Süddeutsche Zeitung

Lieferengpässe bei Arzneimitteln:"Im Moment sind Antibiotika leider durchaus kritisch"

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In den Münchner Apotheken fehlen viele Medikamente, für Kinder ebenso wie für Erwachsene. Was das für Patienten bedeutet - und wie Apotheker versuchen, das Problem zu lösen.

Von Ekaterina Kel

Knapp 200 Artikel stehen derzeit auf Peter Sandmanns Liste. Alles Medikamente, die seine Nauplia-Apotheke in Harlaching nicht beziehen kann. "Die wir aber bräuchten", sagt der Apotheker. Lieferengpässe von Arzneimitteln verärgern auch in diesem Winter Ärzte, Apotheker und Patienten.

Es fehlt an Breitband-Antibiotika, sowohl für Erwachsene als auch für Kinder, und an spezifischen Antibiotika, etwa gegen Blasenentzündung. Auch Diabetes-Medikamente oder Statine, die den Cholesterinspiegel senken, sind im Moment immer wieder nicht lieferbar. Oder der Tollwut-Impfstoff, auf den zum Beispiel Arbeitskräfte angewiesen sind, die von ihren Firmen ins Ausland geschickt werden. 496 Wirkstoffe listet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte aktuell auf, die von Lieferengpässen betroffen sind.

"Wenn ich zehn Rezepte habe, mit jeweils zwei Posten, kann ich davon ausgehen, dass bei fünf Rezepten etwas nicht verfügbar ist", beklagt Sandmann. "Das ist kein guter Zustand." Er ist Mitglied im Vorstand des Bayerischen Apothekerverbands und führt neben der Harlachinger noch zwei weitere Apotheken in München. Seine Kritik richtet sich an den Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), der zwar im vergangenen Jahr versprochen habe, die Situation zu verbessern, aber aus Sicht des Apothekers zu wenig dafür getan hat. "Wir haben wieder exakt die gleiche Situation wie letztes Jahr."

In einer Apotheke an der Maillingerstraße herrscht geschäftiges Treiben, eine Apothekerin schaut angestrengt auf einen Computermonitor. Angesprochen auf den Medikamentenmangel sagt sie: "Es ist immer noch ziemlich schlecht". Sie beobachte ein "up and down", ein Auf und Ab bei der Verfügbarkeit von Arzneimitteln. Bei ihnen in der Apotheke sei die Situation mit den Antibiotika momentan zwar ein bisschen besser, dafür sehe es bei Augenarzneimitteln "übel" aus. Lediglich bei den Fiebersäften für Kinder habe es eine deutliche Verbesserung gegeben. Aber was ist mit dem Rest der fehlenden Medikamente?

Im Sommer vergangenen Jahres stimmte der Bundestag einem Gesetzentwurf zu, der die Pflicht zur mehrmonatigen Lagerhaltung für den Großhandel vorsieht, um kurze Störungen in der Lieferkette oder kurzfristig hohe Anfragen ausgleichen zu können. Auch Regelungen, damit Apotheker einfacher auf andere Medikamente ausweichen können, falls das verschriebene nicht verfügbar ist, sieht das Gesetz vor.

Dies ist im Moment oft der einzige Weg, um dem Patienten weiterhelfen zu können. Dutzende Male am Tag mache er das in seiner Apotheke, weil ständig irgendein Präparat, das der Arzt verschrieben hat, fehle, erzählt Sandmann. Mehrmals täglich führten er und seine Kollegen zusätzlich Gespräche mit Ärzten, um gemeinsam nach einer Alternative zu suchen. Von einem anderen Hersteller oder mit einer anderen Dosierung. Notfalls müsse ein Patient auch auf ein völlig anderes Medikament umgestellt werden. Er kenne Patienten, die dadurch eine schlechtere Therapie in Kauf nehmen mussten, sagt Sandmann.

Im Hintergrund läuft bei ihm eine automatische Abfrage, die stündlich die gesamte Liste der fehlenden Mittel bei allen drei Großhandelsfirmen abfragt, mit denen er kooperiert. Jedes Mal, wenn es etwas gibt, werde sofort bestellt. "Dann kriegt man ab und zu ein bisschen was, worüber man sehr froh ist."

Auf der anderen Seite sitzt dann jemand wie Joachim Sauer. Er ist Bereichsleiter des Lieferketten-Managements bei Sanacorp, einem Pharmahandel mit Sitz in Planegg, der ganz Deutschland beliefert. Auch Sauer weiß: "Im Moment sind Antibiotika leider durchaus kritisch, insbesondere bei Penicillin für Kinder besteht eine Knappheit." Jedoch würde er die Situation nicht als dramatisch beschreiben, sagt er. Sobald Nachschub komme, versuche man möglichst fair an alle Apotheken etwas abzugeben, damit es eine flächendeckende Versorgung gebe.

"Die Lieferkette für Arzneimittel ist sehr lang und hochkomplex", sagt Sauer. "Wenn da einer oder einige wenige Beteiligte ausfallen, können die anderen Marktteilnehmer das nicht mehr auffangen und es kommt zu Engpässen." Rollt dann eine Infektwelle und die Nachfrage steigt plötzlich, drohen leere Regale und jede Menge Mehrarbeit für Apotheken.

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