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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Neues Normal

Der Architekt Amandus Samsøe Sattler

Amandus Samsøe Sattler, geboren 1957, ist Architekt und Mitbegründer des Münchner Architekturbüros Allmann Sattler Wappner. Seit vergangenem Jahr ist er zudem Präsident der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB).

(Foto: Sattler)

Kultur-Lockdown, Tag 99: Der Architekt fordert nachhaltiges Bauen trotz Pandemie

Gastbeitrag von Amandus Samsøe Sattler

"Du bist noch stumm geschaltet..." So beginnt der Tag - funktioniert das Internet? Ist die Verbindung stabil? Passt der Hintergrund? Draußen ist es noch dunkel? Dann hebe ich die Hand zum morgendlichen Gruß. Frühstückstalk auf der digitalen Baumesse zum Thema: "Neues Normal oder nur ein Hype: Wie nachhaltig ist der Bausektor heute?"

Als eine Chance auf ein Neues Normal haben viele, am Anfang des vergangenen Jahres, die Bewegung für den Klimaschutz empfunden. Die Schüler auf den Straßen, mit Fridays for Future haben sie uns wachgerüttelt. So können wir nicht weiter machen! Nun sitzen die Schüler zuhause am Bildschirm.

"Deine Verbindung ist schlecht". Ein klimaschonendes Leben, Wirtschaften und Bauen, als neues Normal, wurde aber erst mal durch das neue Normal der Pandemie überlagert. Sie hat uns vor bisher unbekannte Herausforderungen gestellt und außer den existenziellen Bedrohungen uns auch Begegnungen und soziale Interaktion und die Kunst, die wir alle brauchen, fast unmöglich gemacht. Die Baubranche jedoch hat bisher wenig von dieser Krise zu spüren bekommen. Klar geht alles etwas langsamer und ist komplizierter, bei der Kommunikation und der Zusammenarbeit. Aber die Häuser werden weitergebaut, und auch viele Planungen werden neu begonnen.

"Kannst du mich hören?" Wenn ich dann draußen bin, bei den Bauherren, öffentlich oder privat, höre ich, dass es ein Bewusstsein für die Themen der Nachhaltigkeit gibt. Klimaschutz, Ressourcenschonung, Gesundheit, Steigerung der Qualität und Effektivität. Die Begrifflichkeiten sind in den Sprachgebrauch der Entwickler eingezogen. Die Politik hat ja auch ganz konkrete Ziele aufgestellt: bis 2050 sollen wir klimaneutral werden.

"Du, ich muss jetzt wirklich in den nächsten Call." Wenn man dann aber nachfühlt und andere Bauweisen, mit mehr Holz oder weniger Komfortansprüche fordert, heißt es meist sehr lapidar: Das lässt sich wirtschaftlich nicht darstellen. Grundlegende Veränderungen, um das CO₂ zu reduzieren, immerhin emittiert das Bauen etwa 40 Prozent des klimaschädlichen CO₂, finden also in Wirklichkeit noch nicht statt. Alles bleibt beim Alten, obwohl unsere Hoffnung so groß war, dass wir während der Einschränkungen in der Pandemie gelernt hätten, auch mit Reduktionen und neuen Lebensweisen umzugehen.

"Kannst du mich sehen?" Als im November die Münchner Kammerspiele in das Foyer der Therese-Giehse-Halle ihren neuen Leitsatz als übergroßen Schriftzug an der Rückwand befestigte, spürte ich ganz deutlich, wie die Kunst auch in der Not macht, was sie kann - sie fühlt der Gesellschaft auf den Zahn und gibt uns Inspiration und Handlungsanweisung: "Die Wirklichkeit nicht in Ruhe lassen."

Dieser Leitsatz ist entscheidend für unsere Entwicklung zu einer nachhaltigen Gesellschaft. Nachhaltigkeit als ein gesellschaftliches Projekt, sozial und ökologisch. Die Pandemie und der Klimawandel werden unser Leben für immer ändern. Erst wenn wir das begreifen und das Ende unserer jetzigen Lebensweise akzeptieren, können wir unsere Zukunft radikal neu denken. Das ist eine radikale Hoffnung. Etwas Gutes kann entstehen - auch wenn wir noch nicht wissen, wie es aussehen wird. Durch die Kunst wird es für uns sichtbar gemacht.

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© SZ vom 08.02.2021
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