Sie sind Anfang 20, sie haben den Krieg überlebt, und sie wollen nur eins: zurück ins Leben finden. Im London der 1950er-Jahre lernen sie sich auf einer Party kennen. Während es für John Liebe auf den ersten Blick ist, zögert Nanette, sich überhaupt Gefühle zuzugestehen. Zu tief sitzt der Schmerz, als Einzige ihrer Familie den Holocaust überlebt zu haben. Als John nach Brasilien auswandert, beginnen sie einen intensiven Briefwechsel. Es ist der Anfang „einer bedingungslosen Liebe, wie es sie wohl nur selten gibt“, meint die Münchner Schriftstellerin Melissa Müller. Einer Liebe, der es gelingt, das Trauma zu überwinden. „If trauma and pain echo through generations, then so can love“, schrieb ihr John Konig am Ende seines Lebens.
Melissa Müller lernte das Paar schon vor mehr als zwei Jahrzehnten kennen. Sie recherchierte damals die Familiengeschichte von Anne Frank, die im Versteck vor den Nazis in Amsterdam ihr weltberühmtes Tagebuch geschrieben hatte und mit 15 Jahren im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Typhus gestorben war. Müllers Biografie über „Das Mädchen Anne Frank“ wurde ein Bestseller, in mehr als 20 Sprachen übersetzt und 2001 mit Ben Kingsley und Hannah Taylor-Gordon in den Hauptrollen verfilmt. In ihrem neuen Buch „Mit dir steht die Welt nicht still“ erzählt Müller nun, basierend auf deren Briefwechsel und mit sehr vielen Fakten angereichert, die Geschichte von John Konig und Nanette „Nanne“ Blitz, die sie all die Jahre nicht mehr losgelassen hatte.
„Nanne und Anne Frank waren Schulfreundinnen in Amsterdam während der deutschen Besatzung, sie gingen in dieselbe Klasse. Sie hatten sich verloren und trafen sich in Bergen-Belsen noch einmal wieder“, sagt Melissa Müller. Nanne überlebte, Anne nicht.
Und mehr als 50 Jahre später, Ende der 1990er-Jahre, war diese Nanne bereit, mit Müller bei einer Lesung in Chicago zum ersten Mal als Zeitzeugin aufzutreten. „Es dauerte dann noch eine ganze Weile, bis ich ihr Vertrauen gewann“, erzählt die Autorin. Später jedoch habe Nanne, die mittlerweile an Demenz erkrankt ist, noch viele öffentliche Auftritte absolviert, vorwiegend in Brasilien, aber auch in den USA. „Ich glaube, das Sprechen über die Vergangenheit, die späte Erkenntnis, dass man sich für ihr Schicksal interessiert, hat ihr bis zu einem gewissen Grad geholfen, mit ihrer quälenden Überlebensschuld umzugehen“, sagt Müller.
Ihr Mann John sei derjenige gewesen, dem die Idee, den Briefwechsel zu veröffentlichen, gleich gefiel. „Anfangs schickte er mir immer wieder ein Fax, und als Facetime aufkam, war er begeistert, per Video zu telefonieren.“ Er sei sehr offen gewesen, bereit, über alles zu sprechen. „Die letzten Jahre tauschten wir uns intensiv über die Frage aus: Was ist Liebe?“, erzählt Müller. „Deshalb ist es sehr traurig, dass er die Veröffentlichung des Buches nicht mehr erlebt hat.“ Sie stockt, man spürt, wie nahe ihr das Paar, das auf einem anderen Kontinent lebte, in Südamerika, gekommen war.
Warum sich die Autorin immer wieder in oft jahrelange, belastende Recherchen stürzt? Für sie ist die Antwort einfach
Melissa Müller sitzt im Wohnzimmer ihres Hauses in Nymphenburg, auf dem Tisch einige Bücher aus der Staatsbibliothek, an den Wänden Kunst. Literatur spiele eine wichtige Rolle in ihrem Leben, seit sie denken kann, sagt sie. Aber warum konzentriert sie sich seit einem Vierteljahrhundert auf dieses Thema: die NS-Geschichte? Warum tut sie sich das immer wieder an, so tief in die Biografien von Opfern und Tätern einzusteigen? Oft in jahrelanger Recherche? Ist das nicht jedes Mal aufs Neue belastend?
Die Antwort liege auf der Hand, meint sie. „Es gibt einfach erschreckende Parallelen zur Gegenwart. Da fragt man sich: Wie kann es sein, dass viele Leute so blind und unwissend sind? Man möchte denen am liebsten rufen: Der Faschismus war doch erst gestern!“

Deshalb schreibt sie immer wieder über einzelne Schicksale. Auf diese Weise sei es am ehesten möglich, sich dem Unbegreiflichen anzunähern: Wie Menschen sich von Ideologien verführen lassen, wie sie ausblenden, was sie nicht persönlich betrifft oder nicht in ihr Weltbild passt. Wie aus Worten Taten werden. Wie Täter am Ende sogar zu Massenmördern mutieren. „Damals haben die vielen stillen Mitläufer all das erst ermöglicht, indem sie wegschauten. Aber auch viele Opfer glaubten, so schlimm werde es schon nicht kommen. Bis es zu spät war.“
Das Thema habe sie schon in ihrer Schulzeit beschäftigt, sagt die Autorin, die 1967 in Wien geboren ist. „Meine Lieblingsschriftsteller waren jüdisch: Joseph Roth, Stefan Zweig, Alfred Polgar. Alle von den deutschen Faschisten ins Exil getrieben.“ Müller hatte eine Freundin, mit der sie ihre Liebe zur Literatur teilte. „In unserer katholischen Mädchenschule wurde der Nationalsozialismus dagegen weitgehend ausgeblendet. Und auch in meiner Familie wurde kaum darüber gesprochen.“ Sie studierte Germanistik und Betriebswirtschaftslehre und arbeitete als Journalistin, zuerst in Wien, dann in München. Zeitweise lebte sie in Irland und kehrte dann nach München zurück, „der Liebe wegen“.
Das Tagebuch der Anne Frank steht heute in republikanischen Bundesstaaten der USA auf dem Index
Als sie eines Tages das Tagebuch der Anne Frank geschenkt bekommt, stellt sie fest: Es gibt keine Biografie dieses Mädchens. Schrittweise beginnt sie, zu recherchieren, Historiker und Zeitzeugen zu befragen, verbringt Wochen in Archiven, reist nach Amsterdam, Israel und in die USA. Sie begegnet immer mehr Menschen, die Anne Frank noch persönlich kannten oder aus jener Zeit erzählen können.
Als ihre Biografie erscheint, kommen Einladungen aus aller Welt. Müller ist gerade 30. „Damals war das Tagebuch der Anne Frank in den USA weitverbreitete Schullektüre. Und heute, unter Trump, steht es in immer mehr republikanischen Bundesstaaten auf dem Index, weil es angeblich ,sexually explicit‘ sei. Unfassbar.“ Das Tagebuch eines 13-jährigen Mädchens.
Melissa Müller taucht immer tiefer in die NS-Geschichte ein. Sie lernt Traudl Junge kennen, veröffentlicht das Buch „Bis zur letzten Stunde. Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben“ (2003), ebenfalls ein internationaler Besteller, der als eine der Quellen für den Oscar-nominierten Film „Der Untergang“ mit Bruno Ganz als Hitler (2004) dient.
Als Nächstes widmet sie sich zusammen mit der Historikerin Monika Tatzkow dem Thema Restitution. In „Verlorene Bilder, verlorene Leben“ (2009) geht es um die Schicksale von jüdischen Sammlern wie Max Silberberg, Leo Bendel oder Lilly Cassirer, die stellvertretend für Tausende andere stehen. „Ich hätte mir nicht vorstellen können, wie perfide viele Mitwisser nach dem Krieg agierten und wie schamlos gelogen wurde, um die Sammler und ihre Erben ein zweites Mal zu betrügen“, sagt Müller heute. Auch Museen hätten sich der Verantwortung entzogen – siehe der jüngste Skandal bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.

Historiker über Fotograf Heinrich Hoffmann:Der Mann, der Hitler inszenierte
Bis Kriegsende arbeitete der Münchner Fotograf Heinrich Hoffmann am Bild von Adolf Hitler und baute einen Fotokonzern auf, erklärt Historiker Sebastian Peters in einem neuen Buch. Warum Hoffmann so erfolgreich wurde und wie er seine Fotos manipulierte.
Dann eine Film-Dokumentation, zusammen mit Monika Czernin: „Hitler und der Adel – Soll ich etwa eine Braune werden?“ Müllers Erkenntnis: „80 Mitglieder aus Fürstenhäusern traten schon vor 1933 in die NSDAP ein, die Zahl wuchs immer weiter. Und die meisten hielten Hitler bis zum Ende die Treue. Stauffenberg und seine Mitstreiter waren eher eine Ausnahme. Die bis heute verbreitete Legende ,Adel = Widerstand‘ stimmt einfach nicht.“
Mit Monika Czernin entsteht auch der Film „Der Traum vom gelobten Land. Theodor Herzl und das moderne Israel“. Im Hintergrund geht es unter anderem um die Frage, ob Herzl, Hauptbegründer des Zionismus, das heutige Israel noch sein Traumland nennen würde.
Und 2024 dann wieder ein Buch, das international Aufmerksamkeit erregt: Zusammen mit Bettina Göring, der Großnichte von Hitlers Reichsmarschall Hermann Göring, schreibt sie „Der gute Onkel“. Bettina Göring gewährt darin einen sehr persönlichen Einblick in die Geschichte ihrer Familie.
Melissa Müller scheint mit ihren Büchern und Filmen jedes Mal ihrer Zeit voraus zu sein: Restitution, der Israel-Palästina-Konflikt, die Bewunderung für autoritäre Führer – all diese Phänomene sind brandaktuell. „Ja, das ist bedrohlich“, sagt Müller jetzt und schenkt Wasser nach. „Aber in Wahrheit war all das ja immer da. Als ich 1992 nach München kam, standen wir mit Kerzen in der Lichterkette gegen Fremdenfeindlichkeit auf den Straßen. Zurzeit spitzt sich allerdings vieles weiter zu.“ Es mache ihr Sorgen, wie sich die Sprache in der Politik verändere, dieses Verächtlichmachen von Gegnern oder Minderheiten. „Auch bei Politikern, von denen man nie gedacht hätte, dass jemand wie Trump ein rhetorisches Vorbild für sie wäre.“ Sie holt Luft und wird dann zum ersten Mal nach einer guten Stunde laut: „Dagegen muss man sich positionieren!“
Sie würden jetzt oft als Familie hier am Küchentisch sitzen und sich fragen: Was tun? Im Gespräch bleiben, das sei das Wenigste, meint sie. Sie geht auch immer wieder in Schulen und erzählt von den Zeitzeugen, die sie gekannt hat. Einen Satz von Anne Frank zitiert sie dann gerne: „Wie wunderbar ist es, dass niemand auch nur eine Minute zu warten braucht, um damit zu beginnen, die Welt zu verändern.“ Nanne und John, deren Kinder die Erinnerung wachhalten, sei das ein Stück weit gelungen, „auch dank ihrer großen Liebe“.

