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München:Am Hauptbahnhof etabliert sich eine neue Drogenszene

Drogenszene Hauptbahnhof

Man beäugt sich auf schwierigem Terrain. Den Polizisten machen immer neue, spontan agierende Gruppen von Dealern am Hauptbahnhof große Probleme.

(Foto: Florian Peljak)

Immer mehr junge Männer versuchen dort, mit Rauschgift schnelles Geld zu machen. Sie agieren in kleinen Gruppen und sind für die Münchner Polizei kaum zu fassen.

Von Martin Bernstein

Da drüben, neben dem Imbissstand. Der junge Mann in der auffälligen roten Jacke. Wäre bei ihm was zu finden? Polizeiobermeister Frank Vogel wiegt nachdenklich den Kopf. Was sagt ihm sein in fünf Jahren Einsatz am Hauptbahnhof geschultes Gefühl, was heißt überhaupt Gefühl - wo sich doch jetzt alles so schnell verändert hat? Wenn es eben nicht mehr nur die alte Drogenszene gibt, die seit Jahren Abhängigen, die sich im Schatten des "Schwammerl" genannten Bahnhofsvordachs treffen, saufen und auch mal herumschreien oder untereinander handgreiflich werden.

Sondern auch diese neue, noch kaum berechenbare Szene, kleine Grüppchen junger Männer, für die der Hauptbahnhof ein Magnet ist, weil sie glauben, dort mit Drogendeals schnelles Geld zu machen. "Wenn der Rauschgift dabei hätte, würde er jetzt, wo er uns sieht, stiften gehen", ist der junge Bundespolizist nach einigem Überlegen überzeugt.

Und dann erzählt Vogel, wie er in Zivil unterwegs war und selbst von einem Dealer angesprochen wurde. So wie die Reporterin eines Fernsehmagazins, die am Hauptbahnhof drehen wollte. Oder wie die jungen Leute auf Klassenfahrt, die nur schnell hinüber in ihr Hostel wollten.

So wie Gerhard Berkofsky, stellvertretender Leiter des Rauschgiftkommissariats 83: "Das passiert uns regelmäßig." Artur Mitterer, Vize-Chef der Polizeiinspektion 16 am Bahnhof, sagt: "Sie müssen hier nur stehenbleiben und den Geldbeutel auffällig auf- und zuklappen..." Die "Fronthändler", wie sie im Kriminaljargon heißen, sind bei Tag und Nacht da. 20, 30 Beschwerden von Touristen und Ladenbetreibern hat die Polizei zuletzt bekommen. Eine Häufung, aber nicht wirklich viel. "Die Leute sind leiderprobt", sagt Berkofsky.

Mitterer dreht eine Runde um den Hauptbahnhof, deutet da auf ein Plakat, greift dort prüfend hinter eine Werbetafel aus Aluminium. Es sind die Drogenbunker der Dealer. Jede Mauerritze, jedes Verkehrsschild kann ein solches Versteck sein. Oder der Alte Botanische Garten, wo Drogenermittler am vergangenen Wochenende 29 Plomben mit Rauschgift fanden.

Geschäfte werden über Handy vereinbart

Die Händler haben nur wenig Stoff dabei, aus Furcht vor Kontrollen. Sie bahnen Geschäfte per Handy an. Und sie teilen sich die Arbeit: Einer schafft den Kontakt, einer übergibt den Stoff, einer passt auf, einer spielt die Bank.

Vor allem auf der Bahnhofsüdseite zwischen Intercity-Hotel, Burger King und "Esspunkt" stehen sie beisammen, oft landsmannschaftlich sortiert. Sie kommen aus Mali, dem Senegal, Somalia, Eritrea, Nigeria und sie sind jung. Oder noch jünger und aus Syrien, dem Irak, Tunesien, Algerien oder Marokko.

Also Flüchtlinge? Berkofsky nickt. Fast 500 Dealer haben die Polizisten des Münchner Drogendezernats, der Einsatzhundertschaft und der Inspektionen im Bahnhofsviertel in den vergangenen zwei Jahren überführt. Und fast alle waren Asylbewerber, die Hälfte von ihnen gar nicht aus München, sondern aus Unterkünften im weiteren Umland, aus Petershausen, Miesbach, Holzkirchen. "Wir sehen die, bei denen die Integration nicht greift", sagt Berkofsky.

Und dann betont er, was ihm dabei sehr wichtig ist - "bitte schreiben Sie das": dass nämlich der Umkehrschluss absolut nicht zutrifft. Dass es die wenigen schwarzen Schafe unter den Flüchtlingen sind. In dieser Woche erst sei er mit seinen Leuten in einer Wohngruppe aufgetaucht, wegen eines solchen schwarzen Schafs. "Die anderen acht waren superhöflich, lauter engagierte junge Leute in der Ausbildung", sagt der Kriminalpolizist. "Die nehmen dich dann zur Seite und sagen über ihren Mitbewohner: "Warum nehmt ihr ihn nicht endlich mit, wir wollen den nicht haben."

In diese neue Szene reinzukommen sei außerordentlich schwierig, sagt Berkofskys Chef Andre Remy. Der Polizeioberrat leitet das Kriminalfachdezernat 8 im Polizeipräsidium, zuständig für alle Formen der Rauschgiftkriminalität. Die Szene: keine feste Struktur, große Fluktuation - ziehe man einen der Dealer durch Festnahme und Haftstrafe aus dem Verkehr, sei am nächsten Tag ein anderer da.

Und: "Das Aussageverhalten tendiert gegen Null", sagt Berkofsky. Er macht den Job schon seit 24 Jahren. Die neue Szene am Hauptbahnhof schottet sich ab, verschließt sich auch Einsichten, die andere längst haben: dass straffrei oder mit geringerer Strafe davonkommt, wer auspackt. Berkofsky hat das alles schon einmal erlebt, Anfang der Neunzigerjahre.

Ständige Kontrollen sollen die Dealer verjagen

Drogenszene Hauptbahnhof

Kontrollen und Aufenthaltsverbote sollen helfen, die Lage in den Griff zu bekommen - bisher mit wenig Erfolg.

(Foto: Florian Peljak)

Es ist dunkel geworden rund um den Hauptbahnhof. Die Strahler, die den Südeingang ausleuchten sollen, bringen nur wenig. Der Parkplatz hinterm Taxistand ist völlig in Dunkelheit gehüllt, zwei Straßenlaternen sind ausgefallen. Für Remy und Berkofsky ist das, worauf sie bei ihren Kontrollen und Einsätzen dort und im angrenzenden südlichen Bahnhofsviertel stoßen, trotzdem das "Hellfeld".

Denn vieles Andere bleibt unsichtbar: die Hintermänner, die Strukturen, die Beweggründe. Ob es denn stimme, was immer wieder kolportiert wird - dass manche Flüchtlinge dealen, um Schleuserlohn abzuarbeiten? Spekulation, sagt Wolfgang Hauner, Sprecher der Bundespolizei. Spekulation, sagen Remy und Berkofsky und auch Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä. Fest steht: Drogengeschäfte verheißen vermeintlich schnelles Geld.

Und da setzt die Polizei den Hebel an. "Unser Ziel ist es", sagt Erster Kriminalhauptkommissar Berkofsky, "dass durch unsere Maßnahmen der Stundenlohn der Dealer so gering wird, dass sie irgendwann erkennen: Dafür kann ich auch arbeiten gehen." Ständige Streifen, Kontrollen, Einsätze in Zivil und in Uniform: Lästig sein, durch hohe Kontrolldichte das Bahnhofsumfeld unattraktiv machen - so schaut die Sisyphusarbeit der Polizei aus. Die Szene dürfe sich nie sicher fühlen, müsse vorsichtig agieren.

Eine offene Szene wie in Frankfurt oder Berlin, bei der Rauschgift - auch harte Drogen - am immer gleichen Ort ständig verfügbar ist: So etwas will die Polizei in München unbedingt verhindern. Wenn die Fahnder sehen, dass ein kaufwilliger Interessent nicht bedient wird, wenn ein Dealer zu einem Kunden sagt: "Not here. Too much police. Come with me!" - dann ist das für Berkofsky ein großer Erfolg.

Der Erfolg wird dann noch größer, wenn ein Fronthändler beim Deal erwischt wird und ins Gefängnis wandert. "Die Zusammenarbeit mit Staatsanwälten, Haft- und Ermittlungsrichtern funktioniert sehr gut", sagt Andre Remy.

"Ware vernichten, flüchten, angreifen" - so beschreiben Berkofsky und die Polizisten am Hauptbahnhof übereinstimmend die Reaktion der Erwischten. Faustschläge gegen Polizisten sind keine Seltenheit. Weil die Polizei grundsätzlich als Gegner gilt? Oder gerade: als nicht ernst zu nehmender Gegner? "Man kann nicht reinschauen, was die erlebt haben", sagt Polizeihauptmeister Dietmar Schmidt.

72 Menschen

hat die Stadt 2015 den Aufenthalt im Bahnhofsumfeld verboten, heuer waren es schon 45. Dabei ging es nicht nur um Drogen- delikte, sondern auch um Gewalt und vor allem: um Alkohol, oft in der Alt- Szene am Bahnhofseingang. Wunsch vieler Polizisten: das düstere Vordach ("Schwammerl") abreißen. Und ein Alkoholverbot fürs Bahnhofsumfeld. Ein Vorstoß beim Innen- minister läuft.

Wenn er auf Streife geht wie an diesem Abend mit seinem Kollegen Vogel legt er die Schutzweste um, zieht Handschuhe an, steckt Pistole, Schlagstock und Pfefferspray ein. Der Schutz vor dem Rassismus-Vorwurf ist schwieriger. "I'm black, don't touch me." - "Nazi!" - "Ihr könnt mir eh nichts." Das bekommen die Polizisten zu hören.

Der junge Mann in der auffälligen roten Jacke lässt es gar nicht soweit kommen. Der Anblick der Bundespolizeistreife hat ihn nervös gemacht. Und er geht nun doch stiften. Eine Stunde später, die Bundespolizisten Vogel und Schmidt sind inzwischen von einer neuen Streife abgelöst worden, steht ein stämmiger Mann in der dunklen Ecke zwischen Burger King und U-Bahn-Aufzug. Ein Begleiter sichert das Terrain.

Der Mann telefoniert leise. Dann sagt er: "Just give me two hours" und verschwindet zusammen mit seinem Kompagnon in der Dunkelheit hinterm Currywurststand. Zwei Stunden für einen kleinen Deal? Drogenfahnder Berkofsky wird sich zufrieden die Hände reiben. Wieder hat die Polizei den Dealern das Geschäft ein bisschen schwerer gemacht.

© SZ vom 25.06.2016/imei
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