Musik aus München:Die Reise nach El Shatt

Musik aus München: Das Münchner Duo Ippio Payo & Genelabo erzählt die Fluchtgeschichte nur mit Bild und Ton.

Das Münchner Duo Ippio Payo & Genelabo erzählt die Fluchtgeschichte nur mit Bild und Ton.

(Foto: genelabo)

Das Münchner Duo "Ippio Payo & Genelabo" wurde zu seinem Album "NAQ" von einer historischen Fluchtgeschichte aus dem Zweiten Weltkrieg inspiriert.

Von Jürgen Moises, München

Wir schreiben das Jahr 1943. Dalmatien ist von der deutschen Wehrmacht besetzt, und die Bevölkerung hat Angst vor Strafaktionen. Rund 30 000 Zivilisten flüchten deshalb auf die Insel Vis, damals Hauptsitz der Partisanen und der alliierten britischen Armee, wo aber für so viele Menschen kein Platz ist. Die Flucht, sie geht per Schiff nach Süditalien weiter. Aber auch Italien gilt als unsicher, und so machen sich die Flüchtenden in das unter britischer Verwaltung stehende Ägypten auf. Sie landen in El Shatt. Dort wird ein Komplex aus Flüchtlingslagern errichtet, das vom 2. Februar 1944 bis zum 20. März 1946 zu ihrer neuen Heimat wird. Die Menschen gründen dort Schulen und Werkstätten, aber die Anpassung an die Wüste ist nicht leicht. Zahlreiche Bombenangriffe sorgen außerdem dafür, dass viele das Lager nicht mehr lebend verlassen.

Die Flüchtlingslager von El Shatt, an deren Stelle heute ein Friedhof ist, sie sind in der langen Geschichte von Krieg, Flucht und Vertreibung nur eine kleine Episode. Aber wie viele andere Episoden ist diese universell und bleibend aktuell. Und wenn Josip Pavlov und Gene Aicher alias Ippio Payo & Genelabo sie auf ihrem am 20. August bei Echokammer und Geenger Records erscheinenden Mini-Album "NAQ" (kurz für "Nobody Answers Questions") zum Thema machen, erzählen sie damit eine sehr heutige Geschichte. Sie machen das aber ohne Worte, nur mit Bild und Ton. Vier Instrumentalstücke sind auf "NAQ" enthalten, die Pavlov mit Gitarre, Percussion, Loops und Samples erschaffen hat und die der Video- und Lichtkünstler Aicher auf der Bühne zur audiovisuellen Performance erweitert.

Den Musikern geht es um die atmosphärische Aura

Um historische Fakten geht es dabei nicht, sondern um die "atmosphärische Aura" des Ereignisses. "Für mich war es spannend, dass ich mich selbst in die Rolle der Reisenden, der Flüchtlinge versetze". So beschreibt der aus Dalmatien stammende Josip Pavlov selber das Projekt, zu dem er durch Alida Bremers Roman "Olivas Garten" inspiriert wurde, den er auf Tour in Süditalien las. Und tatsächlich: Wenn beim ersten Stück "El Shatt" der Bass tief losgrummelt, das Schlagzeug einen mechanischen Rhythmus spielt und die Gitarre dazu schleifende Akkorde, dann fühlt man sich wie im Maschinenraum eines Schiffs.

Bei "Sky Is Covered With Stars" geht es an Deck. Man hört gezupfte, atmosphärische Akkorde, ein Glockenspiel, das die Weite des Himmels suggeriert. "Unterdeck!!!" beginnt mit "folkloristischen" Pfeifenklängen. Ein Frauenchor singt, Stahlsaiten klirren, Percussion klappert, eine schneidende Gitarre kündigt Gefahr an. Beim abschließenden "End Of The Road Doesn't Mean End Of The Journey" schaukeln gemächlich die Gitarrenakkorde hin und her. Und hin und her. Und immer weiter? Für Ippio Payo & Genelabo heißen Grünspitz und Kunst im Quadrat die nächsten Etappen. Dort treten die beiden am 13. und 15. August auf.

Ippio Payo & Genelabo: NAQ (Echokammer & Geenger Records); live am 13. August um 19 Uhr am Grünspitz, Tegernseer Landstr. 104, und am 15. August um 18 Uhr bei Kunst im Quadrat, Theresienwiese

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB