Am Ende sucht er die große Bühne auf der Kleinen. Nur das Mikro in der Hand, steigt Jesper Munk auf einen Verstärker, der ihm eine überschaubare Stehfläche bietet, und singt dort mit raumgreifender Emphase zur erst ganz sachten, dann aber bald zum Crescendo anschwellenden Begleitung seines Trios einen Song aus der Feder von Jacques Brel.
Das ebenso raue wie dramatische Hafenpanorama „The Port of Amsterdam“, mit dem er sich in eine illustre Cover-Riege zwischen Brel-Fans wie David Bowie, Scott Walker oder Marianne Faithfull einreiht, steht ihm dabei in der englischen Version nicht nur ob seines matrosenhaft geringelten Shirts und seiner Tattoos ganz vorzüglich. Ist es hier doch der krönend geschmetterte Abschluss eines Konzerts, mit dem der 33-Jährige eine früh gestartete Karriere umspannt, die zwischenzeitlich auch mal in schwere See geraten ist.
Jesper Munk, so viel zur Erinnerung, war mit dem Erscheinen seines Debüts „For In My Way It Lies“ vor zwölf Jahren mal so etwas wie der Inbegriff eines Blues-Wunderknaben. Mit einer Stimme gesegnet – so frühzeitig gegerbt und geriffelt, dass man sich schon damals etwas um seinen Lebenswandel sorgte – war sein Weg vom Straßenmusiker zum Posterboy des Blues(-Rock), der bei Harald Schmidt auftrat und von der Bravo umschwärmt wurde, ein irrer und wahrscheinlich allzu kurzer.
Kurz genug jedenfalls, dass die See für den Wahlberliner nach dem Erfolg seines zweiten Albums „Claim“ bald eine schwere wurde. Da waren die Blues-Puristen, die nicht viel mit seiner Neuerfindung als soulpoppiger Crooner auf „Favourite Stranger“ anfangen konnten. Da waren die Leute von Warner, mit denen er sich in die Haare geriet, um schließlich sogar die Majorlabel-Welt hinter sich zu lassen. Da war eine früh gescheiterte Ehe, eine Flucht in den Alkohol und andere Möglichkeiten der Sedierung, und nicht zuletzt ein zehrendes In-sich-selbst- (sowie in Fragen kultureller Aneignung) Vergrübeln, das in der Psychologie als Imposter-Syndrom kursiert.
Umso schöner also, dass sich die Dinge für Munk schließlich doch wieder gefügt haben. So hat er mit seinem langjährigen Münchner Intimus Gerald Huber einen Manager gefunden, der ihn so erfolgreich wieder in die Spur brachte, dass er die formidablen Soul-Nummern seines Comeback-Albums „Yesterdaze“ gleich selbst produzierte. Und mit den Cassette Heads eine Band, die ihn an Schlagzeug, Bass und Rhodes-Piano derart präzise in Szene setzt, dass Munk im Presseschreiben zu seinem neuen Live-Doppelalbum „Best Of … Live“ (das auch einen tollen Auftritt mit dem Filmorchester Babelsberg konserviert) von einer „musikalischen Heimkehr“ spricht.

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Ende Oktober geht es von draußen nach drinnen in der Stadt: Bei großen Shows in der Olympiahalle von „Simply Red“ über Nina Chuba bis Hans Zimmer, und ebenso bei Shows in intimem Rahmen oder dem großen Festival der Stimmkunst „Vokal Total“.
Das kann man gern so stehen lassen. Ist Munks Auftritt im Ampere anlässlich des zehnjährigen Bestehens von „Claim“ doch von einer Freiheit durchweht, die immer wieder Staunen macht. Munk ist hier mit zartschmelzenden bis anmutig entschleunigten Songs wie „Rush“ oder „Slow Down“ mal ein sanfter Soul-Schmeichler, dann wieder ein Cover-Virtuose, der Hank Williams’ Klassiker „I’m So Lonesome I Could Cry“ jenseits von jedem Country-Klang neu erfindet, oder das wundervolle „Baby“ von den spät wiederentdeckten Donnie and Joe Emerson fingerschnipsend zu seinem eigenen Soul-Baby macht.
Nichts, was hier also nicht möglich wäre, eingeschlossen der Versöhnung zwischen Jesper Munk und seiner zwischenzeitlich konsequent abgelegten Rolle als zornig fauchender Blues-Rumpler. „Courage for Love“, „Ya Don’t Have to Say Goodbye“ oder das in expressivster Jimi-Hendrix-Manier neu eingekleidete „Blue Shadows“ von seinem Debüt – all diese Glanztaten der frühen Jahre sind an diesem Abend herrlich krachige Beweise dafür, dass der lange Schatten des Blues schon längst nicht mehr über diesem Münchner Ausnahmemusiker hängt.

