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Antisemitismus:Wenn Hass zum Grundrauschen wird

Am Jakobsplatz sollen Poller das jüdische Gemeindezentrum vor Angriffen schützen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Schmierereien, Drohmails, Angriffe: Nahezu wöchentlich werden derzeit antisemitische Vorfälle aus München gemeldet. Statistiken und Studien zeigen, dass Judenfeindlichkeit in der Mitte der Gesellschaft verbreitet ist.

Das Entsetzen ist groß nach den judenfeindlichen Übergriffen der vergangenen Tage. "Eine neue Dimension" sei erreicht, sagt Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG). "In einer Zeit, da Hass in den Parlamenten, in der Gesellschaft und insbesondere auch im Internet zunehmend zu einem Grundrauschen unseres Zusammenlebens geworden sind", so die Münchner Ehrenbürgerin, "ist es leider nicht mehr überraschend, wenn Antisemitismus sich in solcher Form Bahn bricht." Nahezu wöchentlich werden aus München Fälle von Antisemitismus gemeldet.

Was ist passiert?

Am Samstagnachmittag werden ein aus New York stammender Münchner Rabbiner und seine 19 Jahre alten Zwillingssöhne nach dem Synagogenbesuch auf offener Straße angepöbelt. Der Angreifer türmt, dafür mischt sich eine Frau aus einem Auto ein. Nicht um zu helfen. Auch sie beschimpft die drei Kippa-Träger und spuckt einem der jungen Leute ins Gesicht. Der Staatsschutz der Münchner Polizei ermittelt. Weder der Mann noch die Frau aus dem Auto können bis zum Mittwoch gefasst werden.

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Ein Rabbiner und seine Söhne wurden am Samstag in München angespuckt und beleidigt. Oberbürgermeister Dieter Reiter fordert die Münchner nun auf, sich einzumischen.

Gibt es weitere Vorfälle?

Am Montag verschickt eine rechtsextreme Gruppierung Drohmails mit antisemitischer und antimuslimischer Hetze auch an Münchner Empfänger - nicht zum ersten Mal. Eine Sonderkommission des Berliner Landeskriminalamts ermittelt seit Monaten. Am Montagabend markieren Unbekannte in einem Treppenhaus in der Isarvorstadt die Wohnung eines jüdischen Gemeindemitglieds mit einem Judenstern - während der Mann und sein Sohn zum Abendgebet in der Synagoge sind. Die Polizei sucht Zeugen, die im Bereich Herzog-Heinrich-, Kapuziner- und Lindwurmstraße Verdächtiges bemerkt haben.

Am Mittwoch berichtet der Bayerische Rundfunk darüber, dass Vorstandsmitglieder der IKG, unter ihnen Knobloch und der SPD-Stadtrat Marian Offman, und weitere Münchner Persönlichkeiten mit persönlichen Daten auf rechtsradikalen, antisemitischen und flüchtlingsfeindlichen Seiten im Internet an den Pranger gestellt werden. Allein auf der antisemitischen Seite "Judas-Watch" werden 19 Menschen aus München als "anti-weiße Verräter" beschimpft und teilweise mit einem Judenstern gesondert markiert.

Ähnliches geschieht auf der am Mittwoch zeitweise nicht mehr zu erreichenden Hetzseite "Nürnberg 2.0". Das Bundeskriminalamt sieht jedoch "in der Gesamtschau aktuell keine konkrete personenbezogene Gefährdung".

Wer sind die Täter?

Von den 680 seit 2015 in Bayern verübten antisemitischen Straftaten wurden 632 vom Landeskriminalamt als politisch rechts motivierte Kriminalität eingestuft, 33 gehen auf das Konto ausländischer oder religiöser Ideologien. 117 von 132 Tatverdächtigen 2018 waren Deutsche, zwei waren Asylbewerber. Auch die große Mehrzahl der judenfeindlichen Straftaten in München wurde von rechten Tätern verübt.

Bei Rias wurden seit April bayernweit elf antisemitische Vorfälle mit eindeutig rechtem Hintergrund registriert, darunter unter anderem durch Reichsbürger, Neonazis und Rechtspopulisten, auch ein Fall mit dem Hintergrund Graue Wölfe war darunter. "Ein gemeldeter Fall hatte einen explizit islamischen Hintergrund", so ein Sprecher.

Zwar sagt Annette Seidel-Arpacı, Leiterin der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) Bayern: "Ein Hakenkreuz kann genauso von einem Islamisten wie von einem Neonazi an eine Synagoge geschmiert werden." Die meisten der in diesem Jahr bekannt gewordenen Delikte in München ereigneten sich jedoch in der direkten Konfrontation - und in fast allen Fällen hatten die Angriffe und Beleidigungen einen rassistischen oder rechtsradikalen Hintergrund. Nur in zwei Fällen ermittelte das für politische Ausländerkriminalität zuständige Staatsschutzkommissariat.

In mehreren Fällen richteten sich antisemitische Attacken gegen vermeintliche Flüchtlinge oder gegen Polizisten. Oder - wie im Fall der jüngsten Drohmailserie - sowohl gegen Muslime als auch gegen Juden.

Das deckt sich mit den Beobachtungen aus einer Studie des Instituts für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität von 2016: Münchner Antisemiten neigen oft auch zu Ausländer- und Muslimenfeindlichkeit und zur Abwertung von Flüchtlingen. Und noch etwas haben die Forscher herausgefunden: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Unzufriedenheit mit den politischen Institutionen gehen oft Hand in Hand. Der Hass auf andere, so das Ergebnis der Studie, sei auch in München kein Randphänomen mehr, "sondern in der Mitte der Gesellschaft verbreitet".

Ein Münchner Problem?

Könnte man meinen beim Blick auf die Zahlen: Jeder zweite judenfeindliche Vorfall, der seit April bei Rias Bayern gemeldet wurde, kommt aus München. Im vergangenen Jahr wurden laut Innenministerium unter den bayernweit 219 antisemitischen Straftaten 86 in Stadt oder Landkreis München verübt. Doch darunter war auch eine ganze Serie von 33 judenfeindlichen (und zugleich antimuslimischen) Drohbriefen an Behörden und Kindergärten.

Die Häufung von Fällen in München hat laut Seidel-Arpacı "zum einen sicherlich mit der Größe der Stadt zu tun. Zum anderen sind wir in München aktuell noch präsenter als in anderen Gegenden Bayerns." Eine Rias-Studie zeigt: Die meisten antisemitischen Vorfälle ereignen sich in Kleinstädten oder ländlichen Regionen Bayerns. Gewalttaten oder direkte Angriffe auf Personen wurden jedoch vor allem in den Metropolregionen München und Nürnberg angezeigt.

Die Soziologen der LMU haben in ihrer Studie herausgefunden, dass die "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" gegen Juden in München etwas weniger stark ist als im Rest Bayerns. Allerdings: 18 Prozent der Münchner Befragten dokumentierten, dass Antisemitismus bei ihnen "mittel" oder sogar "stark" ausgeprägt ist.

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