In der heutigen Zeit Jude zu sein, sagt Guy Katz, das bedeute, aufzuwachen, von einem Anschlag wie dem gegen das israelische Restaurant „Eclipse“ in München zu erfahren – und sich an die Reichspogromnacht erinnert zu fühlen. Auch in jener Nacht auf den 10. November 1938 hatten die Nazis neben Synagogen und Wohnungen Geschäfte von Juden zerstört. In der Nacht auf Freitag haben bislang unbekannte Täter mehrere Sprengsätze an den Scheiben des Restaurants in der Heßstraße in der Maxvorstadt befestigt. An zwei Stellen klaffen notdürftig abgeklebte Löcher, eine dritte Scheibe ist beschädigt. Verletzt wurde niemand, aber dennoch ist mehr kaputtgegangen als nur ein wenig Glas. Das spürt man bei der Solidaritätskundgebung, die der Hochschulprofessor Katz noch für Freitagabend organisiert hat und dem sich mehrere Organisationen anschlossen.
Es ist kurz vor 17 Uhr, schon aus der Ferne sieht man das Blaulicht eines Polizeiwagens. Was man aber auch sieht: eine stetig anwachsende Menschentraube, die sich um das Restaurant gebildet hat. Später wird die Polizei von 300 Menschen sprechen, Organisator Katz glaubt, es könnten sogar um die 500 gewesen sein. Unter den Anwesenden sind viele Jüdinnen und Juden, aber auch zahlreiche Politikerinnen und Politiker nahezu aller Fraktionen, Nachbarn und Menschen, die sich wie mehrere „Omas gegen rechts“ und Vertreter der Gewerkschaft Verdi solidarisch zeigen möchten. Auch Charlotte Knobloch ist gekommen. Für die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern ist es Alltag, dass sie nur mit Personenschützern zu solchen Terminen kommen kann.
Knobloch sagt, sie sei froh, dass so viele Menschen dem Aufruf zur Kundgebung gefolgt seien: „Gott sei Dank sind sie alle da“, aus ihrer Vergangenheit kenne sie das anders. Allein, sie wünsche sich, dass sie sich in Zukunft nicht mehr allzu oft bedanken muss für solche Zeichen der Solidarität, sagt die 93-Jährige.
Auch Grigori Dratva, Mitarbeiter und Schwager des Eclipse-Betreibers Ben Malenboym, bedankt sich für den vielen Zuspruch, den sie seit dem Anschlag in der Nacht erfahren hätten, „das bedeutet uns unglaublich viel“. Auch der designierte Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) machte sich ein Bild vom Tatort und sprach mit Dratva und Malenboym. Bei der Kundgebung selbst kann er nicht anwesend sein, auf Instagram aber teilt er schon am frühen Nachmittag ein Statement, in dem er seine „Bestürzung“ äußert und die Hoffnung, die Täter mögen bald gefasst werden und die Stadtgesellschaft im „Kampf gegen Antisemitismus“ noch näher zusammenrücken.
Die Polizei geht von einem antisemitischen Motiv aus, der Staatsschutz ermittelt dennoch in alle Richtungen. Videobilder einer Kamera im Restaurant zeigen immerhin ein paar Details, die den Ermittlern helfen könnten: Ein weißes Auto sei aufgenommen worden, jemand habe eine Sushibox aus jenem Auto geworfen, zwei Personen seien vor dem Restaurant aufgefallen. Auch mit der Auswertung der Zündsätze kommt die Polizei weiter, sie verfolgt derzeit die These, dass es sich um ein selbstgebasteltes Sprengmittel aus verschiedenen pyrotechnischen Produkten handelt, wie es in Sicherheitskreisen heißt.


In Vertretung von Krause spricht am Freitagabend Mona Fuchs, die Fraktionsvorsitzende der Grünen. Sie sei, erzählt sie, nicht einmal 24 Stunden zuvor noch gemeinsam mit Katz bei Trixie Obermaier in Haidhausen gewesen. Deren Geschäft war kurz zuvor mit judenfeindlichen Parolen beschmiert worden, unter anderem „Zios jagen“, sprich Zionisten jagen. Angesichts dieser Ballung der Ereignisse fehlten ihr langsam die Worte. Aber, auch das sagt Fuchs: „Wir dürfen uns daran niemals gewöhnen“, gerade die „sogenannte Mehrheitsgesellschaft“ müsse den Mund aufmachen.
Der letzte offizielle Redner an diesem Abend ist der Kabarettist und Autor Christian Springer, der seit Jahren gegen Antisemitismus kämpft. Sein Appell an die Anwesenden lautet: mit Freunden nun einen Tisch im Eclipse zu reservieren. Auch wenn die Täter mit solchen Anschlägen gezielt Angst verbreiten wollten und dies auch schafften, würden sie damit nicht siegen, „denn die Angst ist viel kleiner als unsere Courage, die riesengroß ist“. Organisator Katz betont zum Schluss noch, dass das Eclipse immer unpolitisch gewesen sei, „sie machen nur Hummus und Falafel“. Und ja, das machen sie auch an diesem Abend.
Während ein paar noch länger auf der Straße oder auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig herumstehen, füllt sich nach der Kundgebung das Lokal. Stornierungen habe es, sagt Betreiber Malenboym am Rande der Veranstaltung, nur eine einzige gegeben, ob wegen der Ereignisse ist unklar.

Drinnen am kaputten Fenster sitzen Nani Drovy und Esther Fränkel, ihren Tisch haben sie ganz unabhängig von den Ereignissen der Nacht schon vor Tagen reserviert. Wie es sich anfühlt, nun hier zu sitzen mit Blaulicht im Augenwinkel? „So wie es sich anfühlt, wenn wir in die Synagoge gehen“, sagt Fränkel. Gleich danach stellt ihre Freundin eine Frage, die sie umzutreiben scheint: „Warum müssen Moscheen nicht bewacht werden?“ Und nein, natürlich wünsche sie sich das nicht, beschäftigen tut es sie trotzdem. Immerhin, „in München haben Dinge Konsequenzen“, in Berlin würde sie als Jüdin gerade nicht leben wollen.
Die beiden Seniorinnen sind nicht überrascht von dem Geschehenen, es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, bis so etwas passiert. Zuletzt beleidigte 2019 ein anonymer Hetzer den Betreiber des Eclipse und seine Gäste aufs Übelste, parallel dazu steigen antisemitische Straftaten bundesweit. Zumindest an diesem Abend während der Kundgebung bleibt es ruhig: Ein Polizeibeamter sagt, man habe „keine Störungen“ festgestellt.

Auf dem Schild, das Kirsten Prößdorf noch immer in der Hand hält, steht „Nachbarschaft gegen Antisemitismus egal von welcher Seite“. Sie wohnt ums Eck, allerdings im Hinterhaus, die Detonation in der Nacht hat sie nicht gehört. Überrascht von dem Anschlag sei sie „leider nicht“. Schon öfter, wenn Israel „etwas Blödes“ gemacht habe, dann habe sie in der Vergangenheit die Straßenseite gewechselt, um nicht direkt am Eclipse vorbeilaufen zu müssen, sollte dort etwas passieren – sie sei schließlich alleinerziehende Mutter. Auch an diesem Tag steht sie in sicherer Entfernung. Solidarität zu zeigen, das ist ihr trotzdem wichtig und klar, nicht zuletzt deshalb, wird sie bald auch wieder zum Essen ins Eclipse gehen. Ihre Freundin, die neben ihr steht und die Detonationen in der Nacht gehört hat, hat mit anderen Nachbarn gleich für Sonntagabend einen Tisch reserviert.
Im Internet gibt es unter dem Post von Dominik Krause neben viel Bestürzung und Anteilnahme auch hämische Kommentare und solche, die dem Eclipse vorwerfen, selbst Schuld zu sein an dem Anschlag. Etwa weil sie sich als israelisches und nicht etwa als jüdisches Restaurant bezeichnen. Guy Katz kann über solche Äußerungen nur den Kopf schütteln. „Nicht jeder Israeli ist für Netanjahu.“ Und, das hatte er schon bei seiner Rede gesagt: Es gehe hier nicht um Gaza, nicht um Israel, es gehe um ein Restaurant, das Essen serviert.
Katz mache es traurig, dass Zionismus mittlerweile für viele zum Schimpfwort geworden sei. Auch bei den Linken etwa, von denen er im Übrigen ebenso wenig wie von der AfD jemanden bei der Kundgebung gesehen habe. Und auch wenn er sich ansonsten über den Zuspruch an diesem Abend freut: Er weiß, dass sich selbst in München längst nicht mehr alle Jüdinnen und Juden sicher genug fühlen, um sich als solche zu erkennen zu geben.

Marian Offman (SPD), derzeit noch Beauftragter der Stadt für interkulturellen Dialog, gehört nicht dazu. Dass er Jude ist, damit geht er offen und mehr oder weniger angstfrei um. Die „Insel der Glückseligkeit“, für die er München lange gehalten hat, die gibt es so auch für ihn allerdings nicht mehr, das Bild hat Risse bekommen. Gleichwohl, den von Katz gezogenen Vergleich zur Reichspogromnacht, den findet er schwierig: Man dürfe das, was damals war, nicht relativieren. Auch weil heute Menschen gegen den Anschlag auf die Straße gegangen sind, auch Menschen islamischen Glaubens übrigens.
Was könnte der neu gewählte Stadtrat tun, damit Jüdinnen und Juden sich in München wirklich sicher fühlen? Im Koalitionsvertrag, so Offman, müsse ein „klares Zeichen“ gesetzt werden. Das Statement Krauses und dass er zum Restaurant gekommen sei, ist für Guy Katz ein Anfang.
Die Seniorinnen Drovy und Fränkel spazieren, es ist jetzt etwa 19 Uhr, wieder aus dem Restaurant, an den übrigen Tischen stehen noch Bier und Hummus, es wird getrunken und getunkt. Wenn nicht die Polizei vor der Tür stehen würde und in der Ecke ein großes Plakat mit der Aufschrift „Juden sollten im Kampf gegen Antisemitismus nicht auf sich allein gestellt sein“, könnte man fast meinen, es wäre ein ganz normaler Abend im Eclipse.
Auch am Sonntagmittag kann Eclipse-Mitarbeiter Grigori Dratva ein erstaunlich zufriedenes Resümee ziehen. Nach dem Schrecken kam die Solidarität, und sie sei stärker. Auch am Samstagabend sei wunderbarer Betrieb im Lokal gewesen - obwohl alle, die da waren, natürlich wussten, was passiert ist. Nachbarn hätten vorbeigeschaut und ihre Solidarität versichert, aus Indien, Australien und den USA seien Botschaften eingegangen. „An Solidarität hat es nicht gemangelt“, sagt Dratva mit Dankbarkeit, und fühlt sich durch all das nebst der Solidaritäts-Kundgebung am Freitagabend angenehm unterstützt: „Im Zweifel hat der Anschlag das Gegenteil bewirkt - die Menschen rücken nur noch näher zusammen!“
Auf Instagram hat der Betreiber geschrieben: „L'chaim.“ Auf das Leben.


