Die Suche hat ein Ende. Die Gefundene bringt einen großen Namen mit: Amélie Niermeyer wird neue Präsidentin der Bayerischen Theaterakademie August Everding. Das hat der Bayerische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst Markus Blume in München bekanntgegeben. Die Akademie soll ein Ort sein, „an dem mutig experimentiert wird und junge Künstlerinnen und Künstler lernen, sich mit ihrer Kunst einzumischen“, beschreibt Niermeyer ihre Vision für die Institution.
Vierzehn Monate lang war deren Präsidentschaft nun vakant. Bis zu Niermeyers Antritt am 1. Oktober werden weitere drei Monate vergehen. Der Grund für diese Lücke: Niermeyers Vorgängerin Barbara Gronau musste das Amt niederlegen wegen einer Abhöraffäre. Gronau hatte über eine Bühnenanlage das Gespräch einer Evaluationskommission mitverfolgt.
Seither hat Lars Gebhardt die Akademie als Künstlerischer Direktor interimistisch geführt. Es handelt sich dabei immerhin um die größte Ausbildungsstätte für Bühnenberufe im deutschsprachigen Raum. 175 junge Leute studieren dort aktuell in acht Studiengängen. Ihr Lehr- und Lerntheater ist im Münchner Prinzregententheater untergebracht. Ebenso das Büro der künftigen Präsidentin.
Das Ministerium hatte im Oktober eine Findungskommission eingesetzt, um den Posten neu zu besetzen. Mit Amélie Niermeyer ist ihr ein Coup gelungen. Denn Niermeyer vereint tatsächlich in einer Person, was Blume ihr bei der öffentlichen Vertragsunterzeichnung am Dienstag zuschreibt: „internationale Strahlkraft, Führungserfahrung und Leidenschaft für die nächste Künstlergeneration“.
Amélie Niermeyers Karriere liest sich als atemlos genommener Erfolgsparcours. Die gebürtige Bonnerin startete ihre Regiekarriere im Alter von 23 Jahren gleich mal am Residenztheater in München. Mit ihrer Inszenierung von Wedekinds „Frühlings Erwachen“ gewann sie den Förderpreis der Stadt München. 1991, da war sie 27 Jahre alt, wurde sie Oberspielleitern am Theater Dortmund. Zwei Jahre später kehrte sie als Hausregisseurin ans Residenztheater München zurück.

Im selben Jahr gab August Everding seinen Posten als Generalintendant des Bayerischen Staatsschauspiels auf, um Gründungspräsident jener Theaterakademie zu werden, die Niermeyer jetzt übernimmt. Everding, der über Jahrzehnte Bayerns Sprech- und Musiktheater-Leben elementar prägte und so populär war, dass er eine regelmäßige eigene Sendung im Fernsehen des BR bekam, hatte sie bereits als junge Regieassistentin am Residenztheater persönlich kennengelernt.
Dabei habe er schon damals auf sie vertraut, erzählt Niermeyer nun bei der Vertragsunterzeichnung als seine Nachfolgerin: „Er ließ mich die Proben leiten, wenn er wegmusste. Dann sagte er: Das machst Du schon, das weiß ich.“ Niemeyer war damals 22 Jahre alt. Dieses Selbstbewusstsein, das er ihr damals mitgegeben habe, sei von hohem Wert gewesen.
In all den Jahren seither ist Niermeyer viel herumgekommen in der Welt. Sie war Oberspielleiterin am Schauspiel Frankfurt, von 2001 bis 2005 leitete sie als Generalintendantin das Theater Freiburg, von 2006 bis 2011 das Düsseldorfer Schauspielhaus. Seit 2011 ist sie Regieprofessorin am Mozarteum Salzburg und leitet dort den Studiengang für Schauspiel, Regie und Applied theatre, das Thomas Bernhard-Institut.
Parallel dazu arbeitete sie immer weiter als Regisseurin, seit zwölf Jahren auch im Musiktheater, was sie unter anderem nach Basel, Los Angeles und Wien führte. Ans Residenztheater nach München kam sie als ihre alte künstlerische Heimat immer wieder zurück – unter vier verschiedenen Intendanten. Man mag das als Beweis dafür betrachten, dass Niermeyers Qualitäten keine Geschmackssache sind.
Bayerns Kunstminister schreibt ihr zu, was die Akademie nach ihren bewegten Zeiten nun fraglos dringend braucht. „Amélie Niermeyer steht für einen zeitgemäßen Leitungsstil“, sagt Blume. Und sie habe ein „feines Gespür für gesellschaftliche Debatten“. Für die Absolventen und Absolventinnen der Akademie zweifelsohne ebenfalls von Vorteil: Sie engagiert sich in zahlreichen Jurys, Gremien und internationalen Theaternetzwerken.

