Zunächst zum schönen Schein. Zum zweiten Mal wurde der seit 2013 vergebene, seit 2015 „Applaus“ benannte Spielstättenprogrammpreis der Initiative Musik in München vergeben. Im Muffatwerk versammelte sich also alles, was in der Livemusik-Clubszene Rang und Namen hat. Schon am Nachmittag zum Branchentreff und zum „Networking“, am Abend dann zur eigentlichen Veranstaltung, der Auszeichnung von 88 Preisträgern in sechs Kategorien.
Drei interessante Bands sorgten für die musikalische Umrahmung. Zunächst die noch ganz jungen, erfreulich frechen und spieltechnisch kompetenten Münchner Newcomer Vandalisbin, ein Trio der 21-jährigen Schlagzeugerin und Sängerin Helena Niederstraßer. Dann die Münchner Sängerin Enji, mit vollem Namen Enkhjargal Erkhembayar, seit Jahren die Speerspitze des Kooperationsprojekts des Münchner Jazz Instituts mit der Musikhochschule in Ulan Bataar, die im Duo mit dem Gitarristen Paul Brändle ihre bezaubernd filigrane Kreuzung aus mongolischer Volksmusik mit Jazz zelebrierte. Schließlich die Kölner Band Grenzkontrolle, die erfreulich an die besten Zeiten der Neuen Deutschen Welle erinnerte.
Schließlich war auch beachtliche Politprominenz vertreten. Münchens Kulturreferent Marek Wichers, Bayerns Kunstminister Markus Blume und der Kulturstaatsminister des Bundes Wolfram Weimer gaben sich die Ehre. Und gaben den Ton der Veranstaltung vor: Alle überschlugen sich vor Lob, Dank und Wertschätzung, nicht zuletzt natürlich auch für die eigene Arbeit. Blume verbeugte sich vor den Anwesenden dafür, dass „sie jeden Tag da draußen den Unterschied machen“. Weimer sprach gar von der Heiligkeit der Musik und der deutschen Musikszene als der reichsten der Welt. Dazu später mehr.
Sieht man von der Musikbegleitung und der Strahlkraft der Anwesenden ab, war die Veranstaltung, wie bei solchen Preisverleihungen allzu üblich, dann aber doch wieder eine zähe Angelegenheit. Was nur zum kleineren Teil an der Moderation von Gesine Kühne lag, die ihre gleichförmigen Texte in Maschinengewehr-Geschwindigkeit herunterratterte. Viel gravierender war erneut das Konzept. Wie der ebenfalls von der Initiative Musik vergebene Deutsche Jazzpreis schlingert auch der Applaus von einem Extrem zum anderen.

Litten die frühen Applaus-Ausgaben an der Fülle der auf die Bühne wandernden Preisträger, ließ man nun nur noch die Hauptpreisträger auf die Bühne. Davon gibt es inzwischen sechs: die ursprünglichen drei Kategorien, diesmal die Villa Wuller in Trier als „Beste kleine Spielstätte“, das Dresdner Objekt Klein als „Beste Livemusikspielstätte“ und der Dortmunder Jazzclub Domicil für das „Beste Livemusikprogramm“. Dann aber auch noch einen „Awareness“-Preis (an das Mahagoni Kollektiv in Konstanz), einen Preis für „Inklusion“ (an das Berliner SO36) und einen für „Nachhaltigkeit“ (an das KFZ in Marburg). Jeweils von einer Sonderjury auf der Bühne begründet.
Richtig und wichtig, auch diese letzten drei Preise, aber weit überproportional präsentiert. Alle drei Sonderjurys baten am Schluss um mehr Bewerbungen. Es hätte einen also interessiert, wie viele Einreichungen diese Kategorien überhaupt hatten. Insgesamt war das bekannt: 477 hatten die insgesamt 18-köpfigen Jurys zu bearbeiten.
Die Chronisten-Pflicht gebietet es, hier noch bayerischen Clubs und Vereine unter den 88 Preisträgern zu nennen. Unter den 45 mit 10 000 Euro bedachten „besten kleinen Spielstätten“ finden sich Jazzbayreuth und das Glashaus in Bayreuth, Zoglau 3 – Raum für Musik in Taubenbach (immerhin zum siebten Mal) sowie aus München das Kafe Kult, der Jazz+ in der Seidlvilla sowie der Verein Offene Ohren. Bei den 23 mit 25 000 Euro dotierten „besten Livemusikspielstätten“ bekam in Bayern nur das Erlanger E-Werk den Zuschlag. Zu den 20 für das „beste Livemusikprogramm“ Ausgezeichneten gehören der Z-Bau in Nürnberg, das Kurt & Komisch in Würzburg, der Birdland Jazz Club in Neuburg an der Donau sowie aus München das Milla und – wie gewohnt, möchte man sagen – die Unterfahrt.

Betrachtet man diese Auswahl, und wer dann alles fehlt, wird wieder einmal der Geburtsfehler des „Applaus“ klar: dass er die völlig unterschiedlichen Club-Szenen von Jazz und Pop in einen Topf wirft, wodurch sich immer eine Seite benachteiligt fühlen wird.
Und ganz unabhängig vom Genre: Hätte nicht Angelika Niescier in ihrer Laudatio auf das Domicil ein aus eigener Erfahrung geschöpftes Profil des Programms vorgetragen, dann hätte man während der kompletten Veranstaltung von keinem einzigen Preisträger erfahren, für welche Inhalte er überhaupt ausgezeichnet wurde. Soll heißen: Über Musik wurde auf dieser Veranstaltung nicht gesprochen.
Womit wir bei schon der Einordnung des „Applaus“ sind. Wenn es so viel Geld gäbe wie warme Worte, dann hätte die Szene keine Probleme. 1,7 Millionen Euro für einen kleinen Teil des kulturellen und ökonomischen Komplex von über 2000 Clubs, Vereinen und Betrieben ist aber eine Summe, über die andere Branchen – siehe die bei der Veranstaltung gerne gegeißelte KI – nur müde lächeln können.
Das Eigenlob der Politiker hält der Realität nicht stand. So lobte Markus Blume die Förderung der freien Szene durch den Freistaat in den höchsten Tönen. Zumindest was den Jazz betrifft, hätte er da rot werden müssen. Auch nach Aufstockungen in den vergangenen Jahren erreicht die jährliche Förderung nicht einmal eine halbe Million Euro.
Der Befund bleibt auch im zwölften Jahr derselbe, und er gilt ebenso für ähnliche Preise: Es sind Alibi-Veranstaltungen, die das Fehlen von struktureller, nachhaltiger Förderung überdecken. Und die in keiner Weise das adressieren, was der Club- und Musikszene abseits des Mainstreams aktuell abhandenzukommen droht: das Publikum.

