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Prozess um geplante Amokfahrt in München:"Der war außer Rand und Band"

Prozess um geplanten Anschlag in Münchner Fußgängerzone

An schönen Tagen ist in der Münchner Fußgängerzone einiges los.

(Foto: dpa)

Der Angeklagte soll im Mai 2020 geplant haben, mit einem Auto durch den Bereich zwischen Stachus und Marienplatz zu rasen. Zum Prozessauftakt räumt er die Tat im Wesentlichen ein, bestreitet aber ein islamistisches Motiv.

Von Susi Wimmer

Was wäre wenn? Wenn es Ali K. an jenem Abend im Mai des vergangenen Jahres gelungen wäre, an einer Kreuzung in Laim ein Auto zu kapern und damit durch die Fußgängerzone zu rasen, um "möglichst viele Christenmenschen" zu töten? Hätte er ein Blutbad anrichten können, wie der Attentäter von Würzburg? Diese Frage wird auch die zehnte Strafkammer am Landgericht München I nicht beantworten können. Denn die vier Autofahrer, die er angriff, hatten ihre Türen verschlossen oder konnten rechtzeitig Gas geben und vor dem bewaffneten Mann flüchten. Ob die geplante Tat islamistisch motiviert war, wird die Kammer versuchen zu klären. Der 36-jährige Angeklagte bestreitet das. Sicher scheint bislang nur: Ali K. leidet unter paranoider Schizophrenie.

Der Angeklagte wirkt vor Gericht ruhig. Ein junger Mann, am Kopf die Seiten kahlrasiert, in zerrissenen Jeans. Er behält die Schutzmaske während der Verhandlung auf und nimmt sie nur für Sekunden ab, um sich an die Geschädigten zu wenden: "Entschuldigung. Es tut mir leid", kommt es fast mechanisch aus ihm heraus. Dabei blickt er den Zeugen nur kurz ins Gesicht.

Die Rechtsanwältin Ruth Beer gibt im Namen ihres Mandanten eine Erklärung ab: Ali K. leide unter der Vorstellung, dass seine Familie von der italienischen Mafia getötet und seine Schwester entführt worden sei. Um sich Hilfe zu holen, sei er im März 2020 vergeblich zur Polizei in Laim gegangen. Vom 23. April bis zum 4. Mai habe er sich aufgrund seiner psychischen Probleme in freiwilliger stationärer Behandlung in der LMU-Klinik befunden.

Sechs Tage später nahm er dann ein langes Küchenmesser und beschloss, "sich an der italienischen Mafia zu rächen". Da vor allem Christen Teil der Mafia seien, habe er gezielt diese töten wollen. Einem Polizisten sagte er nach seiner Festnahme, er habe unbedingt einen großen Audi mit viel PS stehlen wollen, um zwischen Marienplatz und Stachus durch die Fußgängerzone zu rasen. Rechtsanwältin Beer erklärt weiter, Ali K. habe keinerlei Kontakt zum sogenannten Islamischen Staat, er habe eigenständig und spontan gehandelt. Und zwar laut Anklageschrift dergestalt, dass er am 10. Mai in den Abendstunden an der Kreuzung Zschokke- und Lautensackstraße Autos kapern wollte, um seine Pläne in die Realität umzusetzen.

"Er ging mit anderen Fußgängern über die Straße und kam plötzlich auf unser Auto zu", sagt Leopold P. als Zeuge aus. Er habe versucht, die Fahrertür aufzureißen, doch die sei dank der automatischen Verriegelung verschlossen gewesen. Als der Fremde bemerkte, dass die Tür nicht aufging, habe er in ausländischer Sprache rumgeschrien und versucht, mit einem Hammer die Seitenscheibe einzuschlagen. "Der war außer Rand und Band", sagt Leopold P. Seine Frau auf dem Beifahrersitz habe hysterisch reagiert. Da er als erster an der Ampel stand, habe er einfach Gas gegeben und sei bei Rot in die Kreuzung gefahren. Ali K. ging noch drei weitere Wagen an, ruckelte an den Türen oder stach mit einem Gegenstand auf die Autos ein. Er selbst behauptet, nur ein Messer dabeigehabt zu haben.

Auch Matthias F. versuchte hektisch, seinen Wagen älteren Baujahrs zu versperren, fand aber den Knopf nicht. Deshalb fuhr er an, um dem Angreifer zu entkommen. Mehr noch: Nachdem Ali K. bei anderen Wagen erfolglos blieb, flüchtete er in die Lautensackstraße, Matthias F. heftete sich an seine Fersen. In zehn Metern Abstand rollte er dem Fußgänger hinterher, vorbei an dem Auto einer Zivilstreife, die zufällig in einer Parkbucht die Gegend nach einem Reifenstecher im Auge hatte. Als sich die Straße durch einen Poller verengte, schaltete F. die Warnblinkanlage an, stieg aus und folgte dem Mann zu Fuß, der im Hosenbund ein langes Messer stecken hatte. Die Polizisten wurden auf die Situation aufmerksam, stiegen aus, folgten Ali K. und nahmen ihn fest. "Heute", sagt Matthias F., "würde ich das nicht mehr so machen."

Ali K. sagte einem Polizisten, er fände es gut, was der sogenannte Islamische Staat mache - er habe den Anschlag für den IS verüben wollen. Ein Gutachter soll nun klären, ob Ali K. zum Tatzeitpunkt vermindert oder völlig schuldunfähig war. Der 36-Jährige ist derzeit in einer psychiatrischen Klinik untergebracht und soll laut dem Willen der Generalstaatsanwaltschaft auch dort bleiben, "weil er für die Allgemeinheit gefährlich ist". Ein Urteil soll bereits am kommenden Mittwoch gesprochen werden.

© SZ
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