Süddeutsche Zeitung

Altersarmut in München:Raus aus dem Berufsleben, rein in die Armut

Immer mehr alte Menschen müssen Aushilfsjobs annehmen, um über die Runden zu kommen. Auch die Zahl der Überschuldeten steigt. Ein neuer Schuldneratlas soll Auskunft darüber geben, wie sich die Corona-Pandemie auf die Bevölkerung auswirkt.

Von Sven Loerzer

Noch ein wenig arbeiten, ein Minijob im Rentenalter, um eine Aufgabe zu haben und unter Leute zu kommen, das kann durchaus Freude machen. Aber nicht wenige Rentnerinnen und Rentner brauchen auch das mit Aushilfsjobs erarbeitete Geld dringend, um ihr Leben ohne staatliche Hilfe bestreiten zu können: Altersarmut nimmt gerade in einer Stadt mit hohen Lebenshaltungskosten stark zu. 14 500 Menschen in München sind auf Grundsicherung im Alter angewiesen, erheblich mehr als im Jahr 2008, als die Zahl noch bei 10 000 lag. Mehr als 9000 Ältere galten zudem im Jahr 2019 als überschuldet und konnten ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen.

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf die wirtschaftliche Lage der Münchner Bevölkerung insgesamt aus? Darüber soll der neue Schuldneratlas Auskunft geben, den Creditreform München im Februar vorlegen will. Eine Online-Umfrage in Kooperation mit der SZ soll aktuell Aufschluss bringen über die wirtschaftliche Lage der Münchnerinnen und Münchner.

Die Corona-Pandemie werde eine weitere Polarisierung von Einkommen und Vermögen bewirken, meint Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform. Gutverdiener könnten Einkommensausfälle kompensieren, übten Ausgabenvorsicht und Konsumzurückhaltung. Die unteren sozialen Schichten hätten kaum Reserven, "sie ver- und überschulden sich".

So dürfte sich auch die Altersarmut weiter verschärfen. Bei der Rechtsberatung des Sozialverbands VdK zeigte sich das schon im Herbst: "Zu uns kommen jetzt Rentnerinnen und Rentner, die bisher ihre kleine Rente mit einem Minijob aufgebessert haben, um über die Runden zu kommen", erklärte Landesverbandsvorsitzende Ulrike Mascher. "Viele haben diese Minijobs nun verloren und müssen Grundsicherung beantragen, weil sie sonst nicht überleben könnten." Viele würden in Mietschulden schlittern, manchen drohe sogar Wohnungsverlust.

Schon vor der Corona-Pandemie zeichnete sich ab, dass nicht nur die Armut im Alter, sondern auch die Überschuldung im Alter zunimmt, es also immer mehr Menschen gibt, die ihren laufenden Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen können. Der von Creditreform herausgegebene Münchner Schuldneratlas 2019 zeigt das auf: "Den stärksten Anstieg der Überschuldungsquote weist wie bereits 2018 die Altersgruppe der Senioren ab 70 Jahre auf." Rund 9200 Münchnerinnen und Münchner im Alter von mehr als 70 Jahren stufte der Bericht als überschuldet ein.

"Mit dem Eintritt in den Ruhestand sinken die Chancen älterer Menschen drastisch, ihre ökonomische Lage zu verbessern"

Auch die städtische Schuldnerberatungsstelle verzeichnet einen steigenden Anteil von Beratenen im Seniorenalter: "Insbesondere bei den über 70-Jährigen liegt eine relativ hohe Überschuldung vor." Die Gründe dafür liegen auf der Hand: "Mit Renteneintritt reduziert sich das Einkommen der Beschäftigten zwischenzeitlich massiv, der Lebensstandard während des Erwerbslebens ist nicht mehr zu halten, finanzielle Verpflichtungen können oftmals nicht mehr bedient werden, Zinsen und Kosten erhöhen die Forderungen." Wenn Erspartes überhaupt vorhanden sei, dann sei dies meist in einem überschaubaren Zeitraum aufgebraucht. Lebensläufe mit Arbeitslosigkeit, Krankheit, Familienzeit und Teilzeitberufstätigkeit führten oft zu einer monatlichen Rente, die zum Leben nicht ausreicht. Als bedrückend wertete auch Sozialreferentin Dorothee Schiwy die Zunahme der Altersüberschuldung.

Der Trend hat sich bundesweit weiter fortgesetzt, wie der bereits vorliegende Schuldneratlas Deutschland 2020 deutlich macht, der die Entwicklung der Überschuldung in den älteren Bevölkerungsgruppen als besorgniserregend bezeichnet. Viele Menschen im Rentenalter seien im Rahmen geringfügiger Beschäftigungsverhältnisse noch erwerbstätig, "um fehlende Mittel zur Sicherung des Lebensunterhaltes zu beschaffen".

Besonders düster sind die Aussichten bei Altersarmut: "Während jüngere Menschen Armut meist als vorübergehende Lebensphase begreifen und über eine Perspektive verfügen, sich aus der Einkommensarmut herauszuarbeiten, ist das bei älteren Menschen häufig nicht der Fall. Mit dem Eintritt in den Ruhestand sinken die Chancen älterer Menschen drastisch, ihre ökonomische Lage zu verbessern." Gleiches gelte bei Altersüberschuldung.

Die Corona-Pandemie könne mittelbar und unmittelbar zu einem Anstieg der Verbraucherüberschuldung führen, warnen die Experten: "Krankheit führt oft in die Überschuldung, dauerhafte Überschuldung macht viele Betroffene krank." Um repräsentative Daten über die Entwicklung der wirtschaftlichen Lage von Verbrauchern aller Altersgruppen in München vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie zu gewinnen, hat Creditreform München eine Umfrage bei dem unabhängigen Marktforschungsinstitut Innofact AG in Auftrag gegeben. Zusätzlichen Aufschluss erwartet sich Rainer Bovelet vom Büro Synergie 2, der die Daten auswertet, von der Online-Umfrage für SZ-Leser.

Wer an der Umfrage teilnehmen will, sollte mindestens 18 Jahre alt sein und in der Stadt München wohnen. Alle Angaben werden vertraulich behandelt und anonymisiert ausgewertet. Rückschlüsse auf die Teilnehmer sind ausgeschlossen. Die Teilnahme an der Umfrage ist bis einschließlich Freitag, 22. Januar, möglich unter https://www.innofact-umfrage3.de/corona_umfrage_muenchen.

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SZ vom 09.01.2021/lfr
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