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Bildung:"Amanda" klärt Jugendliche ganz ungezwungen auf

Bei Amanda werden Schülerinnen über Ihren Körper und das Geschlechtsleben aufgeklärt.

(Foto: Catherina Hess)

In der Beratungsstelle können sich Schülerinnen, die gerade in die Pubertät kommen, über ihre Sexualität und Menstruation informieren und austauschen. Ein Besuch.

Kurz nach neun stürmen 22 Fünftklässlerinnen in die Räume von Amanda. Sie sind aus Pasing nach Obersendling gekommen vom Bertolt-Brecht-Gymnasium, eines der wenigen in München mit sozialwissenschaftlichem Zweig. Zwei Fremdsprachen, keine Jungs. Eine Lehrerin und ein Lehrer begleiten die Mädchen. Nach Notenschluss ist Zeit für außerschulische Aktivitäten. Alle sollen ihre Schuhe ausziehen. Zwei Gruppen werden eingeteilt, die Lehrkräfte verschwinden danach auf den Balkon. Eva Ansmann kennt das schon. Sie unterrichtet seit 1984 am "Bert Brecht", unter anderem Biologie. Sie war schon öfter hier mit einer ihrer Klassen. Noch nie habe sie irgendetwas Negatives nach einem dieser Workshops gehört, sagt sie.

Eigentlich würde sie gerne einmal selbst erleben, wie die Sozialpädagoginnen hier über Sexualität sprechen. Doch Lehrer sind tabu. Damit offen über Tabus gesprochen werden kann. Über weibliche Lust zum Beispiel. Und über einzelne Körperteile, die von Frauen selbst oft nur als eine Körperregion "da unten" bezeichnet werden. Amanda versteht sich als Schutzraum und Beratungsstelle für Mädchen und junge Frauen zwischen zehn und 27 Jahren. Der Kurs an diesem Vormittag heißt "Das rote Zimmer". Das gibt es bei Amanda tatsächlich, als Ausstellungs- und Seminarraum mit rot angemalten Wänden. Dunkelrot wie Blut.

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Danii Arendt geht mit ihren Mädchen dort hinein, Zsuzsa Sándor bittet die anderen in einen Raum mit einem großen ovalen Tisch. Sie sind zehn und elf Jahre alt, haben ihr erstes Jahr auf dem Gymnasium nun fast hinter sich. An den langen, dünnen Beinen sieht man bei manchen, dass sie gerade in die Höhe geschossen sind. Geschminkt ist keine. Fast alle haben lange Haare, tragen Jeans und T-Shirts, die kaum Körperformen zeigen. Sándor erklärt die Regeln für diesen Vormittag: Niemand dürfe ausgelacht werden und es gebe weder blöde noch schlechte Fragen. Außerdem verspricht sie, dass nichts Persönliches nach außen dringen werde. Sie und alle anderen hier im Raum unterliegen der Schweigepflicht.

Und die Journalistin? Die wird in ihrem Text deshalb keine Namen nennen und niemanden erkennbar beschreiben.

Sándor fragt die Mädchen nach ihren Hobbys und welche Fächer sie besonders mögen. Die meisten finden Musik, Sport und die Pausen das Beste an der Schule. Nur eine mag Mathe. Es wird viel gekichert bei der Vorstellungsrunde, aber die Mädchen sind bei der Sache. So eine lockere Arbeitsatmosphäre gibt es in Schulzimmern eher selten. Dann kommt die Sozialpädagogin zur Sache. Die Schülerinnen sollen spontan sagen, was ihnen zum Thema Pubertät einfällt. Die Antworten werden aufgeschrieben.

Schnell entsteht ein dichtes Tafelbild: Hormone, Stimmungsschwankungen, Schwitzen, fettige Haut, Brüste, die wachsen, Schamhaare, rufen die Mädchen nacheinander in die Runde. "Venushügelhaare" findet Sándor passender. Es gebe ja keinen Grund, sich für Haare zu schämen, sagt sie. Die meisten hier haben den Begriff noch nie gehört. Dann fragt sie, welche Synonyme die Schülerinnen für Menstruation kennen. "Erdbeerwoche" sagt eine, das habe sie mal im Fernsehen gehört. Es wird unruhig. Nicht alle haben schon ihre Regel. Als Sándor aber fragt, "Denkt ihr, dass ihr schon in der Pubertät seid?", füllt sich der Raum mit einem lauten "Ja". "Freut ihr euch darüber?" Es wird leise. "Man wird größer", sagt ein Mädchen dann. "Da haben die Leute mehr Respekt vor einem."

"Die Mädchen haben viel mehr Bilder im Kopf"

Die Gymnasiastinnen kommen gut vorbereitet zu Amanda. Einige wissen bereits viel über ihren Körper und geben kluge Antworten. Andere hören aufmerksam zu. Despektierliche, vulgäre Ausdrücke fallen nicht. Wo sitzt der Tampon? Muss ich ihn entfernen, wenn ich auf die Toilette gehe? Wie putzt man sich als Mädchen richtig ab? Eine Schülerin erzählt von Problemen, bei denen ein Gynäkologe helfen konnte. Von ihm habe sie gelernt, wie Bakterien vom Darm in die Scheide gelangen können, sagt sie. Manche staunen, dass sie schon bei einem Frauenarzt war.

Die fünf Sozialpädagoginnen von Amanda erleben diese Vormittage immer wieder neu. Die Einrichtung gibt es seit mehr als 40 Jahren. Sie wurde 1978 als erstes Mädchenprojekt in Bayern gegründet und wird vom Stadtjugendamt finanziert. Im vergangenen Jahr gab es zum Jubiläum den Anita-Augspurg-Preis der Stadt München, eine Anerkennung für die Förderung von Frauengleichberechtigung. Angefangen hat man in der Güllstraße in der Nähe des Goetheplatzes, 2008 war der Umzug in die Räume an der Gmunder Straße. "Wir könnten viel, viel mehr machen, wenn wir mehr Ressourcen hätten", sagt Danii Arendt. Die Nachfrage sei sehr groß. Auch nach Beratung. Etwa 300 Workshops geben sie pro Jahr. Eine Klasse zahlt 50 Euro. Arendt ist seit sechs Jahren hauptamtlich dabei.

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In dieser Zeit habe sich einiges verändert. "Die Mädchen haben viel mehr Bilder im Kopf." Viele ihrer Vorstellungen über Sexualität kämen von Webvideos. Manches mache ihnen Angst. Ob Geschlechtsverkehr weh tue, wollen manche wissen; ob man das alles machen müsse, was man so im Internet sieht, was man falsch machen könne oder wie man merke, dass man Frauen liebe. "Manche erwarten Anleitungen von uns, die können wir ihnen aber nicht geben."

Aber sie können eine positive Haltung zum eigenen Körper und zum Frausein vermitteln, weil sie es vormachen, indem sie auch sehr intime Themen wie Selbstbefriedigung ansprechen. Das sei ein schönes Gefühl, nicht nur für Jungs, sagt Sándor. Mit ihrer positiven Haltung lässt sie keine Peinlichkeit aufkommen. In ihrer Hand hält sie eine hellbraune Vulva aus Plüsch, so groß wie eine Semmel, mit rosa Innenleben. Mit Schals formt sie Eierstöcke und Gebärmutter auf dem Tisch. Eine große Murmel ist das Ei, das jeden Monat wandert und auf Befruchtung wartet. Wer mag, darf die schönen Materialien fühlen, die Finger darin vergraben.

Es werde einerseits offener und selbstbewusster über Sexualität gesprochen, sagt Arndt im Einzelgespräch. Aber die Klischees, mit denen sie im Alltag konfrontiert werden, verunsichern viele junge Frauen dann doch - und auch junge Männer. Die müssen laut Werbung herb nach Moschus riechen, während Mädchen ihr langes Haar mit Shampoo aus rosa geblümten Flaschen einschäumen sollen. Keine gute Entwicklung, findet Arendt.

Sie hat mit ihren Schülerinnen über die monatlichen Blutungen gesprochen. Über Regelschmerzen, die mit Tees, aber auch Ibuprofen gelindert werden können. Dass in manchen Ländern der Beginn der Menstruation gefeiert wird, löst Erstaunen aus. In einem brasilianischen Stamm werden den Mädchen die Zöpfe abgeschnitten und Haarsträhnen an Verwandte verschenkt. "Von der Menstruationstasse hatte ich noch nie gehört", sagt eine Schülerin in der Pause. In Grüppchen stehen sie vor den Ausstellungswänden im Roten Zimmer. Jede kann von dem Vormittag mitnehmen, was sie möchte, was sie braucht auf ihrem Weg durch die Pubertät, zur Frau, vielleicht zur Mutter.