Diplom-AusstellungAkademie-Absolventen machen Kindheitserinnerungen zu Kunst

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Bei Amelie Seegers Diplom-Installation „Die Wiese“ im Fach Bühnenbild lädt eine Ziege die Besucher ein in ihre Welt.
Bei Amelie Seegers Diplom-Installation „Die Wiese“ im Fach Bühnenbild lädt eine Ziege die Besucher ein in ihre Welt. Stephanie Rössing

Werke mit Ziegen, Knochen und ausrangierten CDs: Die Diplom-Ausstellung an der Münchner Akademie der Bildenden Künste bietet neue Einblicke in vertraute, entfernte oder vergessene Welten.

Von Jürgen Moises

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Wie nimmt ein Kind die Welt wahr? Im Grunde müsste man sich doch als Erwachsener daran erinnern. Aber irgendwie klappt das nicht so recht. Da scheint eine Art Wand dazwischen, und man erinnert sich allenfalls an Bruchstücke von früher. Im Falle von Mercedes Corvinus ist eines davon eine „Lanterne Magique“, ein Nachtlicht für Kinder, bei dem ein bebilderter, von Innen beleuchteter Zylinder rotiert. Für ihre Bühnenbild-Diplomarbeit „Vom Träumen mit offenen Augen“ an der Münchner Akademie der Bildenden Künste hat Corvinus eine riesige, magische Laterne geschaffen. Statt einen Hai oder einen Seestern wie in der Kindheit zeigt diese mikroskopische Formen. Und sie soll die Betrachter in einen träumerischen Wahrnehmungsmodus überführen.

Man könnte nun fragen: Ist das nicht das, was Kunst grundsätzlich will? Ihr Publikum in einen anderen Zustand zu versetzen? Bei der diesjährigen, bis zum 10. Februar laufenden Diplom-Ausstellung gibt es viele Beispiele dafür. Und die jungen Künstler nutzen dafür verschiedenste Strategien. Die Magie optischer Illusionen ist eine. Oft reicht es aber schon, die Perspektive zu verändern, Dinge zu verdoppeln oder ihnen eine andere Funktion zu geben. Oder man nimmt Bilder von früher und bearbeitet sie neu. Oder sucht für abstrakte, schwer greifbare Dinge eine symbolische Form, die neue Zusammenhänge offenbart.

Bei Vincent Entekhabis mit dem Preis des Akademievereins ausgezeichneter Arbeit „Closed Circle“ ist das die Erkenntnis, dass das Versprechen einer dezentralisierten, hierarchiefreien Welt im Totalitarismus enden kann. Sein Beispiel: Das Internet, das zu einer neuen, ungeahnten Machtkonzentration geführt hat. In seiner Multimedia-Arbeit werden diese Zusammenhänge auf einer zweiseitigen Leinwand durch ein Diagramm, ein Rednerpult, eine Arie und Marschmusik symbolisiert. Und einen (Teufels-)Kreis, der sich auflöst und am Ende wieder schließt.

Amelie Seegers Arbeit „Die Wiese“ ist eine Mischung aus Installation und Performance, bei der einen ein Ziegen-Wesen in ein weißes Zelt führt. Dort sind der Geschmacks- und Tastsinn gefragt. Die Ziege gibt uns einen Einblick in ihre widersprüchliche Lebenswelt als Nutztier. Und es liegt an uns, was wir am Ende daraus machen. Wie Emotionen beim Sport filmisch erzeugt und orchestriert werden, darauf macht sich Nicola Kötterln in ihrer Videoinstallation „Sweat Tears Squats“ ihren Reim, für den sie eine von sechs Debütantinnenförderungen bekommen hat.

Für Nora Reitelshöfers Schmuckstücke waren Haken und Karabiner Vorbilder. Sie sind aus Latex, Porzellan oder Baumwolle, sehen aber trotzdem so aus, als könnten sie etwas tragen oder halten. Paula Pongratz benutzt für ihren Schmuck CDs als ausrangierte Datenträger, die hier als Schnee- und Eisersatz oder als „CDiamonds“ funkeln. Mit dem Hintergedanken, dass Daten  wertvolle Rohstoffe sind.

Janis Strobl hat für ihre Diplomarbeit einen alten Webstuhl restauriert und stellt unseren idealisierten Blick auf  Handarbeit in Frage.
Janis Strobl hat für ihre Diplomarbeit einen alten Webstuhl restauriert und stellt unseren idealisierten Blick auf  Handarbeit in Frage. Stephanie Rössing

Für die kolumbianischen Wilderer in Santiago Archila Salcedos Arbeit „The Legend of Cachilapo“ ist Fleisch begehrter Rohstoff. In Form von Videos, Fotos, echten Knochen und eines Comics zeigt Salcedo eindrücklich, wie die Wilderei das Leben seiner Verwandten beeinflusst. Aber auch wie ein mythisches Wesen ihnen hilft.

Janis Strobl hat sich aus einem aufgelösten Betrieb einen Webstuhl besorgt, ihn restauriert und damit gearbeitet. Und auf blauen Kacheln hat sie historische Routen des Sklavenhandels eingezeichnet sowie die Positionen heutiger Superyachten. Verbunden mit der Frage: Warum werden das Handwerk und der Ozean romantisiert, obwohl sie historisch mit Industrialisierung und Ausbeutung verknüpft sind? Zahra Ghadimian hat eine Mini-Stadt aus Keramik gebaut, die mit Erinnerungen an ihre Kindheit im Iran verbunden ist.

Leyla Maria Schiemenz hat sich für ihre Fenstermalerei vom Sand der Sahara und dem Licht in Teheran inspirieren lassen.
Leyla Maria Schiemenz hat sich für ihre Fenstermalerei vom Sand der Sahara und dem Licht in Teheran inspirieren lassen. Stephanie Rössing

Leyla Maria Schiemenz spielt mit ihrer Fenstermalerei auf den Sahara-Sand und das Licht in Teheran an. Bei Luzia Ehrmann kann man in eine Wolke, in den Himmel steigen, den sie als Schutzraum, insbesondere für Frauen, versteht. The Berg hat dagegen den Fokus auf den Klassenraum gelegt, hat dort den Boden geschliffen, Fenster verklebt, aus Heizkörpern Skulpturen gemacht. Was sich als ironische, vielleicht auch liebevolle Hommage an den Lebensraum verstehen lässt, in dem er die letzten Jahre sehr viel Zeit verbracht hat.

Diplom 2026, bis 10. Feb., Akademie der Bildenden Künste, Akademiestr. 2-4, www.adbk.de

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