Tourismus:Entspannung? Nervenkitzel

Tourismus: Beschleunigung wie bei einem Formel-1-Wagen: Auf dem Kreuzfahrtschiff "Mardi Gras" können Urlauber jetzt auch mit einer Achterbahn fahren.

Beschleunigung wie bei einem Formel-1-Wagen: Auf dem Kreuzfahrtschiff "Mardi Gras" können Urlauber jetzt auch mit einer Achterbahn fahren.

(Foto: Carnival Cruise Line)

Meer statt Oktoberfest: Ein Münchner Unternehmen baut die weltweit erste Achterbahn für ein Kreuzfahrtschiff. Ein neuer Trend, hofft Projektleiter Marco Hartwig. Umweltschützer stellen sich eine andere Frage: Braucht man das?

Von Sophia Oberhuber, München

Auf dem Kreuzfahrtschiff Mardi Gras der Carnival Cruise Line können Gäste künftig in die weltweit erste Achterbahn auf hoher See einsteigen. Die Fahrzeuge des "Bolt Ultimate Sea Coasters" schaffen 60 Kilometer pro Stunde und eine Beschleunigung, die dem Start eines Formel-1-Autos gleichen soll. Der Preis für das Alleinstellungsmerkmal: ein hoher einstelliger Millionenbereich. Entworfen und gebaut wurde die Bahn vom Münchner Unternehmen Maurer Rides. "Wir denken schon, dass das ein neuer Trend werden kann", sagt Projektleiter Marco Hartwig.

SZ: Herr Hartwig, jetzt mal ernsthaft: eine Achterbahn auf einem Kreuzfahrtschiff - muss das sein?

Marco Hartwig: Ob in einem Freizeitpark oder an Bord eines Kreuzfahrtschiffes: Achterbahnen setzen Emotionen frei. Der Coaster ist besonders energieeffizient und steht somit nicht in Verbindung mit den Umweltaspekten des Schiffes. Aus diesem Grund kann es gar nicht genug Achterbahnen geben, ganz egal an welchem Ort.

Es hört sich aber schon sehr extravagant an...

Früher hat man sich auch nicht vorstellen können, Wasserrutschen auf ein Kreuzfahrtschiff zu bauen. Das klang wahrscheinlich anfangs auch etwas eigenartig. Und jetzt gibt es eben ein Kreuzfahrtschiff mit einer Achterbahn, warum nicht. Wir denken schon, dass das ein neuer Trend werden kann.

Wie kamen Sie auf die Idee?

Die Ursprungsidee geht in das Jahr 2008 zurück. Da wollten unsere Ingenieure erstmals eine interaktive Achterbahn entwickeln. Jedes Fahrzeug ist mit einem eigenen Elektromotor sowie einem Antriebsrad ausgestattet. Das ist das Konzept, das den Einsatz auf einem Schiff überhaupt erst möglich macht.

Eine konventionelle Achterbahn wie im Freizeitpark könnte man also nicht auf einem Schiff einsetzen?

Herkömmliche Achterbahnen beginnen mit einem Kettenaufzug, die Achterbahn wird einen Hügel hochgezogen und aufgrund der Schwerkraft fährt die Bahn die Strecke ab. Auf dem Schiff ist das aber schwierig.

Warum?

Wir haben Schiffsbewegungen, die unvorhersehbar sind. Das Schiff kann sich zur Seite neigen, es kann nach vorne oder nach hinten kippen. Bei einer herkömmlichen Achterbahn könnte das Fahrzeug beispielsweise den nächsten Hügel nicht schaffen, weil sich durch die Bewegungen des Schiffes die Lage der Schienen ändert. Oder das Fahrzeug fährt sogar zu schnell in die nächste Kurve. Dadurch, dass das Achterbahnfahrzeug mit einem Elektromotor ausgestattet ist, können wir die Geschwindigkeit des Fahrzeuges an jeder Stelle der Bahn regulieren.

Funktioniert das Konzept auch bei sehr starkem Seegang?

Ab einer gewissen Grenze sperrt der Betreiber alle Attraktionen an Deck. Grundsätzlich können wir die Bahn aber auch bei Wellengang betreiben.

Tourismus: Als kleiner Junge ist Marco Hartwig zum ersten Mal mit einer Achterbahn gefahren. Mittlerweile hat er diese Leidenschaft zum Beruf gemacht. Er arbeitet als Projektleiter beim Münchner Unternehmen Maurer Rides.

Als kleiner Junge ist Marco Hartwig zum ersten Mal mit einer Achterbahn gefahren. Mittlerweile hat er diese Leidenschaft zum Beruf gemacht. Er arbeitet als Projektleiter beim Münchner Unternehmen Maurer Rides.

(Foto: Carnival Cruise Line)

Wie groß muss ein Schiff sein, damit eine Achterbahn Platz hat?

Speziell diese Achterbahn hat eine Grundfläche von 84 auf 33 Meter. Das ist die Voraussetzung, die das oberste Deck für diesen Typ erfüllen muss. Aber jede Achterbahn kann individuell auf die Anforderungen des Schiffes zugeschnitten werden.

Die Achterbahn wird also um die Bauten an Deck geplant?

Richtig. Wir müssen natürlich darauf achten, dass, wenn der Fahrgast während der Fahrt seine Hand komplett ausstreckt, keine Kollision mit den Bauten an Bord entsteht.

Was war bei der Planung noch herausfordernd?

Auf hoher See ist die Luft salzhaltiger und dadurch aggressiver. Wir mussten die Fahrzeugkomponenten speziell vor dieser salzhaltigen Luft schützen. Durch die Bewegung des Schiffes verformt sich das Deck. Das musste von Anfang an berücksichtigt werden. Wir haben die Achterbahn außerdem einmal komplett zur Probe auf unserem Firmengelände in Kirchheim bei München aufgebaut, um die genauen Koordinaten für die Stützen der Achterbahn herausfinden zu können. Beim Schiffsbau wurden diese dann miteinkalkuliert. Das ist eine aufwendige Vorgehensweise, aber es ist erforderlich, damit nachher alles zusammenpasst.

Für Achterbahnen auf dem Land macht man einen solchen Probeaufbau nicht?

Wenn es keine hochkomplexe Achterbahn ist, in der Regel nein. Eine Bahn komplett aufzubauen und sie auch mit Fahrzeugen zu testen, das ist untypisch.

Werden Achterbahnen auf Kreuzfahrtschiffen der neue Standard?

Wir können uns vorstellen, dass es Zukunft hat. Carnival Cruises hat Maurer Rides bereits für eine zweite Achterbahn für ein weiteres baugleiches Schiff beauftragt. Und auch für eine andere Reederei sind wir tätig geworden. Man kann erkennen, dass die Reedereien aufrüsten und ihren Passagieren an Bord mehr bieten wollen.

Gehen Sie nun auch bald auf Kreuzfahrt?

Ich habe auf jeden Fall Interesse. Da das Schiff allerdings in Port Canaveral startet, ist es jetzt mit den Einreisebedingungen wegen Corona schwierig. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, werde ich sie aber auf jeden Fall nutzen.

© SZ/mbr
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