ist Tempo 30, gefahren werde aber mindestens das Doppelte. Dass die Hellenstein- und die Aubing-Ost-Straße eine ausgeschilderte Umleitungsstrecke für Lkw ist, verschärfe die Situation noch.

Aubings Lokalpolitiker können die Proteste und Wünsche der Anwohner nachvollziehen und fordern ebenfalls eine "Lösung, die tragbar ist". Die Auswirkungen der massiven Anzahl an Halteverboten müsse überprüft werden. Der Bezirksausschuss betont aber auch, dass er hinter der Einrichtung der Buslinie 157 steht. "Die neue Linie ist eine gute Ergänzung des Angebots an öffentlichen Verkehrsmitteln", sagt BA-Chef Sebastian Kriesel (CSU), sie sei ausdrücklich erwünscht. Rückendeckung bekommt Kriesel von Brigitta Bacak (SPD), der die Senioren im Wohnheim Alt-Aubing erzählten, wie "sehr sie sich über den neuen Bus gefreut haben". Auch zahlreiche Schüler nutzten den Bus, weiß die Vorsitzende der Siedlergemeinschaft Aubing-Ost, Angelika Mayer.

"Fakt ist: Wir werden mehr auf den öffentlichen Nahverkehr setzen müssen, weil wir sonst im Verkehr ersticken", ergänzt Stadtrat Johann Sauerer (CSU). Leider gebe es die "Eier legende Wollmilchsau" nicht, daher laufe diese neue Linie auch zunächst im Probebetrieb. Unklar allerdings ist, warum, wie Anlieger beobachten konnten, bei einem "Probebetrieb" Halteverbotsschilder fest einbetoniert wurden. Wegen der Tempoüberschreitungen hat Sauerer bereits Kreisverwaltungsreferent Thomas Böhle direkt angeschrieben mit der Bitte, "möglichst rasch" Geschwindigkeitsmessungen durchzuführen. Außerdem soll ein gemeinsamer Termin an Ort und Stelle mit Vertretern der Münchner Verkehrsgesellschaft, des Kreisverwaltungsreferats, der Polizei und dem Bezirksausschuss klären, ob die einzelnen Positionen der Halteverbote tatsächlich nötig sind und ob die Parkplatzflächen zumindest außerhalb der Betriebszeiten der Buslinie, also wochentags von 20 bis 6.30 Uhr und an den Wochenenden, freigegeben werden können. Stattfinden wird das Treffen allerdings vermutlich erst kurz vor der Sommerpause, aus organisatorischen Gründen.

Die Anwohner sollen, so der Wunsch des Bezirksausschusses, "in geeigneter Weise" ebenfalls in eine Lösungsfindung eingebunden werden. Dass sie mitreden wollen, haben sie bereits angekündigt - am Dienstagabend sollte das Thema in der Bürgerversammlung des Stadtbezirks ebenfalls angesprochen werden.

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SZ vom 29.05.2019
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