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SZenario:Tracht und Prügel

Eine Tracht Prügel - das etwas andere Trachtenevent, Wirtshaus Bachmaier in der Leopoldstraße 50

Wirt und Gastgeber Hugo Bachmaier muss seinen Hintern hinhalten. Das passiert, wenn man eine Veranstaltung "Eine Tracht Prügel" nennt.

(Foto: Florian Peljak)

Ungeübte Laufstegler, maskenbedingte Verwechslungsgefahr und ein versohlter Hintern: Die etwas andere Trachtenshow von und mit Anger- und Bachmaier

Von Thomas Becker

Was für ein Schauspiel, was für eine Bandbreite man auf der Leopoldstraße doch erleben kann! Nicht wirklich Munich at its best, aber doch sehr unterhaltsam. Alle paar Minuten rauscht Blaulichtpolizei durchs Bild, nur wenig schneller als die Halogen-Bomber auf dem Radl-Highway. Auf dem Gehweg: Flaneure und Einkaufstütenschlepper, Aufgebrezelte und Abgehängte, Speisekartenstudierer und sturzbetrunkene Ausdruckstänzer. Die skurrilsten Gestalten biegen verlässlich am Dienstagabend genau vor der Nase des Betrachters ab, rein ins Bachmaier Hofbräu.

Hier wird zunächst mit großem Hallo der Hausherr begrüß: Hugo Bachmaier, dieses rustikale Unikum, das man wohl nicht anders als Kultwirt bezeichnen kann. Von den glorreichen wilden Zeiten kündet ein halbes Hundert Zeitungsartikel, mit denen die Wände Richtung Toilette zutapeziert sind: Hugo mit Boris Becker, Hugo mit Monti Lüftner und so weiter. Verdammt lang her. An diesem Dienstag kommen zur Einladung "Eine Tracht Prügel - Das etwas andere Trachtenfest!" eher andere Gäste.

Viele kurzfristige Absagen "wegen dem ganzen Zirkus" habe er bekommen, so Bachmaier, und so besteht die Abteilung VIP an diesem Abend aus überwiegend jungen, ordentlich herausgeputzten Menschen, die in der Gästeliste als "TV-Werbegesicht", "Gewinner Bachelorette", "Tik Tok Influencer" oder "Teilnehmer Promi Big Brother" geführt werden. Auch ein "Angermaier-Gesicht" ist dabei, Axel Munz, Geschäftsführer von Trachten- und Ledermoden Angermaier. Lange ist es noch nicht her, da konnte er im rappelvollen Silbersaal des Deutschen Theaters in Saus und Braus das 70-jährige Bestehen des Unternehmens feiern - ein Fest aus einer sehr fernen Galaxie im Vergleich zur Präsentation der neuen Dirndl und Lederhosen hier auf der Leopoldstraße. "Sonst haben wir eine professionelle Tanztruppe, bei der alles durchchoreografiert ist", sagt Munz, "aber das rentiert sich nur, wenn man mehrere Modenschauen hat." Hat er aber nicht, so wie er dank Corona überhaupt nicht so viel hat: "Nur 20 Prozent vom Umsatz."

Statt professioneller Models flitzen nun die geladenen Influencer und Influencerinnen in den neuen Kollektionen durch die Gaststätte, vorschriftsmäßig mit Maske, was den ulkigen Nebeneffekt hat, dass man zuweilen nicht so recht weiß, ob da gerade ein Model oder die ebenfalls in Tracht gewandete Bedienung vor einem steht. Dass sich die ungeübten Laufstegler bei ihren Pirouetten und Drehversuchen ab und an gegenseitig über den Haufen rennen? Geschenkt. Der Wille zählt. Dafür steht am Moderatorenmikro ein Profi: Moses Wolff. Der sprang kurzfristig für eine von Bachmaiers Lieblings-Stammgästen ein: Gloria Gray. Während sie daheim mit den Folgen eines Wasserschadens kämpft, witzelt sich Hardcore-Wiesngänger Wolff durch die Anmoderation der Modenschau, schickt noch seinen Wiesn-Rap hinterher und kündigt schließlich den Show-Act an: Yve, die Ehefrau von Munz, die nicht nur schauspielert und designt, sondern auch singt: Bierzelttaugliches wie "Deine himmelhimmelhimmelblauen Augen" oder "Bitte lass heut Nacht die High Heels an".

Fehlt nur noch die Tracht Prügel für Hugo, den Wirt. Flugs werden fünf Damen aus dem Publikum bestimmt, und dann lässt sich Bachmaier von Cathrin, Anastina, Eva, Vanessa und Miriam unter fröhlichem Gejaule den Allerwertesten versohlen. Und das ist dann doch wieder Munich at its best.

© SZ vom 24.09.2020

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