Historische Fundorte:Geschichte, zum Greifen nah: Stelen erklären die Archäologie Münchens

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Fundgrube Marienhof: Elke Bujok von der Archäologischen Staatssammlung präsentiert die neuen Stelen zur frühesten Münchner Stadtgeschichte. (Foto: Catherina Hess)

Die Kuh im Brunnen, die Münchner Kaiserburg und ein vergrabenes Relief sind Themen an drei von 13 Stationen in der Innenstadt. Die Archäologische Staatssammlung betreut das Projekt.

Von Martin Bernstein

Die Baustellen zur zweiten S-Bahn-Stammstrecke machen den meisten Münchnerinnen und Münchnern in der Regel keine große Freude. Den Archäologen schon. Insbesondere der Marienhof hinter dem Rathaus hat sich durch die Wühltätigkeit der Bahnbauer zu einer Fundgrube für die Erforschung der frühen Münchner Stadtgeschichte entwickelt. Das wird auf einer der blauen Stelen erklärt, die die Archäologische Staatssammlung im Innenstadtbereich aufgestellt hat, um auf Funde und Fundorte hinzuweisen.

Da ist etwa die Sache mit der Kuh. Irgendwann im 13. Jahrhundert geriet das Tier in einen gerade erst, nämlich im Jahr 1261 oder unmittelbar danach gegrabenen und säuberlich mit Holz ausgekleideten Brunnenschacht. Ob es ein Unfall war oder ein bewusster Sabotageakt, ein Angriff auf die kritische Infrastruktur der jungen Stadt München - diese Frage bleibt vermutlich ungeklärt.

In diesen Brunnen fiel eine Kuh - und sorgte dafür, dass das Bauwerk seines ursprünglichen Zweckes enthoben werden musste. (Foto: Florian Peljak)

Was die Archäologinnen und Archäologen aber sagen können: Das mit der Kuh änderte alles, zumindest für den Besitzer des Brunnens. Weil die Wasserquelle verseucht war, konnte der sicher teure Brunnen nur noch als Abfallgrube und Latrine verwendet werden. Für die Bewohner des Anwesens eine kleine Katastrophe, für die Wissenschaft ein Glücksfall.

Details wie dieses, munter aufbereitet, erfahren Geschichtsinteressierte an den insgesamt 13 archäologischen Stelen. Geschickt werden Fundorte virtuell mit den dazugehörigen Funden im Museum verknüpft, aber auch mit wissenschaftlichen Arbeiten zum jeweiligen Thema. Etwa im Innenhof der Münchner Kaiserresidenz.

Kaiserresidenz? Richtig gelesen. Im Alten Hof residierte im 14. Jahrhundert der römisch-deutsche Kaiser Ludwig, den seine papsttreuen Gegner in despektierlicher Absicht "den Bayern" nannten. Eine blaue Stele erzählt die Geschichte der Burg. Wer sich danach umdreht, muss nur ein paar Stufen hinauf- und ein paar mehr wieder hinuntersteigen, um unter dem "Infopoint Museen und Schlösser" direkt in den Überresten der Residenz zu stehen. Und zu staunen, was der hundertmal umgegrabene Boden der Münchner Altstadt immer noch preiszugeben bereit ist.

Die Stelen sind Teil des bis 2028 verlängerten Forschungsprojekts "Archäologie München", das von der Stadt mit jährlich 80 000 Euro gefördert wird. Außer der im April nach jahrelangem Umbau glanzvoll wiedereröffneten Archäologischen Staatssammlung in der Lerchenfeldstraße (Rundgang zur Stadtarchäologie ist dort am kommenden Mittwoch) sind das Landesamt für Denkmalpflege, das Institut für Vor- und Frühgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität, das Stadtmuseum, das Stadtarchiv, die Staatssammlung für Paläoanatomie, die Untere Denkmalschutzbehörde sowie das Büro für Denkmalpflege Regensburg beteiligt.

Eine Besonderheit des Forschungsprojekts: Wissenschaftliche Arbeiten, die neue Erkenntnisse zur Münchner Stadtgeschichte liefern, verstauben nicht in irgendwelchen Schränken - sie werden online publiziert und sind so aufbereitet, dass auch der stadtgeschichtlich interessierte Laie etwas mit ihnen anfangen kann. Etwa wenn Projektleiterin Elke Bujok über "Die Nonnen vom Max-Joseph-Platz" oder den "Lustgarten Wilhelms IV. am heutigen Marstallplatz" schreibt.

Zusammen mit Brigitte Haas-Gebhard, der Leiterin der Abteilung Mittelalter und Neuzeit, und Museumsdirektor Rupert Gebhard stellte sie am Donnerstagvormittag das Stelenprojekt vor. Die blauen Stadtmöbel sind selbst Artefakte: Ursprünglich fanden sie nämlich zur Markierung von Münchner Olympia-Schauplätzen Verwendung, für das Archäologieprojekt wurden sie noch einmal herausgeholt. Bis zum Spätherbst, so ist geplant. Und danach? Feste Infotafeln an den Fundorten wären nicht nur der Wunsch der Museumsmacherinnen.

Auf einer der Tafeln, der vom Odeonsplatz, wird die Geschichte eines antiken Grabreliefs erzählt, die Haas-Gebhard zusammen mit einer Kollegin erforscht hat. Eine wilde Geschichte. Denn schon in der Antike wurde der Grabstein recycelt, von einem gewissen Eutaktos. Dann kam das Fundstück ("Gott weiß wie", schrieb der erstaunte Architekt Leo von Klenze 1822 an seinen König) nach München, wo es wohl in der herzoglichen Kunstkammer auf- und ausgestellt wurde.

Prof. Rupert Gebhard, Direktor der Staatssammlung. (Foto: Claus Schunk)

Irgendwann wurde das Grabrelief dann wohl aus dem Antiquarium der Residenz in einen der herzoglichen Gärten ausgelagert, wo ihm allerdings die Witterung stark zusetzte. Als 200 Jahre später die alte Stadtmauer abgetragen wurde, um den heutigen Odeonsplatz zu schaffen, kam der Stein erneut zum Vorschein. Sozusagen die Quintessenz der Archäologie, wie Rupert Gebhard schmunzelnd sagt: "Alles, was man vergräbt, gräbt irgendwer irgendwann wieder aus."

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