Weißer Kugelkopf, rundes Bäuchlein, schwarze Knopfaugen: kein Schneemann, sondern einfach „ein süßer Roboter“, sagt Katja Artmann. Die 23-Jährige, die Kommunikationsdesign studiert, hat ihn entworfen. Aidmax heißt er und soll ein Begleiter für junge Menschen im Alter von 13 bis 23 Jahren sein, die in Krisensituationen schnell und unkompliziert einen Ansprechpartner brauchen. Aidmax ist ein Chatbot, mit dem sie sich unterhalten können.
„Ich bin so allein.“ Die erste Nachricht an Aidmax. Ein paar Sekunden später seine Antwort: „Es tut mir leid, dass du dich so allein fühlst, du bist nicht allein. Magst du kurz erzählen, was gerade los ist?“ Weil Aidmax so sympathisch nachfragt, fällt es leicht, zu antworten. Und es entsteht eine Unterhaltung.
„Genau das ist das Ziel“, sagt Korbinian Zacherl. „Wir wollen, dass junge Menschen in einer akuten Lebenskrise sofort das Gefühl haben, sie können sich öffnen. Sich ausdrücken, wie sie wollen und sagen, was sie fühlen.“ Zu jeder Zeit. Der Wirtschaftsinformatiker, der gerade an der Münchner Hochschule promoviert, hatte den Chatbot als Masterarbeit entwickelt. Persönliche Erfahrungen brachten ihn dazu.
Auf einer Reise fühlte er sich auf einmal sehr allein. Er nutzte dann soziale Netzwerke. „Das hat mir damals geholfen“, sagt Zacherl. Dann nahm sich die Tochter eines lieben Freundes das Leben. Melissa. „Ich wusste nicht, was und wie ich ihm in dieser Situation antworten sollte, aber ich wollte helfen. Da reifte in mir die Idee, etwas Sinnvolles für junge Menschen in Lebenskrisen zu entwickeln, die sofort Ansprache benötigen“, sagt der 30-Jährige.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes war Suizid im Jahr 2023 die häufigste Todesursache bei den Zehn- bis unter 25-Jährigen. Therapieplätze seien in Deutschland meist erst nach langer Wartezeit verfügbar, sagt Zacherl. Die Jugendlichen würden dann in ihrer Not in den sozialen Medien Hilfe suchen – diese aber nicht immer finden.
„Chat-GPT wird dann viel genutzt“, sagt Katja Artmann, „aber das kann auch sehr gefährlich sein, denn viele KI-Chatbots hinterfragen nicht.“ In der Not würden junge Menschen ihrer Meinung nach endlos im Netz scrollen, um eine Antwort zu bekommen. KI-Chatbots könnten auch schlechte Ratgeber sein, „komplett falsch liegen“. Ein Beispiel: Essstörungen. Da tauchten möglicherweise dann Ratschläge auf, wie man besser abnehmen könnte, erklärt Artmann. „Im dümmsten Fall verweist der Chatbot sogar auf Abnehmprogramme, weil er nicht erkennt, dass es sich um eine psychische Notlage handelt“, sagt Karl Fürsich.
Aidmax kann das, was niemand kann: rund um die Uhr da sein
Karl Fürsich ist Melissas Vater. Und er ist Vorsitzender des Vereins „I Help Project“, der sich 2017 gegründet hat, um Menschen zu helfen. Obdachlosen, Geflüchteten, in München und überall, wo Hilfe gebraucht wird. Auch Zacherl und Artmann engagieren sich im Verein, der Träger von Aidmax ist.
Melissas Tod hat Karl Fürsich und seiner Familie den Boden unter den Füßen weggezogen. Immer und immer wieder hat er sich die Frage gestellt, warum er nicht mitbekommen hat, wie wund die Seele seiner Tochter war, erzählt er. Sehr ruhig, aber immer noch unendlich traurig. „Man kann in die Krankheit Depression nicht hineinsehen, aber junge Menschen brauchen Ansprechpartner, wenn es ihnen nicht gut geht. Und zwar jederzeit“, sagt der 59-Jährige. Genau das könne Aidmax leisten, sagt er: rund um die Uhr zur Verfügung stehen.
„Mir wächst gerade alles über den Kopf“, tippt man als Antwort auf die Frage des Roboters. Er antwortet sofort: „Das klingt überwältigend, das tut mir sehr leid. Was belastet dich gerade am meisten?“
In einer Krisensituation schreiben und von einer KI gestützten Figur Antworten erhalten, die einem helfen können? Geht das? Zacherl ist überzeugt davon. Es gehe erst einmal darum, den jungen Menschen in seiner Krisensituation nicht allein zu lassen, es ihm zu ermöglichen, sich seine Sorgen und Gedanken von der Seele zu schreiben und sensible Antworten zu bekommen. In die Richtlinien, wie der Chatbot antworten soll, sei die Expertise von Psychologen und Forschern eingeflossen, erklärt Zacherl. Es geht um den richtigen Umgang mit Stress, die richtigen Worte, die richtigen Fragen. Wenn Aidmax also das Gefühl hat, ein Hilfesuchender ist unruhig oder aufgebracht, bietet er Lösungen an. Unter anderem Atemübungen.
„Das ist traurig, dass du so allein bist. Versuche jetzt fünfmal ein- und wieder auszuatmen“, sagt Aidmax und fragt gleich nach: „Bist du gerade sicher?“
„Am wichtigsten ist“, sagen Zacherl und Fürsich, „dass Aidmax keine Beurteilungen abgibt.“ Sondern den Hilfesuchenden vielleicht dazu bringt zu reflektieren. Und vielleicht sogar dazu, Lösungen zu erkennen. Das sei ein enorm wichtiger Schritt. „Ein Begleiter soll dieser Chatbot sein, keine Sackgasse“, sagt Fürsich. Benötigt der junge Mensch schnell professionelle, psychologische Hilfe, vernetzt Aidmax ihn an Beratungsstellen oder Experten. „Keinesfalls kann und soll Aidmax Psychologen ersetzen“, sagt Kommunikationsdesignerin Artmann.
Seit Ende 2024 ist Aidmax „on“ und das Feedback sei richtig gut, freut sich Fürsich. Gerade erst stand der Chatbot im Finale des internationalen „Social Impact Award“, der vielversprechende und innovative Projekte junger Sozialunternehmer auszeichnet. Beim Öffentlichkeitsvoting belegte Aidmax den zweiten Platz.
In Zukunft wollen die Münchner Aidmax-Macher ihren Chatbot weiterentwickeln, ihn noch besser mit anderen Institutionen der Stadt vernetzen, vielleicht sogar ein Notfalltelefon einrichten. Karl Fürsich könnte sich sogar vorstellen, gerade nachts eine Weiterleitung an Krisenteams zu ermöglichen, damit junge Menschen schnell Beratungs- oder Therapietermine bekommen.
Der Roboter mit dem Kugelkopf soll übrigens bald noch etwas haben: eine Stimme. Damit auch sehbehinderte Jugendliche oder junge Erwachsene in Not Hilfe bekommen können.

