Triggerwarnung für Traditionalisten: Der Schuh, Aschenbrödels Schuh, ist hier keine zerbrechlich durchscheinende Kostbarkeit, Minigröße 35, sondern ein robuster Sneaker in leuchtendem Pink. Auf Spitzenschuhen dreht sich auch niemand. Und keine Spur von gefräßigen Tauben, weisen Eulen oder abenteuerlustigen Mäusen, die sonst das vertanzte oder verfilmte Aschenputtel-/Aschenbrödel-/Cinderella-Universum bevölkern. Die tierischen Helferlein sind hier Lamas, Flamingos, Chamäleons und vor allem Waschbären mit Haute-Couture-Kompetenz. Wer braucht da noch gute Feen?

Wenn es einen Fremdel-Faktor gibt in diesem charmanten Ballettmärchen, das Karl Alfred Schreiner auf die Bühne des Gärtnerplatztheaters gebracht hat, dann ist es die Musik: Johann Strauss’ „Aschenbrödel“-Fragment. Er hatte es nach seinem Tod 1899 unvollendet hinterlassen. Zum 200. Geburtstag des Walzerkönigs hat Münchens Ballettdirektor dieses – wohl nicht ganz zu Unrecht selten gespielte Alterswerk – nun aus der Schublade geholt. Für eine Ballettmusik ist die Partitur auf Dauer und im Ganzen zu gediegen, zu pompös, zu fett, zu sehr staubig-beschwingter Opernballsoundtrack.
Da hilft es auch wenig, dass Choreograf Schreiner den Csárdás aus Strauss’ einziger Oper „Ritter Pásmán“, die „Neue Pizzicato-Polka“ und vor allem die anmutige, strauss-untypische „Romanze Nr. 2“ für Violoncello und Orchester beigemengt hat. Spätestens hier, beim großen Pas de deux von Aschenbrödel und dem Prinzen, wird der Phantomschmerz, der lange unterschwellig pocht, geradezu stechend. Wie sehr man sie doch vermisst: Sergej Prokofjews „Cinderella“-Komposition, die Ballettsuite op. 87, mit ihrer Grazie, ihren Farben, ihrer theatralen Exzentrik, Melancholie, ihrem Witz.
Und doch. Karl Alfred Schreiners Inszenierung hilft mit großem osteopathischen Können über alle musikalischen Schmerzpunkte hinweg, kann mit der Faszienrolle seiner Fantasie munter alle Verhärtungen auflösen, ehe sie durch Strauss’ Klangattacken – die keineswegs dem Gärtnerplatzorchester anzulasten sind – chronisch werden.

Ziemlich geschwind bekommt man da auch Frederick Ashtons ewig gültige Royal-Ballett-Version (1948) oder Christopher Wheeldons beliebtes „Cinderella“-Update (2012) aus dem Kopf. Schreiners Version feiert, warmherzig und humorvoll, die Wirkkraft der Fantasie. Wie einst bei James Stewart im Hollywood-Klassiker „Mein Freund Harvey“, ist die Welt für Aschenbrödel und den Prinzen bevölkert von freundlichen, magischen Tiergeschöpfen, die zunächst nur sie (und natürlich das Publikum) sehen können.
Kostümbildnerin Bregje van Balen, selbst lange Tänzerin am Nederlands Dans Theater, hat die lustigen Kreationen geschaffen für Karl Alfred Schreiners wundersamen Zoo: Die Waschbären bewegen sich behäbig kullernd in Zottelhosen, die Flamingos stolzieren in pink-gelben Strümpfen und die Chamäleons changieren schillernd mit affektierter Eitelkeit. Niedlich sind sie alle, fast wie Chibis, jene cartoonhaft-menschlichen Tiere aus der Welt der Mangas.
Weniger verspielt, um so eleganter, von fast japanisch monochromer Strenge sind die Kostüme des Menschenpersonals. Auch die Bühne von Kaspar Glarner und Simon Schabert mit ihren filigranen Vorhängen, vom Bühnenhimmel schwebenden Brücken und Ikebana-Vasen führt nach Asien. Hat etwas paraventhaft Geheimnisvolles.

Fließend, federleicht ist auch die Tanzsprache, zuweilen scheinen die Tänzerinnen und Tänzer nur aus Gummigliedern zu bestehen, Breakdance-Figuren schimmern für Momente durch, ebenso Elemente des klassischen Balletts. Eine Compagnie in Bestform.
Aschenbrödel und der Prinz, diese beiden Tagträumer, werden sich am Ende natürlich finden. Und weil hier niemand so richtig böse ist, nicht einmal die Stiefmutter und die beiden Stiefschwestern, gönnt Choreograf Schreiner in seiner „Aschenbrödel“-Geschichte allen das große Glück der Liebe. Also Ausschau halten, für die Vorstellungen Ende Dezember gibt’s noch ein paar Karten.
Aschenbrödel, Gärtnerplatztheater, aktuelle Termine unter www.gaertnerplatztheater.de

