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100 Jahre Arbeiterwohlfahrt:"Die Menschen sollen nicht auf Tafeln und Almosen angewiesen sein"

Hans Kopp und Julia Sterzer sind die Geschäftsführer der AWO München. Vom geschichtsträchtigen Haus an der Gravelottestraße aus haben sie und ihre Mitarbeiter die sozialen Bedürfnisse der Münchner im Blick.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Eines Tages brauche es die AWO nicht mehr, dachten ihre Gründerinnen im Jahr 1919, denn Hunger und Leid seien sicher bald vergessen. Ein Jahrhundert später ist der Verband so wichtig wie eh und je.

Damals, im Jahr 1919, träumte die SPD von einer besseren Welt. Irgendwann würden der Hunger und das Leid der Kriegsjahre vergessen sein. Irgendwann wären alle sozialpolitischen Forderungen erfüllt. Weil die Partei fest daran glaubte, sollte die von der SPD gegründete Arbeiterwohlfahrt (AWO) nur eine vorübergehende Organisation sein. So steht es in einem von der AWO München herausgegebenen Rückblick auf die Gründungsjahre. 100 Jahre später ist der Traum längst geplatzt - und das Aufgabenfeld des Verbands so groß wie nie zuvor.

Die Ursprünge der AWO gehen zurück auf sozialdemokratische Frauen vor und während des Ersten Weltkriegs. Politische Ämter blieben ihnen verwehrt, soziales Engagement war für sie oft die einzige Möglichkeit, öffentlich für ihre Ideale einzutreten. Sie wollten soziale Missstände bekämpfen - und davon gab es viele um die Jahrhundertwende. Erst 1903 wurde die damals übliche Kinderarbeit verboten. Um die Einhaltung des neuen Gesetzes kümmerten sich die in Kinderschutzkommissionen organisierten Frauen. Zudem halfen sie Kindern, die aus armen Familien stammten, an Ferienausflügen oder Wanderungen teilzunehmen - ein Luxus, den sich nicht viele leisten konnten. Die Lebenssituation von Arbeiterfamilien in Großstädten war prekär, auch in München.

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Während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich München zum wirtschaftlichen Mittelpunkt Bayerns. Firmen und Fabriken ließen sich nieder und mit ihnen Scharen neuer Arbeitskräfte. In nur wenigen Jahren, von 1890 bis 1905, verdoppelte sich die Einwohnerzahl beinahe auf etwa 540 000. Klassische Arbeiterviertel entstanden, etwa im Westend und in der Au. Der Platz war knapp, die Wohnbedingungen katastrophal. Ein Arbeitstag dauerte zwölf Stunden, der Verdienst reichte trotzdem kaum aus, um eine Familie mit drei Kindern gesund zu erhalten. Kinderreichtum war aber in Arbeiterfamilien weit verbreitet.

München war, wie so viele Großstädte, zur Brutstätte sozialer Missstände geworden. Missstände, welche die sozialdemokratischen Frauen zu lindern versuchten. Unter ihnen Marie Juchacz, die sich darüber hinaus auch für die Gleichstellung von Frauen einsetzte. Im Januar 1919 wurde sie in die Verfassungsgebende Versammlung der Weimarer Republik gewählt. Bereits Ende des Jahres hatte sie ihre Idee zur Gründung einer sozialdemokratischen Wohlfahrtspflege verwirklicht: Am 13. Dezember rief Juchacz den Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt beim Parteivorstand der SPD ins Leben und übernahm dessen Vorsitz. In den kommenden beiden Jahren entstanden im ganzen Land eigene Landes- und Bezirksverbände. So auch 1921 in München. Die Leitung dort übernahm bis 1933 Hubert Dolleschel.

Die Sozialdemokratin und Frauenrechtlerin Marie Juchacz gründete die AWO am 13. Dezember 1919.

(Foto: AWO)

Leider sei über die Gründungszeit und die ersten Jahre in München nicht viel bekannt, sagt Hans Kopp, einer der aktuellen Geschäftsführer der Münchner AWO. "Während der ersten Jahre ging es um sehr elementare Hilfsleistungen." Erst später gründete die AWO eigene Einrichtungen und weitete ihr Aufgabenfeld aus. Die Arbeit konzentrierte sich zu Beginn auf Kinder und Jugendliche, die die Folgen der Kriegszeit besonders hart getroffen hatte.

Im Oktober 1923 übernahm die Münchner AWO das Lehrlingsheim der Freien Gewerkschaften. Später wurde die Einrichtung in die Gravelottestraße verlegt, wo heute noch der Verwaltungssitz der AWO untergebracht ist. Weitere Einrichtungen kamen hinzu, etwa die Walderholungsstätte für Kinder in der Menterschwaige und mehrere Jugendheime.

Um dem drohenden Verbot der Nationalsozialisten zuvorzukommen, löste sich die AWO 1933 auf, agierte aber so weit wie möglich im Verborgenen weiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg und mit Neugründung der AWO als parteiunabhängiger Wohlfahrtsverband ging es schnell wieder bergauf. Auch das Aufgabenfeld weitete sich rasch aus. "Damals gab es viele alleinstehende Senioren und Kriegswitwen", sagt Julia Sterzer, ebenfalls Geschäftsführerin der AWO München. "Freizeitangebote für sie waren damals nicht vorhanden." Der Bedarf sei aber groß gewesen. Erste Seniorenclubs und später auch Pflegeheime seien entstanden.

In den Sechzigerjahren kamen schließlich die ersten Kindertagesstätten hinzu. Das Angebot wuchs und wuchs. Heute umfasst es unter anderem auch Beratungsstellen für Arbeitslose, Familien, Schwangere, Alte, Behinderte, Migranten und Jugendliche. Hinzu kommen ambulante Dienste und verschiedene Tages- und Werkstätten. Ein relativ neues Aufgabengebiet für die insgesamt knapp 2900 Mitarbeiter ist außerdem die Wohnungslosenhilfe.

Doch die Münchner AWO erlebte auch schwierige Zeiten. Anfang der Achtzigerjahre stand sie finanziell kurz vor dem Aus. In einem Zeitungsbericht von 1983 heißt es, ein aufgeblähter Verwaltungsapparat, eine schlampige Buchführung und die bewusste Verschleierung katastrophaler Zustände sei daran schuld gewesen. Man habe die Sanierung des Verbands vor allem dem massiven Sparkurs des damals neu eingesetzten Geschäftsführers Jürgen Salzhuber zu verdanken, sagen die heutigen Chefs Sterzer und Kopp. Auch auf Bundesebene läuft für die AWO nicht alles rund. Derzeit wird gegen Verantwortliche der AWO Frankfurt und Wiesbaden ermittelt wegen des Verdachts auf Betrug und Untreue. Es geht unter anderem um ungewöhnlich hohe Gehälter einiger Mitarbeiter. Die Vorwürfe betreffen nur zwei Kreisverbände, dennoch überschatten sie die 100-Jahr-Feier des Wohlfahrtsverbands bundesweit.

In München konzentriert man sich indes auf die gute Arbeit der vergangenen Jahre. "Der Anspruch und der Auftrag der AWO bei ihrer Gründung vor 100 Jahren gilt heute unverändert", sagt Jürgen Salzhuber, heute Vorsitzender der AWO München. "Die Menschen sollen nicht auf Tafeln und Almosen angewiesen sein, sondern einen Rechtsanspruch auf eine menschenwürdige soziale Sicherung gegen den Staat haben." Für Salzhuber steht das an erster Stelle. Und Marie Juchacz würde ihm vermutlich zustimmen.

© SZ vom 18.12.2019/vewo
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