Afghanische Flüchtlinge:"Wir fühlen uns gerade komplett im Stich gelassen"

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Afghanische Flüchtlinge: Seit die Taliban in Afghanistan die Macht übernommen haben, sind viele ehemalige Ortskräfte und andere Gruppen in großer Gefahr. Das Land zu verlassen, ist schwierig.

Seit die Taliban in Afghanistan die Macht übernommen haben, sind viele ehemalige Ortskräfte und andere Gruppen in großer Gefahr. Das Land zu verlassen, ist schwierig.

(Foto: Karim Sahib/AFP)

Der Bayerische Flüchtlingsrat und geflohene Afghanen kritisieren die mangelnde Unterstützung bei der Ausreise und die bürokratischen Hürden in Deutschland. Viele von ihnen haben noch immer Verwandte in Afghanistan, die in großer Gefahr sind.

Von Thomas Anlauf

Sie haben Angst um ihr Leben oder das ihrer Familie. Sie sind verzweifelt über bürokratische Hürden und wissen oft nicht mehr weiter. Und sie leben mitten in Deutschland, auch in München.

Zum Beispiel Farzad S.: Der junge Mann hat in Afghanistan ein Haus für abgeschobene Menschen geleitet und viele Jahre für eine Nichtregierungsorganisation gearbeitet, bis die Taliban Mitte August die Macht übernahmen und die Alliierten ihre Truppen aus Afghanistan abzogen. Farzad S. blieb wie viele zehntausend Menschen schutzlos zurück, obwohl er im Visier der Terrormilizen war.

Dabei stand er auf einer Liste von Menschen, denen Deutschland Schutz geben wollte und die kein Asyl beantragen müssten. Er hat sich schließlich selbst bis nach Pakistan durchgeschlagen, um von dort auszufliegen. Seit vier Tagen ist er in München. Statt hier von Behörden aufgefangen zu werden, wurde er erst einmal in "ein Camp" gesteckt, wie er sagt.

Oder da ist Arif H.. Der Vater leitete in Afghanistan eine eigene Zeitung, sein Bruder arbeitete wie er, seine Schwester und seine Schwägerin als Journalist. Doch es wurde zu gefährlich im Land, immer wieder wurde die Familie bedroht und auch angegriffen, es gab auch Bombenanschläge. Ein Teil der Familie konnte fliehen, sie ist nun sicher in Deutschland und hat ein Bleiberecht.

Seit Monaten versucht Arif H., der akzentfrei Deutsch spricht, seine Schwester, die Schwägerin und die Kinder der beiden Frauen aus Afghanistan zu holen, bislang vergeblich. Die Taliban sind auf der Suche nach den Journalistinnen, sie gehen nicht mehr aus dem Haus, die Kinder dürfen nicht mehr in die Schule und den Kindergarten. Nun versuchen sie, auf eigene Faust das Land zu verlassen, auf Hilfe von Deutschland hoffen sie nicht mehr. Arif H. sitzt an diesem Dienstag in einem Zimmer des Bayerischen Flüchtlingsrats in München und sagt: "Wir fühlen uns gerade komplett im Stich gelassen."

Einige ehemalige Ortskräfte klagen, sie würden in Deutschland von den Behörden unter Druck gesetzt werden

Das beklagen alle Menschen, die aus Afghanistan fliehen mussten und die nun in einer Videokonferenz des Flüchtlingsrats zugeschaltet sind, um von ihren Ängsten und Problemen zu erzählen. Die deutschen Behörden seien "bisher in keiner Weise in der Lage, ihr dürres Aufnahmeversprechen einzuhalten und wenigstens die deutschen Ortskräfte" sowie wenige Menschenrechtlerinnen, Journalisten, Frauenrechtlerinnen und weitere bedrohte Personen sicher aus dem vom Bürgerkrieg zerstörten Land zu holen, klagt der Flüchtlingsrat. Es fehle nicht nur an Zuständigkeiten und Kontakten, "sondern offensichtlich auch am Willen".

Der Bayerische Flüchtlingsrat fordert die Bundesregierung deshalb auf, dass die betroffenen Menschen sicher Afghanistan verlassen und in andere sichere Staaten einreisen können. Auch Einreisepapiere für Familienangehörige oder Dokumente für eine Arbeit oder Ausbildung in Deutschland müssten nun möglichst unbürokratisch ausgestellt werden.

Tatsächlich gibt es unterschiedliche Zuständigkeiten. Menschen in Afghanistan versuchen, über die Internationale Organisation für Migration (IOM) auf eine Liste zu gelangen, die sie berechtigt, nach Deutschland auszufliegen. Doch da scheint es schon zu haken. Die Menschen, die in der Videokonferenz von ihren Schicksalen erzählen, haben erlebt, dass das Auswärtige Amt andere Informationen erteilt als etwa die Bundesregierung. Wenn die Menschen erst einmal in Deutschland sind, passiert es nicht selten, dass sie statt eines Aufenthaltstitels ein Formular auf Asylantrag bekommen.

So ist es Hamid M. ergangen. Er konnte als sogenannte Ortskraft nach Deutschland reisen. Doch dann wurde er zunächst in einem bayerischen Anker-Zentrum untergebracht, danach in Augsburg und man sagte ihm, er müsse einen Asylantrag stellen. Dabei hatte er in Afghanistan für die Polizei und für den Bundesnachrichtendienst BND gearbeitet. "Man hat mich unter Druck gesetzt", sagt er. Doch er kämpft um seinen Aufenthaltstitel in Deutschland.

Laila M. hat einen deutschen Pass. Sie lebt seit vielen Jahren hier, ihr Ehemann ist aber nach wie vor in Afghanistan. Bereits vor drei Jahren hat sie in der deutschen Botschaft in Pakistans Hauptstadt beantragt, dass ihr Ehemann nachziehen kann. "Aber erst nach 15 Monaten habe ich die Nachricht vom Auswärtigen Amt bekommen, dass er im Januar 2020 aus Afghanistan raus kann", erzählt sie.

Wieder hat es nicht funktioniert. Seither habe sie 19 verschiedene Stellen angerufen, war sogar im Auswärtigen Amt in Berlin. "Aber es heißt immer wieder, wir sind nicht zuständig." Mitte August habe schließlich das Bundesamt für Migration ihr gesagt, ihr Ehemann solle sein Handy aufladen und jederzeit erreichbar sein, dann würde er angerufen und bald ausgeflogen. Es kam nie ein Anruf. "Ich weiß nicht mehr weiter", sagt Laila M. und schluchzt.

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