Wenn Steven Guttmann durch München geht, tut er dies mit erhobenem Haupt. Nicht aus Stolz oder überbordendem Selbstbewusstsein. Im Gegenteil: Derzeit gebe es eigentlich viele Tage, an denen man die Schultern aus Resignation hängen lassen wolle, sagt er. „Aber das erlaube ich mir nicht.“ Guttmann achtet in der Öffentlichkeit darauf, den Kopf oben zu halten, um sich zu schützen. Er möchte vermeiden, dass jeder sofort seine Kippa sieht und ihn als Juden erkennt. Auch habe er sich vor einem Jahr die kleinste Kippa gekauft, die er finden konnte, erzählt er. Und zwar eine in Schwarz, wie seine Haarfarbe, so fällt die Kopfbedeckung kaum auf. Nur einmal, als er seine Mutter im Krankenhaus besuchte, hat er die Kippa abgenommen. Sein Vater habe ihn darum gebeten, sagt Guttmann. Er habe verhindern wollen, dass die Mutter wegen der Kippa ihres Sohnes schlecht behandelt werde.
Steven Guttmann ist Geschäftsführer der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG), der mit rund 9500 Mitgliedern größten jüdischen Gemeinde Deutschlands. Er sitzt am Mittwochabend auf dem Podium im Großen Saal der Ludwig-Maximilians-Universität und diskutiert dort mit Vertretern von Polizei, Justiz und Verfassungsschutz die Frage: „Wie sicher ist jüdisches Leben in Bayern?“ Es ist eine Veranstaltung in der Reihe „Reden über...“ des Beauftragten der bayerischen Staatsregierung gegen Antisemitismus, Ludwig Spaenle (CSU). Hunderte Besucher sind gekommen, darunter bayerische Polizeipräsidenten, Juristen, jüdische Studierende oder Repräsentanten jüdischer Gemeinden in Bayern. Guttmann beantwortet die Frage des Abends so: „In Deutschland ist man sehr sicher, solange man als Jude unsichtbar bleibt.“
Rekordhoch bei antisemitischen Straftaten
Dies ist nicht nur ein Gefühl. Statistiken der Polizei untermauern, dass Deutschland seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 in Israel eine „Explosion von Judenhass“ erlebe, wie Spaenle sagt: Auch in Bayern liegt die Zahl antisemitischer Delikte seit zwei Jahren auf einem Rekordhoch, 2023 waren es 589 Straftaten, im vergangenen Jahr 579. Wenn man bedenke, dass zwischen 16 000 und 18 000 Juden in Bayern leben, „ist das eine immense Häufigkeit an Straftaten“, sagt Michael Weinzierl, der Beauftragte der bayerischen Polizei zur Bekämpfung von Antisemitismus.
Der Großteil der Delikte fällt unter den Straftatbestand der Volksverhetzung. Ein Fünftel sind Beleidigungen und Körperverletzungen. Die Täter stammten aus allen Altersgruppen, sie kämen aus dem rechten, linken und islamistischen Spektrum sowie aus der Mitte der Gesellschaft, so Weinzierl. Zwar gebe es in München keine „No-go-Areas“ für Juden wie in Berlin. Aber die Angst sei bei Jüdinnen und Juden, die in der Landeshauptstadt leben, trotzdem da, sagt Weinzierl.
Oberstaatsanwalt Andreas Franck, der zentrale Antisemitismusbeauftragte der bayerischen Justiz, weist auf die hohe Dunkelziffer bei antisemitischen Vorfällen hin. Nur 20 Prozent der durch Judenhass geschädigten Menschen würden bei der Polizei eine Anzeige erstatten. „80 Prozent tun das nicht. Unser Auftrag in der Polizei und Justiz ist es, dass dieses Verhältnis anders wird“, sagt Franck. Es gehe darum, Vertrauen zu schaffen.
„Antisemitismus ist ein Angriff auf die Demokratie.“
IKG-Geschäftsführer Guttmann sagt, dass sich Mitglieder der jüdischen Gemeinde auch in München genau überlegen würden, wohin sie gehen und welche Orte sie lieber meiden. Guttmann nennt ein Beispiel: Die Gruppen „Palästina spricht München“ und „Uni for Palestine Munich“ haben für Freitag, 18. Juli, eine „Marschdemo“ angekündigt, um gegen den „Völkermord an der palästinensischen Zivilbevölkerung“ zu demonstrieren, der ihrer Ansicht nach in Gaza stattfindet. Start der Demo ist um 18.30 Uhr auf dem Rindermarkt, nur wenige hundert Meter entfernt von der Synagoge auf dem St.-Jakobs-Platz, wo ungefähr zur selben Zeit das Freitagsgebet beginnt. Es sei zu erwarten, dass viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde direkt an der Demo vorbeigehen müssten, sagt Guttmann. Also weise man diese im Vorfeld auf die Aktion hin, mit dem Ergebnis, „dass viele Mitglieder lieber zu Hause bleiben werden“.
Oberstaatsanwalt Franck sagt, dass Staatsanwälte auch bei propalästinensischen Demos sehr genau hinsehen würden. Der Slogan „From the river to the sea, Palestine will be free“ etwa werde in Bayern konsequent verfolgt. Er sei ein Kennzeichen der Terror-Organisation Hamas und somit strafbar. Gleichwohl wüssten das die Demonstrierenden und würden sich in aller Regel so verhalten, „dass sie unter der Schwelle der Strafbarkeit segeln“. Polizei und Justiz seien bei antisemitischen Vorfällen inzwischen sehr sensibilisiert. Aber es sei eben nicht verboten, Antisemit zu sein.
Franck und Weinzierl sehen auch die Zivilgesellschaft in der Pflicht, sich mehr gegen Judenhass zu stemmen. Wenn sich jüdisches Leben in einem Land verstecken müsse, sagt Franck, „wäre das kein Land, in dem ich als Nicht-Jude leben wollen würde. So ein Land kann kein schönes Land sein.“ Auch Judith Faessler vom bayerischen Verfassungsschutz betont, dass Antisemitismus nicht nur eine Bestrebung gegen die Grundrechte jüdischer Menschen sei. „Somit ist Antisemitismus ein Angriff auf die offene Gesellschaft und insofern auch auf die Demokratie.“

