Einen „Baum-Booster“ für die Altstadt haben die Grünen schon freudig angekündigt. In der stark versiegelten Münchner Fußgängerzone und in umliegenden Straßen sollen mehr als 150 neue Bäume gepflanzt werden. Der Bauausschuss des Stadtrats hatte die „Begrünung Fußgängerzone“ vergangene Woche auf der Tagesordnung. Doch dann hat die SPD beantragt, die Entscheidung zu vertagen, man habe noch Abstimmungsbedarf; die Grünen wehrten sich nicht gegen ihren Koalitionspartner. Die Gegenrede von ÖDP-Fraktionschef Tobias Ruff, dass es Zeit für Entscheidungen sei, die Bürger wollten noch vor der Kommunalwahl wissen, wer wofür stehe, ging ins Leere.
Aus der Beschlussvorlage des Baureferats lässt sich ablesen, dass die geplante Begrünung wohl noch komplizierter wird, als bisher angenommen, und noch teurer. Mit Pflanzungen, die teilweise bis zu 100 000 Euro kosten dürften, rechnet das Baureferat.
Dass die Sommer in Zeiten des Klimawandels immer heißer werden, ist bekannt. Das Baureferat nimmt an, dass in den nächsten Jahrzehnten die Höchsttemperaturen in München um bis zu neun Grad steigen werden, die Zahl der jährlichen Sommertage werde sich in den 2080er-Jahren auf bis zu 108 steigern, mehr als doppelt so viele wie heute. Die Sonne erhitzt eine Altstadt, in der nur wenige Bäume Schatten spenden. Um in den 2050er-Jahren einen wirksamen Kühlungseffekt zu haben, erklärt das Baureferat, müsse man jetzt neue Bäume pflanzen.
Allein, wo und wie? Das ist alles andere als einfach. 125 geeignete Plätze hat das Baureferat in der Fußgängerzone ausgemacht; in angrenzenden Straßen weitere 41. Baureferentin Jeanne-Marie Ehbauer stellt in ihrer Vorlage fest, dass die Denkmalschutzbehörden ihren Widerstand gegen zusätzliche Bäume weitgehend aufgegeben hätten. Noch vor 15 Jahren, als der erste Abschnitt der Sendlinger Straße zur Fußgängerzone umgebaut wurde, habe die Denkmalpflege das Pflanzen zusätzlicher Bäume „grundsätzlich abgelehnt“. Nun stimmen die Denkmalpfleger dem Baum-Plan zu.
In vier Kategorien teilt das Baureferat die gewünschten Bäume ein. Aufwendig sei das Pflanzen überall, aber mit jeder weiteren Kategorie wird es noch komplizierter oder langwieriger. Starten will man im Herbst mit Kategorie 1 und sechs Bäumen in der Sendlinger Straße. Mehr ist für 2026 nicht vorgesehen. Im kommenden Jahr sollen weitere Bäume an folgenden Stellen folgen: Frauen-, Peters- und Marienplatz und Dienerstraße.
Für die 24 Bäume der Kategorie 1 rechnet das Baureferat mit Kosten von 1,8 bis 2,3 Millionen Euro, das sind pro Baum durchschnittlich 75 000 bis 95 000 Euro – in der einfachsten Kategorie. Damit wird konkreter, was das Baureferat bisher als Kosten „im mittleren bis hohen fünfstelligen Bereich“ benannte.

Es ist nicht der Baum als solcher, der so ins Geld geht, sondern die Planung, das Graben der Grube, das Verschließen derselben und, mitunter, das Verlegen von Leitungen und Rohren. Für die übrigen Kategorien von 2 bis 4 nennt das Ehbauer-Referat keine zu erwartenden Kosten.
Pflanzungen der Kategorie 2 sind erst für 2028/29 vorgesehen, in Neuhauser, Kaufinger- und Augustinerstraße. Hier gebe es nur geringfügige „Spartenkonflikte“, was bedeutet, dass sich Baumwurzeln sowie Leitungen, Kabel und Rohre im Boden in die Quere kommen.
Fürs Pflanzen von 27 Bäumen der Kategorie 3 nennt das Baureferat keinen Zeitpunkt, beschreibt aber, wie groß hier die Konflikte seien mit Leitungen, Freischankflächen und Sichtachsen. Dies gelte für gewünschte Standorte an Frauen- und Petersplatz, in Wein-, Rosen- und Sendlinger Straße. Es seien teils umfangreiche Verlegungen von Leitungen nötig.
Die 103 Bäume der Kategorie 4 seien abhängig von Baumaßnahmen, zum Beispiel vom zweiten S-Bahntunnel, der Generalsanierung des Stadtmuseums, dem Umbau der Alten Akademie und der Neugestaltung des Georg-Kronawitter-Platzes. Die Sparkassenstraße etwa werde noch über viele Jahre für den Baustellenverkehr des Tunnels gebraucht.

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Weil der von den Grünen angekündigte „Baum-Booster“ so kompliziert ist, will das Baureferat nicht warten, bis alles fertig geplant ist und dann alles auf einmal umsetzen. Vielmehr wolle man schrittweise vorgehen, um früher einen positiven Mikroklima-Effekt zu erleben. Wann das Projekt startet, ist offen, erst muss der Stadtrat zustimmen. Für die CSU hat ihr baupolitischer Sprecher Alexander Reissl auch angemeldet, über strittige Standorte reden zu wollen, wenn die Interessen von Anliegern betroffen seien.
Verbinden will das Baureferat die kleinen Pflanz-Baustellen mit einem Pilotprojekt, das nichts mit Bäumen zu tun hat, sondern mit Müll: In der Sendlinger Straße will man neue Abfallbehälter installieren – großteils unterirdisch. Oberirdisch sollen Behälter aufgestellt werden, die sehr den jetzigen grauen, runden Tonnen ähneln, aber schlanker sind. Unter ihnen sollen Hohlräume angelegt werden, die laut Baureferat zehnmal so viel Müll aufnähmen wie die jetzigen Behälter. Das würde die Zahl der täglichen Leerungen auf eine verringern.
Der Müll soll „mittels Absaugen“ aus dem Untergrund geholt werden. Was die neuen Mülleimer kosten sollen, schreibt das Baureferat nicht, auch nicht, wie aufwendig oder laut die Leerung mittels Sauger ist und welche Gerätschaft die Stadt dafür anschaffen muss. Das neue Konzept lohne sich wirtschaftlich nur, schreibt das Baureferat, wenn die Tief-Tonnen „in angemessener Stückzahl“ installiert würden. Starten will das Baureferat mit zwei bis vier tiefgelegten Mülleimern in der Sendlinger Straße.

