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München:Metamorphose in der Au

Die Lilienstraße war einst Teil der Landstraße nach Bad Tölz und verströmte höchst unfeine Gerüche. Ein neues Buch von Peter Klimesch schildert nun Haus für Haus ihre Geschichte und ihre Verwandlung

Von Johannes Korsche

Welche Münchner Straße verbirgt sich wohl hinter dieser - nun ja - geruchsintensiven Beschreibung: "Am allerschlechtesten war es mit dem unteren Teile der Landstraße bestellt", beschreibt Josef Freudenberger 1913 ihren früheren Zustand, "Kothaufen waren rechts und links zusammengescharrt und mit stinkendem Wasser gefüllte Gräben umsäumten sie". Es ist - man mag es beim heutigen Durchschlendern kaum glauben - die Lilienstraße, früher Teil der Landstraße nach Bad Tölz. Das ist einer von zahlreichen Aha-Momenten beim Blick in die Vergangenheit der etwa 600 Meter langen Straße, die Peter Klimesch in seinem Buch "Bilder aus der alten Au - Die Lilienstraße" auf knapp 200 DIN-A 5-Seiten zusammengetragen hat.

Reiseführer oder Bildbände richten sich häufig an Touristen, die im Urlaub mal schnell das Nötigste über die Stadt erfahren wollen. Bei Klimeschs Buch ist das anders. Ihn habe interessiert, "warum das so aussieht, wie es heute aussieht" und "was für Leute da gewohnt haben", sagt der pensionierte Realschullehrer, der nicht weit weg in der Nockherstraße wohnt. Das Büchlein lese man daher auch am besten in zwei Etappen. Zunächst zu Hause, um sich jene Stellen herauszupicken, die interessant erscheinen. Im zweiten Schritt "ist es wohl unvermeidlich, dass man sich das vor Ort anschaut", sagt Klimesch. Gut, dass sein Buch ein handliches Format hat. Es ist für einen solchen Spaziergang strukturiert und beginnt mit der Ostseite der Straße, die in Richtung von der Ludwigsbrücke zum Mariahilfplatz vorgestellt wird. Die Westseite ist in gegenläufiger Richtung vorgestellt, was einen Rundgang entlang der Lilienstraße abbildet. Ein Rundgang, bei dem man immer wieder auf Momente stößt, bei denen die Geschichte der einzelnen Adressen und ihr derzeitig geldig-bürgerliches Antlitz verblüffend aufeinander prallen. Als Grundlage für diesen Vergleich zieht Klimesch neben dem Münchner Adressbuch vor allem die historische Karte von Gustav Wenng aus dem Jahr 1858 heran. Wenngs kartografischer Verlag hatte von 1889 an für drei Jahre seine Räume an der Lilienstraße 3. Der nächste Aha-Moment.

Historische Ansicht Lilienstraße

Spirituosen-, Blusengeschäft und Messerschleiferei prägten um 1905 die Lilienstraße 1 bis 3.

(Foto: Stadtarchiv München)

Die "Bilder aus der alten Au" bieten einerseits schlaglichtartige Einblicke in die Entwicklung anhand der einzelnen Hausnummern, die - wie man lernt - in der Au erst 1833 konsequent vergeben wurden. 1857 schließlich wurde die Lilienstraße dann auch offiziell jener Blume gewidmet - trotz ihres früheren Geruchs.

Ein Beispiel für ein solches Schlaglicht findet sich am Anfang der Lilienstraße. Hier nahm das inzwischen globale Unternehmen Meiller-Kipper, das Hydraulik für Lastwagen herstellt, seinen Anfang. Der Schmied Lorenz Meiller - beziehungsweise sein Vater Joseph - kauften Mitte des 19. Jahrhunderts die Häuser an der Hausnummer 3 und 5 samt Rückgebäude. 1904 entwickelte die Familienschmiede den ersten "Kipper", mit dem sich die Ladefläche eines Anhängers kippen ließ. Grundstein für das heutige Unternehmen, das inzwischen in München in Moosach seinen Sitz hat.

Auf diese Weise entsteht Seite für Seite, Schritt für Schritt eine Art historische Mikrosoziologie für die Lilienstraße - nicht zuletzt wegen der auffälligen Kneipendichte. So wird Klimesch Anliegen, mit seinem Buch "Geschichte besser zu verstehen", zumeist erfüllt. Einzig ein Verzeichnis der Hausnummern mitsamt Verweis, auf welcher Seite der entsprechende Eintrag zu finden ist, fehlt beim Spazierengehen manchmal schmerzhaft. Im Inhaltsverzeichnis finden sich lediglich thematische Überschriften, was das schnelle Blättern und Finden der gesuchten Adressen unnötig erschwert, gerade wenn man sich mal nicht an die Abfolge im Buch hält.

Historische Ansicht Lilienstraße

Die Firma Meiller erfand den Spritzwagen auf dem Firmengelände an der Lilienstraße 4 (Foto um 1910).

(Foto: Stadtarchiv München)

Ansonsten kann man nur hoffen, dass sich der ein oder andere Hobbyhistoriker an "Bilder aus der alten Au - Die Lilienstraße" ein Beispiel nimmt. Denn es wäre eine "Super-Vorstellung, wenn es das zu jeder Straße gäbe", sagt Peter Klimesch: "Ich schaffe das nicht." Das eine oder andere Buch aber, so seine Ankündigung, wird er aber sicher noch schreiben.

Das Buch "Bilder aus der alten Au - Die Lilienstraße" ist das dritte Buch von Peter Klimesch. Es ist im Selbstverlag erschienen, kostet 20 Euro und kann unter P.Klimesch@gmx.de bestellt werden.

© SZ vom 29.05.2019

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