Süddeutsche Zeitung

Umweltaktivismus:Zwei Millionen Ruderschläge für den Schutz der Meere

York Hovest will von Dezember an über den Atlantik rudern, von Gran Canaria nach Barbados. Ein Gespräch über die Vorbereitungen und mögliche Gefahren auf hoher See.

Interview von Karl Forster

Er rechnet mit zwei Millionen Ruderschlägen. Am Stück. Ohne Unterbrechung. Von Gran Canaria nach Barbados, das sind Luftlinie schon mal 4853 Kilometer oder knapp 3000 Seemeilen. York Hovest und seine zwei Kombattanten, der Physiotherapeut Andreas Stollreiter und Rainer Ballwanz, ehemaliger Rennfahrer und heute Umweltschützer, sind keine Ruderprofis, ja nicht einmal Seeleute. York Hovest, 41 Jahre alt, geboren in Wesel, wohnhaft in München, einst Model, dann Fotograf, heute unter anderem als Autor des Buches "Helden der Meere" Multitasking-Kämpfer für eine bessere Umwelt, startet am 1. Dezember mit dem Spezialruderboot "H.O.T.S" (Heroes of the Sea) zur Reise über den Atlantik, zu einem Abenteuer, mit dem er die Rettung der Ozeane anmahnen will.

SZ: Herr Hovest, nehmen Sie die direkte Route oder die der Segler, also nach Südwest Richtung Cap Verdische Inseln und dann nach rechts gerade nach Barbados?

Hovest York: Ja, zuerst geht es nach Süden. Wir wollen ja auch die Strömung und den Wind nützen, deswegen nehmen wir die mehr als 100 Meilen Umweg in Kauf.

Können Sie den Wahnwitz dieses Abenteuers an einem Beispiel veranschaulichen?

Nun: Wir rechnen, wenn nichts dazwischenkommt, mit insgesamt rund zwei Millionen Ruderschläge in 50 bis 60 Tagen. Weil immer zwei rudern und einer Pause macht, sind das eine Million Schläge pro Ruderplatz. Ohne Pause.

Sie haben dazu ein speziell angefertigtes Ruderboot. Wie muss man sich das Leben an Bord vorstellen?

Das Boot ist knapp zehn Meter lang, ein gebrauchtes, aber neu aufgebautes vom Typ Rossiter aus England. Es hat im Bug und im Heck je eine kleine, zur Not wasserdichte Kabine zum Schlafen und für Notfälle und dazwischen zwei Rudersitze auf Schienen. Wir rudern rund um die Uhr im Zweistundentakt, das bedeutet: Einer hat immer alle zwei Stunden zwei Stunden Pause zum Schlafen oder zum Kochen. Man kommt also auf acht Stunden Ruhe am Tag. Und muss 16 Stunden rudern.

Abgesehen von der notwendigen Muskelkraft braucht man da wohl auch eine sehr gesunde mentale Einstellung, zu dritt auf so engem Raum.

Wir haben das zwar nicht mental trainiert. Aber ich habe ein gesundes Menschenvertrauen. Andreas hat mit mir schon viele Abenteuerreisen gemacht. Und bei Rainer habe ich mir gleich gedacht: Das ist der Richtige für den Atlantik.

Jedes Schiff braucht einen Kapitän. Wer ist der Chef?

Wir sind alle drei gleichberechtigt.

Sie haben ja kein Begleitschiff. Für den Fall der Fälle: Welche Rettungssysteme haben Sie installiert?

Da sind wir gut gewappnet. Wir haben zum Beispiel einen Kollisionswarner, natürlich auch GPS und die klassischen Signalleuchten. Dazu zwei unabhängige Satellitentelefone, mit denen wir mit unserer Basis in England 24 Stunden am Tag Verbindung halten können. Von dort bekommen wir auch die aktuellen Wetterdaten.

Und wenn sich einer verletzt?

Wir haben uns intensiv von Fachleuten medizinisch ausbilden lassen. Wir können Wunden nähen oder auch eine Infusion legen. Wenn was Schlimmeres passiert, müssten wir uns beraten lassen. Im schlimmsten Fall würde die Basis eine klassische maritime Rettungsaktion einleiten.

Was gibt es an Bord zu essen?

Wir brauchen pro Mann 6000 Kalorien am Tag. Ungefähr 4500 decken wir mit spezieller Outdoornahrung ab. Dazu kommen dann Müsliriegel und Ähnliches.

Und zum Trinken?

Wir haben einen Watermaker, der schafft etwa 30 Liter am Tag, den Strom bezieht er größtenteils über Solarzellen. Und im Kiel haben wir auch Trinkwasser, das aber auch dazu dient, im Falle einer Kenterung das Boot wieder aufzurichten. Dieser Tank muss also immer gefüllt sein.

Essen und Trinken bedeuten Verdauung. Welche Lösung gibt es da?

Die Lösung heißt Eimer. Wir haben da eine Pütz mit Leine, das muss reichen.

Das könnte aber bei höherem Seegang einige Akrobatik verlangen?

Wir werden sehen. Zur Not springt man halt angeleint ins Wasser. Wir haben auch eine Badeleiter dabei.

Man muss doch auch mal entspannen, nicht nur körperlich. Was bietet das Bordleben da?

Rainer und ich dampfen dann mit unseren E-Zigaretten. Und weil sie die Feuchtigkeit nicht recht vertragen, haben wir auch ein paar Päckchen echte Zigaretten dabei.

Mit welchen Gefahren rechnen Sie denn?

Nun, die Wahrscheinlichkeit eines Hurrikans ist in dieser Zeit sehr gering. Trotzdem denken wir daran. Unlängst erreichte einer sogar die Azoren, was sehr ungewöhnlich ist. Wir haben auf alle Fälle vorschriftsmäßig eine Rettungsinsel dabei, die garantiert ein Überleben für mehr als eine Woche.

Ein großer Feind kann auch die Sonne werden, sie rudern ja schließlich nahe dem Äquator.

Wir haben einen speziellen Sonnenschutz dabei, frei von Kunststoffen, aber sehr effektiv. Und wir müssen uns jeden Tag das Salz mit Süßwasser von Gesicht und Körper spülen.

Es fällt, bei aller Sparsamkeit, dabei ja auch eine Menge Müll an.

Den nehmen wir, sauber verpackt, mit bis nach Barbados. Denn Sinn und Zweck dieser Aktion ist ja, Werbung für die Website "Heroes of the Sea" zu machen. Dort werden auf einer digitalen Datenbank alle "Helden" der Meere erfasst, zum Beispiel Wissenschaftler. Mit dieser Plattform möchte ich sie sichtbar machen und zeigen, wie viele von ihnen es bereits gibt und wo und wie man selbst aktiv werden kann.

Bislang sind dort aber nur Sie und Ihre beiden Partner zu sehen.

Es soll eine Art Wikipedia des Umweltschutzes werden. Das muss noch wachsen.

Gibt es schon eine Vorstellung davon, was Sie nach der großen Reise auf Barbados erwartet?

Hoffentlich meine Familie und ein kühles Bier.

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Quelle:
SZ vom 05.11.2019/vewo
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