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Einzelhandel:Platz für kleine Läden oder innovative Start-ups

Gürtelmacher Thomas Wilhelm Beckert in München, 2014

Der "Gürtelmacher" Thomas Wilhelm Beckert führte neun Jahre sein Geschäft am Sendlinger Tor. Seit einigen Wochen steht der Laden leer.

(Foto: Robert Haas)

In der Altstadt dominieren Filialketten, doch die Stadt bietet mit günstigen Mieten auch kleinen Händlern Chancen - die wissen diese zu nutzen.

Es ist ein ungewohnter Anblick in der Münchner Altstadt: Seit mehr als zwei Monaten steht ein Geschäft leer - in bester Lage im historischen Gemäuer des Sendlinger Tors. Ende Dezember zog der "Gürtelmacher" Thomas Wilhelm Beckert aus, neun Jahre lang hatte er den 36 Quadratmeter kleinen Laden gemietet, der gleichzeitig als Werkstatt diente. Der Füssener fertigte vor allem wertvolle Auftragsarbeiten an, sein Kundenstamm ist groß. Trotzdem hat er das Geschäft nun aufgegeben und ist zurück nach Füssen gegangen. "Ich wollte halt nicht mehr nach München pendeln", sagt der Handwerker am Telefon. Jetzt liegt seine Werkstatt wieder ganz in der Nähe seines Zuhauses. An der Ladenmiete hat es auf alle Fälle nicht gelegen. Denn Beckert hatte Glück: Das Geschäft gehört zu den 73 Gewerbe- und Ladeneinheiten in der Altstadt, die das Kommunalreferat verwaltet und vermietet.

Die Geschäfte sind bei Händlern äußerst begehrt, denn sie sind im Vergleich zu den Preisen auf dem freien Markt günstig. Vor knapp zwei Jahren hatte der Stadtrat ein Innenstadtkonzept zur Vermietung von städtischen Ladenflächen neu aufgelegt, das bereits seit 2006 gilt. Damit sollen traditionelle und kleine Einzelhandelsgeschäfte und innovative Angebote von Start-ups gefördert werden. Denn längst beherrschen große internationale Filialen den Markt in der Altstadt zu fast hundert Prozent. So wird für die inhabergeführten Geschäfte, die entweder ein Alleinstellungsmerkmal haben oder durch ihre Originalität oder Tradition überzeugen, eine Mindestmiete verlangt und zusätzlich eine Umsatzmiete, die je nach Branche zwischen 3,5 und zehn Prozent liegt. Dafür muss der Mieter jährlich seine Umsatzzahlen vorlegen.

Das Konzept geht auf. Von den 73 Läden in der Altstadt sind derzeit fast alle belegt. Lediglich das kleine Geschäft am Sendlinger Tor steht derzeit leer, weil es saniert wird, doch von 1. April an können sich Interessenten bewerben. Ein Schuster soll unter anderem schon Interesse bekundet haben. Auch im Herzen der Altstadt wird bald ein Laden frei. Ende März zieht das Geschäft "Gewürze der Welt" in der Passage der Thiereckstraße neben dem Wirtshaus "Donisl" aus, um wieder an seinen alten Stammplatz im von der Stadt vermieteten Ruffinihaus zu gehen, das noch bis zum Sommer saniert wird.

Ganz günstig ist die Miete in dem 75 Quadratmeter großen Geschäft an der Thiereckstraße mit seiner Hinterhoflage nicht: 2395 Euro plus 130 Euro Heizkosten muss der künftige Betreiber monatlich zahlen. Es gibt dort keine Toilette und nur einen Elektroboiler, um Wasser zu erhitzen. Der Standard des Nachkriegsgebäudes sei "einfach", mittelfristig sei eine Sanierung nötig, heißt es auf der Immobilienseite der Stadt. Da ist die Lage und die Ausstattung im Ruffinihaus deutlich besser, weshalb die meisten der alten Mieter dort wieder einziehen oder sogar schon wieder geöffnet haben. Bis auf die Südostseite am Rindermarkt, wo noch Baugerüste stehen, seien die Läden an die Mieter wieder übergeben worden. "Natürlich wollen alle so schnell wie möglich eröffnen", teilt die Stadt mit.

Seit genau zwei Jahren wird das Ruffinihaus nun generalsaniert. Der knapp 120 Jahre alte Gebäudekomplex, den Gabriel von Seidl errichtet hat, beherbergt künftig nicht nur 20 Läden, von dem einer ständig als sogenannter Pop-up-Store genutzt werden soll. Im Dachgeschoss wird künftig auch Platz für Teile der Stadtverwaltung sein.

Nur ein paar Schritte entfernt vom Ruffinihaus hat das Kommunalreferat noch weitere begehrte Ladenflächen im Besitz: am Viktualienmarkt. Der soll zwar wie die Märkte am Elisabethplatz und am Wiener Platz sowie der Pasinger Viktualienmarkt nun saniert und teilweise umgebaut werden, doch immerhin gibt es dort derzeit ein Standl, das seit geraumer Zeit leersteht.

Vorn bei der Heiliggeistkirche gibt es bei den Metzgern in Abteilung V ein 26 Quadratmeter kleines Geschäft, das derzeit von den Markthallen München angeboten wird: 687,70 netto kostet dort monatlich die Mindestgebühr, hinzu kommen eine Umsatzgebühr sowie Nebenkosten. Normalerweise warten Händler viele Jahre, bis sie in einen der begehrten Stände am berühmten Viktualienmarkt ziehen können. Doch wegen der Sanierung, bei der auch die Stände teilweise neu errichtet werden müssen, gilt der Vertrag vorerst nur bis Ende kommenden Jahres. Laut Stadtratsbeschluss erhalten die Händler, die derzeit nur befristete Verträge haben, nach Ende der Sanierung des Viktualienmarkts unbefristete Verträge.

Die städtischen Läden in der Altstadt sind mittlerweile fast die einzigen, die nicht mit Handelsketten belegt sind. Dass die kleinen Händler überleben können, hängt aber nicht nur vom Preis, sondern vor allem davon ab, dass Münchner auch dort einkaufen.

© SZ vom 22.02.2020/lfr
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