„Ein lebenswertes Quartier, das Geschichte und moderne Stadtentwicklung vereint“ – diese Vision will der Bund realisieren, wenn er die „Ami-Siedlung“ im Münchner Süden mit bis zu 1000 sehr günstigen Wohnungen nachverdichtet. Doch das für München und den bundeseigenen Wohnungsbau enorm wichtige Projekt steht nun auf der Kippe.
Sowohl aus der Landes- als auch in der Kommunalpolitik gibt es gewichtige Stimmen, die die geplante Nachverdichtung in dieser Form ablehnen und fordern, die „Ami-Siedlung“ unter Denkmalschutz zu stellen.
Das wiederum würde nach Auskunft der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) bedeuten, dass das seit Jahren laufende Projekt komplett neu aufgerollt werden müsste. Ob und wann der aus Sicht der Bima „dringend benötigte“ Wohnraum an dieser Stelle entstehen könnte, wäre komplett offen.
Zur Miethöhe teilt die Bima mit, man dürfe sich „an der unteren Grenze des Mietspiegels der jeweiligen Kommune“ orientieren. „Dabei gilt für die Kaltmiete grundsätzlich die Obergrenze von zehn Euro pro Quadratmeter. Höhere Mietpreise sind nur in wenigen Ausnahmefällen möglich.“ Zielgruppe der Bima sind vor allem Bedienstete des Bundes, etwa aus Polizei, Zoll oder Bundeswehr.
Am Freitag hat sich der Landesdenkmalrat, der die Staatsregierung berät, mit der „Ami-Siedlung“ beschäftigt. Ein förmlicher Beschluss sei zwar noch in Arbeit, sagt der Ratsvorsitzende Robert Brannekämper, der auch für die CSU im Landtag sitzt. „Aber wir sehen eine besondere historische Bedeutung der Ami-Siedlung.“ In informellen Gesprächen ist zu erfahren, dass Brannekämper eine treibende Kraft pro Denkmalschutz ist.
Ebenfalls am Freitag hat die „Interessengemeinschaft Wohnanlagen am Perlacher Forst“ (IWAP), hinter der Bewohnerinnen und Bewohner der 1200 bereits bestehenden Wohnungen im Planungsgebiet stehen, im Landtag eine von etwa 2500 Menschen unterschriebene Petition eingereicht. Diese wird im Wissenschaftsausschuss behandelt, dessen stellvertretender Vorsitzender Brannekämper ist. Erster Vorsitzender wiederum ist Michael Piazolo (Freie Wähler), in dessen Stimmkreis die „Ami-Siedlung“ liegt und die geplante Nachverdichtung „grundsätzlich recht kritisch“ sieht. Mit 1000 zusätzlichen Wohnungen würde die Größe der Siedlung sich nahezu verdoppeln. Für ein kleines Vorab-Projekt mit Wohnungen gab es kürzlich ein Richtfest.
Es ist also recht wahrscheinlich, dass neben dem Landesdenkmalrat auch der Landtag dem Wissenschaftsministerium und dem ihm unterstellten Landesamt für Denkmalpflege empfehlen wird, die „Ami-Siedlung“ unter Schutz zu stellen. Das Landesamt selbst teilt mit, man prüfe „aktuell die Amerikanische Siedlung am Perlacher Forst hinsichtlich ihrer Denkmaleigenschaft“ und äußere sich deshalb derzeit nicht weiter dazu. Die Prüfung werde „noch etwas Zeit in Anspruch nehmen“. Laut Bima befindet sich das Projekt deshalb derzeit schon in einer „Wartephase“.
Doch was macht die „Ami-Siedlung“ so besonders? Errichtet wurde sie von 1953 an auf einem 46 Hektar großen Areal im Stadtbezirk Obergiesing-Fasangarten für tausende Angehörige der US-Armee und ihre Familien. Es entstanden durchweg dreigeschossige Zeilenbauten mit viel Grün dazwischen sowie mit großzügigen Straßen- und oberirdischen Auto-Parkplätzen. Es gab ein Krankenhaus, Schulen, Geschäfte und ein Freizeitzentrum, in dem sich heute das „Cincinnati“-Kino befindet. Dieses Gebäude steht derzeit als einziges unter Denkmalschutz. Aus Sicht des Landesdenkmalrats handelt es sich um die größte und bedeutendste US-Siedlung auf deutschem Boden. Nach dem Abzug ihrer Armee aus Deutschland übergaben die USA die Siedlung an die Bundesrepublik.

Die Bürgerinitiative IWAP lud am Donnerstag zu einem Pressegespräch in den Kino-Saal. Dabei stellte die Denkmalexpertin Wencke Elbert ein im Auftrag der IWAP erstelltes Gutachten vor. Aus ihrer Sicht ergibt sich die Denkmalwürde aus der Bedeutung der Siedlung für die Geschichte der Bundesrepublik und Münchens. Sie leitet ihre Einschätzung aber auch aus der Architektur und dem Städtebau an. „Es handelt sich um einen eigenständigen Siedlungstyp, ein inselartiges Little America“, sagt Elbert.

Bemerkenswert sei auch, „wie sich die Architektur der Landschaftsplanung unterordnet“. Das sei heute noch am teils uralten Baumbestand zu erkennen. Dieser Punkt ist auch aus Sicht von Christian Hierneis, dem Vorsitzenden des Bundes Naturschutz in München und grünen Landtagsabgeordneten von großer Bedeutung. Er war bei dem Termin im Kinosaal auch anwesend.
Falls das Landesamt der Siedlung die Denkmalwürde abspreche, werde man die Entscheidung vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof prüfen lassen, kündigte Benno Ziegler, der Anwalt der IWAP, an.
Eine wichtige Rolle kommt in dem Prozess auch der Landeshauptstadt München zu. Sie müsste der Bima mit einem Bebauungsplan das Baurecht für die Nachverdichtung erteilen. Im Juni 2024 startete der Stadtrat mit einem Aufstellungsbeschluss das Verfahren dafür. Grundlage war ein städtebauliches Konzept, das vorsah, die Siedlung durch fünf Wohnblöcke mit innenliegenden Höfen, sogenannte „Village Greens“, zu ergänzen und dabei möglichst viele Bäume zu erhalten.
Allerdings gibt es in weiten Teilen des Stadtrats Bedenken wegen des Projekts. Die Grünen trugen den Beschluss zwar damals mit, äußerten aber dann im Januar 2025 grundsätzliche Zweifel und forderten eine „Nachverdichtung mit Sinn und Verstand“. Der CSU-Stadtrat Andreas Babor, der ebenfalls im Cincinnati-Kino dabei war, signalisiert Unterstützung dafür, die „Ami-Siedlung“ unter Schutz zu stellen. Die ÖDP forderte am Freitag in einem Antrag „ein alternatives Konzept für Sanierung und Umnutzung des Bestands“.
Auf diesen Gegenwind hat das Planungsreferat inzwischen reagiert. Stadtbaurätin Elisabeth Merk stellte dem Landesdenkmalrat am Freitag den aktuellen Stand vor. „Wir nehmen Abstand von den Green Villages“, sagte Merk nach der Sitzung im Gespräch mit der SZ, „und suchen jetzt in Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege in einem Masterplan nach einer neuen Lösung, die eine Nachverdichtung ermöglicht.“
De facto wäre das ein Neustart der Planung. Die aber könnte, wenn sie sich konkretisiert, durch den „Bauturbo“ der Bundesregierung dann deutlich schneller genehmigungsreif werden, so hofft Merk. Soll es weiterhin bei 1000 zusätzlichen Wohnungen bleiben? „Hinter das Ausmaß würde ich derzeit ein Fragezeichen machen“, sagt sie, das müsse der weitere Prozess zeigen.
Die Bima als potentielle Bauherrin erklärt, für sie sei „zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht erkennbar, ob eine denkmalrechtliche Entscheidung ergeht“ und wie diese die Planung des Quartiers „berühren könnte“.
Zu der Initiative, die gegen das bisherige Nachverdichtungskonzept angeht, hat man bei der Bima aber eine deutliche Meinung: „Die Bemühungen von Interessengruppen, die Schaffung neuer bezahlbarer und zeitgemäßer Wohnungen (...) über den Denkmalschutz möglichst zu verhindern“, seien der Bima „bekannt“.
Dem tritt der Vorsitzende der IWAP, Alois Schwarzhuber, entgegen: „Weder wir als Verein noch jemand anders will hier eine Nachverdichtung verhindern.“ Es gehe ihm und seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern um Respekt vor der Geschichte der „Ami-Siedlung“.

