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Neuer Posten:"Ich dachte, das wäre das Richtige, wenn das jemand macht, der jüdisch ist"

Feierliche Anbringung einer Gedenktafel für die NS-Opfer Franz und Tilly Landauer in München, 2018

Marian Offman ist Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde und seit vielen Jahren an vorderster Linie dabei, wenn es darum geht, die Juden in München und die Demokratie zu verteidigen.

(Foto: Florian Peljak)

Die Stadt soll einen Antisemitismus-Beauftragten bekommen. Mit Marian Offman stünde ein erfahrener jüdischer Politiker bereit - doch um ihn gibt es Streit.

Von Heiner Effern

Die Stadt München soll einen Antisemitismus-Beauftragten erhalten. Mit Marian Offman gibt es hinter den Kulissen seit Monaten einen anerkannten und profilierten Interessenten für die Stelle, doch die Grünen im Rathaus haben andere Pläne. "Wir wollen zuerst einen Aktionsplan entwickeln, die Stelle des Antisemitismus-Beauftragten soll dann ein Teil davon sein", sagt Dominik Krause, der stellvertretende Vorsitzende der Fraktion. Den Posten wollen die Grünen künftig mit einer Verwaltungsstelle an die Fachstelle für Demokratie im Rathaus anbinden. Ein Vorgehen, das den 72 Jahre alten Ex-Stadtrat praktisch ausschließt. "Ich verstehe es nicht und bin wirklich sprachlos", sagt Offman. "Ich dachte, das wäre das Richtige, wenn das jemand macht, der jüdisch ist."

Grüne und SPD haben im Koalitionsvertrag festgelegt, dass sie den Posten des Antisemitismus-Beauftragten einrichten wollen. Beide halten das für wichtig angesichts der steigenden Zahl von Straftaten gegen Juden. Auf Seite 37 des Vertrags ist wörtlich festgelegt, dass der oder die Antisemitismus-Beauftragte "als Teil der Fachstelle für Demokratie" zu betrachten sei. Die Grünen bestehen darauf, und die SPD will offenbar in diesem Punkt keinen Konflikt mit dem Koalitionspartner riskieren. SPD-Fraktionschef Christian Müller verweist auf das gemeinsam abgestimmte Verfahren, an das sich die SPD halten werde. Mehr mag er dazu nicht öffentlich sagen, nur so viel will er schon betonen: "Wir schätzen Marian Offman sehr als engagierten Kämpfer gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus."

Offman ist Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde und seit vielen Jahren an vorderster Linie dabei, wenn es darum geht, die Juden in München und die Demokratie zu verteidigen. "Ich bin ja kein Unbekannter, ich mache das seit 18 Jahren. Viele andere fürchten sich davor", sagt er. Des Weiteren verweist Offman darauf, dass er auch seine guten Kontakte zu muslimischen Gemeinden hätte einbringen können. Sein langjähriges Engagement hätte er nur zu gerne in einer Position fortgesetzt, die eigens dafür geschaffen wird. Bis zum Frühjahr konnte er wie seit 18 Jahren noch als Stadtrat gegen Antisemitismus ankämpfen, zuerst für die CSU, nach einem Parteiwechsel dann für die SPD. Doch in seiner neuen politischen Heimat rutschte er bei der Aufstellung der Stadtratsliste so weit nach hinten, dass er im Frühjahr den erneuten Einzug ins Rathaus verpasste.

"Wenn er sich bewerben will, kann er das tun", sagt der Fraktionsvize der Grünen

Seine Verdienste im Kampf gegen den Antisemitismus wollen Offman auch die Grünen nicht absprechen. "Ich hatte viel mit ihm zu tun bei diesem Thema", sagt Fraktionsvize Krause. Es liege nicht an der Person. "Wenn er sich bewerben will, kann er das tun." Zuerst wolle man nun aber den Aktionsplan entwickeln. Eine Parallele zum Freistaat Bayern, der mit Ludwig Spaenle einen prominenten Antisemitismus-Beauftragten beschäftigt, will Krause nicht ziehen. Die Situation auf Landesebene sei nicht zu vergleichen mit der Lage in der Stadt München, die bereits über starke Strukturen im Kampf gegen den Antisemitismus verfüge. Darin solle die neuen Posten eingebettet werden. Einen Vorteil, durch einen politisch starken Antisemitismus-Beauftragten ein Zeichen zu setzen, sieht er ebenfalls nicht. Auch in der Fachstelle für Demokratie werde die Stelle herausgehoben und "keine unter vielen sein."

Das Angebot, sich doch auf den Posten bewerben zu können, empfindet Offman als Affront. Er nimmt diesen sehr persönlich und reiht ihn ein in andere Erfahrungen, die bei ihm als Juden ein sehr ungutes Grundgefühl auslösen. Im Jahr 2019 lehnten die Veranstalter der Münchner Friedenskonferenz es ab, ihn als Vertreter der Stadt ein Grußwort sprechen zu lassen. Als ihn nach einer Demo gegen die rechtsextreme Bürgerinitiative Ausländerstopp ein Sympathisant der Gruppe angezeigt habe, habe die Staatsanwaltschaft fast ein halbes Jahr gebraucht, bis sie das Verfahren einstellte, sagt Offman. Er habe sogar erklären sollen, ob er mal wegen Waffen- oder Sprengstoffkriminalität auffällig geworden sei. Nun fühlt er sich wieder unwillkommen. Nicht unbedingt weil er ein Jude sei, glaubt er, sondern weil es bei der Besetzung der Stellen mehr "um Pfründe" gehe als um die Sache.

© SZ vom 30.11.2020/van
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