Schon am Freitagmittag brennt innen wieder Licht. Noch in der Nacht hat die Feuerwehr die zersplitterten Fensterscheiben notdürftig repariert, nur das Klebeband weist auf die Ereignisse aus der Nacht hin. Draußen stehen zwei Polizeiwagen im Nieselregen, drinnen laufen die Vorbereitungen für den Abendbetrieb. „Wir machen ganz normal auf“, sagt Grigori Dratva, Mitarbeiter und Schwager des Betreibers des Restaurants „Eclipse“ an der Heßstraße: „Wir wollen so viel Normalität wie möglich walten lassen.“
Auf das israelische Lokal in der Münchner Maxvorstadt ist in der Nacht zum Freitag ein Anschlag verübt worden. Die Polizei geht von einem antisemitischen Motiv aus und spricht von „politischer Brisanz“ des Anschlags. Drei Knallgeräusche waren zu hören, die Schaufensterscheiben des um 0.45 Uhr nicht mehr besetzten Lokals wiesen an zwei Stellen große Löcher auf, eine dritte Scheibe war beschädigt.

Ein Video einer Überwachungskamera aus dem Lokal zeigt die ganze Wucht der Detonation. Die Sprengsätze waren offenbar außen an den Scheiben befestigt. Die Täter gingen hochprofessionell vor – und sie ließen sich Zeit. Zwischen den beiden Explosionen lag fast eine Minute, wie auch eine Ohrenzeugin bestätigt. Welche Art Sprengstoff zum Einsatz kam, wird derzeit kriminaltechnisch untersucht. Bei dem Anschlag entstand ein Sachschaden von mehreren Tausend Euro; verletzt wurde niemand.
Der Staatsschutz der Münchner Kriminalpolizei hat die Ermittlungen übernommen. Dabei wird auch ein eventueller Zusammenhang mit einer Anschlagsserie in England, Belgien und den Niederlanden im Frühjahr 2026 geprüft. Zu ihnen hatte sich eine iranische Gruppierung mit dem Namen Harakat Ashab al-Yamin al-Islamia bekannt, zu Deutsch „Islamische Bewegung der Gefährten des Rechts“. Sie wird dem Umfeld der Revolutionsgarden in Iran zugerechnet.
Für den Terrorismus-Experten Hans-Jakob Schindler vom „Counter Extremism Project“ (CEP) passt die Münchner Tat jedenfalls in das bisherige Schema dieser Gruppierung: Sie ereignete sich nachts, Ziel war eine jüdische Einrichtung, Personen kamen nicht zu Schaden. Wenn sich der Zusammenhang bestätigen ließe, so Schindler, hätte der Anschlag eine neue Dimension: Er wäre die erste derartige Attacke in Deutschland, die von der genannten Gruppierung verübt worden wäre.
Geleitet wird die Untersuchung von der Generalstaatsanwaltschaft München in Person von Andreas Franck, zentraler Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Justiz. Die Polizei veröffentlichte am Nachmittag einen Zeugenaufruf, im Umfeld das Tatortes wurden Fahndungsplakate aufgehängt.
Das Lokal „Eclipse“ an der Heßstraße gibt es seit 2007. Der Betreiber kommt aus Weißrussland und hat auch in Israel gelebt. Jetzt sieht er sich schon zum zweiten Mal judenfeindlich attackiert. Anfang 2019 waren er und seine Gäste von einem anonymen Hetzer mit einer schriftlichen Botschaft unflätig beleidigt worden.
Für Mitarbeiter Dratva kommt der Anschlag deshalb nicht unvorhergesehen. „Ich bin schockiert, aber nicht überrascht“, sagt er am Freitagmittag der SZ. Man lebe als Angehöriger des jüdischen Glaubens in Deutschland mit dem steten Gefühl einer latenten Bedrohung. Trotz des Schocks über die Gewalttat freut sich Dratva über die zahlreichen Solidaritätsbekundungen, die das Team des Eclipse am Freitag erreicht haben. „Wir haben sehr viel Zuspruch bekommen.“

Das Entsetzen in der jüdischen Gemeinschaft Münchens und darüber hinaus ist groß. Am späten Nachmittag begann – geschützt von einem großen Polizeiaufgebot – eine Solidaritätskundgebung in der Heßstraße mit etwa 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, unter ihnen Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde. Das bedeute ihm „sehr viel“ sagte Dratva.
Zahlreiche Organisationen und Einzelpersonen hatten sich dem Aufruf des Münchner Hochschulprofessors Guy Katz spontan angeschlossen, unter ihnen die Initiative „Beersheva Munich queer“ und das Junge Forum der Deutsch-israelischen Gesellschaft sowie Münchens evangelischer Stadtdekan Bernhard Liess. Angegriffen worden sei „ein Ort, der nichts anderes macht, als Menschen zusammenzubringen. Mit Falafel. Mit Hummus. Mit ganz normalem Leben“, schreibt Katz auf Instagram.
Auch die israelische Generalkonsulin für Süddeutschland Talya Lador-Fresher meldete sich auf Instagram zu Wort: „Die beste und vernünftigste Antwort auf diesen Anschlag ist, das Eclipse Restaurant zu besuchen und dort gutes Essen zu genießen. Zu Hause zu bleiben und den Kopf zu schütteln, ist keine gute Strategie.“ Ähnlich äußerte sich der Zentralrat der Juden in Deutschland. Am Abend war das Lokal jedenfalls komplett ausgebucht.
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In den ersten Reaktionen aus dem Rathaus wurde der Anschlag einhellig verurteilt. „Mit großer Bestürzung“ habe er davon erfahren, sagte der Zweite Bürgermeister Dominik Krause (Grüne). In einer schriftlichen Erklärung versprach er: „Der Kampf gegen jede Form von Antisemitismus wird ein Schwerpunkt meiner bevorstehenden Amtszeit als Münchner Oberbürgermeister sein.“
Krause besuchte das Lokal am Nachmittag. Bei einem Gespräch im kleinen Kreis sagte er die Unterstützung der Stadt zu. Dabei soll es unter anderem um notwendige und mögliche zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen für das Restaurant gehen. In der kommenden Woche will man sich erneut zusammensetzen.
Mona Fuchs, Fraktionsvorsitzende von Grünen/Rosa Liste im Stadtrat, bezeichnete den Anschlag als „Antisemitismus in Reinform“ und fügte hinzu: „Dass in der ehemaligen Hauptstadt der Bewegung wieder Geschäfte und Orte angegriffen werden, die sich gegen Antisemitismus positionieren oder einfach jüdisch oder israelisch sind, dürfen wir niemals hinnehmen.“
Manuel Pretzl, der Fraktionschef der CSU, zeigte sich ebenfalls „betroffen, dass jüdisches Leben auch in München das Ziel von Angriffen wird“. Es sei wichtig, „dass die Hintergründe – insbesondere ein mögliches antisemitisches Motiv – vollständig aufgeklärt werden“. Die SPD-Fraktionsvorsitzende Anne Hübner bemerkte dazu, dass sich antisemitischen Übergriffe in den vergangenen Wochen gehäuft hätten: „Das besorgt uns sehr. Wir sind mit voller Solidarität bei den Eigentümern und der jüdischen Gemeinschaft.“

Auch die kleineren Parteien im Münchner Stadtrat schlossen sich den Solidaritätsbekundungen an. „Dieser Angriff auf jüdisches Leben ist ein Angriff auf uns alle“, sagte Volt-Stadtrat Felix Sproll. Er habe das Restaurant „immer als Ort der Freude und Begegnung erlebt. Das muss auch in Zukunft so bleiben“. Ähnlich äußerte sich sein FDP-Kollege Fritz Roth. Gewalt dürfe keinen Platz in der Stadt haben, schon gar nicht gegen jüdische Einrichtungen.
Marina Dietweger, Co-Sprecherin der Münchner Linken, zeigte sich ebenfalls „bestürzt“. Es sei „besorgniserregend, wenn sich bewahrheitet, dass es sich um einen antisemitischen Hintergrund handelt“. Für Ludwig Spaenle, den Antisemitismus-Beauftragten der bayerischen Staatsregierung, richtet sich der Angriff vor allem gegen den interkulturellen Dialog: „Man kann die israelische Regierung kritisieren, aber nicht solche Einrichtungen attackieren.“
Knobloch: „Stadtgesellschaft darf dazu nicht schweigen!“
Auch Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, äußerte sich zu dem Anschlag: „Der Angriff auf das Eclipse ist mehr als ein Angriff auf ein israelisches Restaurant – es ist ein Angriff auf eine Institution Münchner Geselligkeit und einen wichtigen Raum für die jüdische Gemeinschaft.“ Wer so einen Ort attackiere, stoße ins Herz unserer Weltstadt, so Knobloch weiter.
„Dieser Anschlag ist kein Einzelfall, sondern Teil eines gefährlichen Trends, den wir seit dem 7. Oktober 2023 sehen: wachsender Hass gegen Juden – offen, aggressiv, enthemmt“, sagte Gady Gronich, Generalsekretär der in München ansässigen Konferenz der Europäischen Rabbiner. „München war bislang ein sicherer Ort für Juden und muss es bleiben.“

