Schwabing:Stadt läuft mit Vorkaufsrecht ins Leere

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Schwabing: 22,7 Millionen Euro soll das Mehrfamilienhaus an der Agnesstraße 48 - hier noch im bewohnten Zustand - laut städtischen Ermittlungen wert sein. Verkauft wurde es aber für 35 Millionen.

22,7 Millionen Euro soll das Mehrfamilienhaus an der Agnesstraße 48 - hier noch im bewohnten Zustand - laut städtischen Ermittlungen wert sein. Verkauft wurde es aber für 35 Millionen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der bisherige Eigentümer eines seit Jahren leerstehenden Wohnhauses an der Agnesstraße hat von seinem Recht auf Rückabwicklung des Verkaufs Gebrauch gemacht. Nun steht eine Auseinandersetzung vor Gericht an.

Von Sebastian Krass

Es ist ein prächtiges, aber sanierungsbedürftiges Wohnhaus mitten in Schwabing, und es steht seit Jahren leer. Eigentlich wollte die Stadt das Gebäude an der Agnesstraße 48 übernehmen. Im vergangenen Jahr beschloss der Stadtrat, sein Vorkaufsrecht geltend zu machen und dabei mit Hilfe einer neuen gesetzlichen Regelung die Kosten zu begrenzen - aber er ist damit ins Leere gelaufen. Denn nach SZ-Informationen hat die bisherige Eigentümerin, eine Tochterfirma des Luxuswohnungsbauers M-Concept, von ihrem Recht auf Rückabwicklung des Kaufvertrags Gebrauch gemacht. Sie behält die Immobilie, die sie ursprünglich zu einem erstaunlich hohen Preis an eine andere Firma verkaufen wollte, also doch.

Was M-Concept-Geschäftsführer Stefan Mayr nun damit vorhat, bleibt offen. Auf Anfrage ließ er eine Mitarbeiterin ausrichten, man werde sich nicht zu dem Thema äußern. Auch eine Sprecherin des für Vorkaufsrechte zuständigen Kommunalreferats gab keinen Kommentar ab, da es sich um einen nicht-öffentlichen Stadtratsvorgang handele.

Die Agnesstraße 48 ist zu einem Symbol geworden für die Auswüchse der Grundstücksspekulation in München. Ende 2016 kaufte eine Firma namens Agnes48 UG, hinter der einige Geschäftsleute standen, das Haus von einer Privatperson für elf Millionen Euro.

Im Jahr 2017 begann die Entmietung: Das 1912 errichtete Mietshaus wurde in Wohnungseigentum aufgeteilt. Die neuen Eigentümer kündigten Modernisierungen und in der Folge Mietsteigerungen von bis zu 245 Prozent an. Alle Mieterinnen und Mieter verließen das Haus nach und nach.

2019 übernahm M-Concept die Firma Agnes48 UG und wurde damit Eigentümerin der Immobilie. Der neue Investor plante zunächst den Abriss und einen Neubau mit 20 bis 24 Wohnungen plus Tiefgarage. Doch dann kam die Denkmalpflege dazwischen und stellte das Haus unter Schutz: Es sei "der früheste und bis jetzt erhaltene Bau des Blocks Agnes-/Hiltensperger-/Elisabeth- und Zentnerstraße", entworfen von den Architekten Otho Orlando Kurz und Eduard Herbert. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) nannte es damals "ein Stück Schwabinger Geschichte".

Auf den Notarkosten bleibt die Stadt sitzen

Im Jahr 2021 tat sich dann einiges: Im März reichte M-Concept einen neuen Bauantrag für Sanierung und Aufstockung des Gebäudes ein. Im Juli verkaufte die Firma das Gebäude, an ein Unternehmen namens Eisbach Immobilienverwaltung GmbH & Co. KG aus Starnberg. M-Concept sprach von "einem durchaus marktüblichen Preis". Dieser betrug 35 Millionen Euro, also mehr als dreimal so viel wie beim Verkauf fünf Jahre zuvor - und sagenhafte 54 Prozent über dem von der Stadt ermittelten Marktwert des Gebäudes von 22,7 Millionen Euro.

Weil das Grundstück in einem Gebiet mit Erhaltungssatzung liegt, hatte die Stadt ein Vorkaufsrecht. Davon machte sie im September Gebrauch. Normalerweise hätte sie den Preis aus dem Kaufvertrag zahlen müssen. Aber weil er in diesem Fall so hoch lag, wurde im Stadtrat die Vermutung laut, es handele sich um einen fingierten Verkauf. Also machte die Stadt von ihrem Recht zur "Kaufpreislimitierung" Gebrauch und legte den Preis auf jene 22,7 Millionen Euro fest. Das war nun M-Concept offenbar zu wenig. Die Rückabwicklung hat für die Stadt den Nachteil, dass sie nun die Notarkosten tragen muss - so ist die Rechtslage. Wie hoch die Summe sein wird, wurde dem Stadtrat noch nicht mitgeteilt.

Ungefähr gleichzeitig zum Stadtratsbeschluss über das Vorkaufsrecht hatte die Lokalbaukommission (LBK) im September 2021 den noch im Raum stehenden Bauantrag abgelehnt. Dagegen wiederum hat M-Concept mit seiner Tochterfirma Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht, ein Verhandlungstermin ist allerdings noch nicht in Sicht. Es steht also zu befürchten, dass sich an der Agnesstraße noch für längere Zeit nichts tun wird.

Eine Baugrube, drei Stockwerke tief

M-Concept hat noch andere Projekte, bei denen es stockt oder zumindest langsam vorangeht: An der Ecke Alramstraße/Aberlestraße in Untersendling ist von dem angekündigten "eleganten Mehrfamilienhaus mit 130 herrlichen Eigentumswohnungen" bisher nichts zu sehen, dafür seit gut zwei Jahren eine drei Stockwerke tiefe Baugrube. Und für ein Mehrfamilienhaus an der Possartstraße 11 in Bogenhausen war auf der Internetseite von M-Concept als Termin für den Verkaufsstart Sommer 2021 vermerkt, auf der Seite des beauftragten Maklers allerdings schon Frühjahr 2022.

Dazu erklärt eine Sprecherin von M-Concept, von Verzögerungen oder Problemen könne keine Rede sein. Vielmehr habe man erst seit Kurzem die Baugenehmigung und könne erst jetzt "einen endgültigen Zeitplan erstellen". Der Baubeginn werde "zum Jahreswechsel 2022/2023 erfolgen", der Verkauf der Wohnungen möglicherweise "erst nach Fertigstellung der Baumaßnahmen".

Nach der SZ-Anfrage wurden die bisherigen Angaben zum Verkaufsstart im Internet getilgt. Bei M-Concept heißt es aber weiterhin, das Projekt sei "in Bau".

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