Auf einer Wiese an der Dachauer Straße sammeln sich Eisbären. Zutraulich wirken sie und fröhlich, sie spielen mit Umzugskisten. „Die Eisbären haben ihre Kartons schon gepackt und stehen bereit für den Einzug“, spricht Laura Maria Höpfner ins Mikro. Natürlich, die Eisbären sind zweibeinig, sie sollen ein Symbol für die Gefahren des Klimawandels sein. Und die Kisten sind leer, aber gefüllt mit Ideen. Damit laufen die Aktivisten die paar Meter zum alten Strafjustizzentrum an der Nymphenburger Straße. Sie wollen es neu beleben.
„Abbrechen abbrechen“ nennt sich die Initiative, die aus ökologischen und sozialen Gründen für den Erhalt des Komplexes kämpft. Seit Gerichte und Staatsanwaltschaft an den Leonrodplatz umgezogen sind, steht das dem Freistaat gehörende Areal leer. Klimapolitisch wäre ein Abriss ein großer Fehler, sagen die Aktiven und verweisen auf die graue Energie, die in dem Gebäude aus den Siebzigerjahren stecke. Zugleich wäre es eine verschenkte Chance, weil sich dort gemeinwohlorientierte Nutzung verwirklichen ließe, allen voran günstiges Wohnen auf bisherigen Büroetagen.
Tanzend laufen die 13 Eisbären zum Bauzaun, der das Justizgebäude umgibt, und stapeln dort ihre Kisten. Auf ihnen Begriffe, die eine mögliche Zukunft skizzieren: Grüne Oase. Senioren-Wohnen. Dachterrasse. Räume für Asyl. Theater und Kultur. Gesundheitszentrum. Werkstatthaus. Nachbarschaftstreff. Kunst. Alten-WG. Genusswohnen. Experimentelles Wohnen.
In den vergangenen Monaten ist auf der Ebene von Politik und Verwaltung offenbar nichts vorangegangen. Eine Sprecherin des Bauministeriums erklärt, man sei nach wie vor an einer „sinnvollen Nachnutzung der Liegenschaft interessiert“, ein Verkaufsverfahren sei noch nicht gestartet. Es komme auf die Stadt an, „Gestaltungsspielräume zu eröffnen, um zu einer tragfähigen Lösung zu gelangen“.
Die Stadt hat die Planungshoheit für das Areal, ein Sprecher des Planungsreferats teilt mit: „Ob und wie sich ein Gebäude dauerhaft umnutzen lässt, kann aber erst nach einer eingehenden Prüfung beurteilt werden.“ Jürgen Baumgärtner, CSU-Abgeordneter und Vorsitzender des Bauausschusses im Landtag, sagt, er wünsche sich bezahlbares Wohnen auf dem Areal. „Ich habe ein großes Interesse, gemeinsame Lösungen zu organisieren.“ Er warte nun auf Gespräche mit der neuen Stadtspitze.
Sie seien in Kontakt mit der Stadt, sagt Robert Philipp, er ist Architekt und aktiv bei „Abbrechen abbrechen“. Er hoffe auf Unterstützung aus dem Rathaus für die angestrebte „Pioniernutzung“. Ein anderes Wort für Zwischennutzung? Nein, sagt Philipp, da gebe es einen entscheidenden Unterschied: Eine Zwischennutzung ende irgendwann, siehe „Fat Cat“ im Gasteig. Eine Pioniernutzung sei der Anfang von etwas Dauerhaftem.
Die Gruppe „Abbrechen abbrechen“ bereite die Gründung einer Sozialgenossenschaft vor, um einen juristisch fassbaren Akteur zu schaffen, der besser verhandeln könne. Diese Genossenschaft könnte, so schwebt es Philipp vor, als Vermittler fungieren zwischen Eigentümer Freistaat und künftigen Nutzern und Bewohnern. Sie könnte Pächter werden und dann zum Beuspiel einzelne Einheiten untervermieten.

Die Eisbären tummeln sich vor dem Bauzaun, Thomas Scheer schaut sich das interessiert an. Er ist aktiv in der Initiative Bennoviertel, das Quartier schließt ans alte Justizzentrum an, und gibt zu verstehen, dass er skeptisch sei. Ob diese Ideen so sinnvoll sind? Er erinnert an Fachleute, die Erhalt und Umbau des Gebäudes als zu aufwendig und teuer einschätzten. Wie auch immer, ob Umbau oder Neubau, die Nachbarn hätten ein paar Wünsche, sagt Scheer: Günstige Wohnungen brauche es, dazu Räume für die Allgemeinheit und einen kleinen Park, zugänglich für alle.
Elke Kremer stellt sich als Mitarbeiterin des städtischen Sozialreferats vor, und wirkt begeistert von den Ideen fürs leere Haus. Sie habe schon Bedarf angemeldet, sagt sie und zieht eine dreiseitige Tabelle aus der Tasche. Darauf in Stichworten, für wen sich das Sozialreferat dort Platz wünsche: für pflegebedürftige Menschen und solche mit seelischer Behinderung, für große Familien, Auszubildende, überhaupt: für junge Leute. Diese kämen in den bisherigen Büros auch ohne Komfort zurecht, Hauptsache Fenster und damit Licht. „Wir haben ganz viel Bedarf“, sagt Elke Kremer.
Hinter ihr, am Bauzaun, hängen schon passende Transparente. Man kennt ihren Stil von Investorenprojekten, die Interessenten für hochpreisige Wohnungen ansprechen. „Hier entsteht Wohnraum für Euch“, steht da jetzt neben der Simulation einer hellen Wohnung. „Aus einem geschlossenen Justizzentrum wird ein offenes Stadtquartier.“ Die Eisbären haben schon mal einen Teppich ausgelegt, einen Mini-Schaukelstuhl und ein Tischchen hingestellt. Als wollten sie es sich gemütlich machen im alten Gerichtsgebäude.

