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Neue Kampagne:München will seine Müllberge verschwinden lassen

Langsam gewöhnt man sich an den Anblick überfüllter Container in München - und auch das Durchbalancieren klappt schon recht gut.

(Foto: René Hofmann/oh)

In Corona-Zeiten wird mehr Abfall produziert. Dabei will die Stadt genau das Gegenteil und verfolgt das langfristige Ziel, alle wertvollen Rohstoffe dauerhaft zu nutzen. Ansätze dafür gibt es schon.

Von Heiner Effern

Überquellende Container, davor am Boden eine Batterie an Flaschen. Die Wertstoffinseln für Glas, Metall und Plastik geraten noch viel öfter an ihre Grenzen, seit die Münchner wegen der Folgen des Coronavirus mehr zuhause essen und trinken als zuvor. Und seit sie im Restaurant um die Ecke etwas mitnehmen, um die Wirte zu unterstützen. Der täglich produzierte Hausmüll ist mehr geworden, und er ist gerade sehr sichtbar im Straßenbild. Dabei will die Stadt eigentlich das Gegenteil erreichen: Die Menschen sollen weniger Müll produzieren und mehr darauf achten, was sie kaufen und ob sie es wieder verwenden oder reparieren können.

Der Stadtrat hat sich Anfang Juli auch diesen Zielen verpflichtet: München soll eine "Zero Waste City" werden, also eine Stadt, die keinen nicht verwertbaren Müll mehr produziert. Dieses Zertifikat, um das sich München nun offiziell bewerben will, soll ein weiterer wichtiger Baustein werden, um wertvolle Rohstoffe in einem dauerhaften Kreislauf zu nutzen, zu erhalten und nicht leichtfertig wegzuwerfen. "Circular Munich" heißt dieses zweite, noch größere Fernziel der Stadt. Da passt es sehr gut ins Bild, dass der Abfallwirtschaftsbetrieb München (AWM), ein Eigenbetrieb der Stadt, am Dienstag seine neue Kampagne zur Müllvermeidung, insbesondere von Einweg-Plastik, präsentierte. Auf vier verschiedenen Plakaten posiert ein Model in extravaganter Kleidung aus Plastik, dazu gibt es jeweils einen Spruch, dessen Botschaft leicht variiert. "Wer wirklich cool ist, vermeidet Plastik", heißt es zum Beispiel auf einem der Plakate.

Man müsse die Menschen weiter "sensibilisieren, dass Einweg-Plastik nicht mehr tragbar ist", sagte Kommunalreferentin Kristina Frank, die qua Amt auch Chefin des AWM ist. Ihr Haus schätzt, dass alleine in der Stadt pro Jahr 2000 Tonnen an Einweggeschirr, -besteck und To-Go-Verpackungen im Müll landen. "Das ist definitiv zu viel." Der Anstieg in den vergangenen Wochen und Monaten, der sich unter anderem auch an den Wertstoffinseln zeige, arbeitet den Zielen der Stadt entgegen. "Ich glaube aber, dass wir das wieder einfangen können", sagt Frank.

Im Moment ist die Stadt vor allem kurzfristig bemüht, wenigstens die Müllberge vor den Wertstoffinseln abzubauen, und zwar durch schnelleres und häufigeres Leeren der Container. Diese werden jedoch nicht von ihr, sondern vom Dualen System Deutschland betrieben. Mittel- und langfristig sollen die Wertstoffinseln leerer werden, weil die Menschen bewusster einkaufen und Einweg-Verpackungen vermeiden. Bis Ende 2021 soll Frank dem Stadtrat ein Konzept vorlegen, wie München hierbei vorwärtskommen und das Label "Zero Waste City" erlangen kann. Dafür erhielt sie im Stadtrat breite Unterstützung, die sich bereits nach einem Experten-Hearing und einem ähnlichen Vorstoß von Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) im Herbst 2019 abzeichnete. Die beiden Regierungsfraktionen stehen ebenso wie Franks CSU-Fraktion hinter der Zero-Waste-Strategie.

München beginnt aber keineswegs bei null, sondern kann laufende Projekte vorweisen. Im Jahr 1992 verbot sie etwa die Nutzung von Einweg-Produkten auf öffentlichem Grund und konnte so zum Beispiel die Menge des Restmülls auf dem Oktoberfest um 90 Prozent verringern. Dazu trägt das Netz der Wertstoffhöfe zur Trennung von Müll bei. Diese Kriterien und weitere Initiativen könnten nach Einschätzung des Kommunalreferats schon für die Mitgliedschaft bei den Zero-Waste-Citys reichen, doch einen Knackpunkt gilt es mindestens noch zu verhandeln. Die Städte-Allianz schreibt die Endlagerung nicht mehr verwertbaren Mülls in Deponien vor, was München strikt ablehnt. Der letzte Rest wird hier in einem Block im Heizkraftwerk Nord verbrannt und das soll auch so bleiben.

Weitere strategische Ziele hat der Stadtrat auch noch beschlossen: Schon beim Einkauf soll die Verwaltung künftig auf nachhaltige Produkte setzen. Plastik soll grundsätzlich in allen Einrichtungen und von allen Mitarbeitern vermieden werden. Im Dialog soll auch der Handel der Stadt in diese Richtung beeinflusst werden. Einen besonderen Anreiz könnte ein städtisches Qualitätslabel für nachhaltige Betriebe schaffen. Auch für den nächsten ehrgeizigen Schritt, Circular City zu werden, gibt es schon eine Basis. Die Stadt führt die Trennung des Biomülls an, aus dem hochwertige Erde gewonnen und an die Münchner zurückverkauft wird. Auch das Gebrauchtwaren-Kaufhaus Halle 2 oder das sogenannte Repair Café halten Rohstoffe im angestrebten Kreislauf. In der Endstufe der Circular Economy bleiben alle Ressourcen genutzt, die Verantwortung und das Eigentum für jedes Produkt hat der Hersteller. Der Kunde kauft nur noch die Dienstleistung. Auf diesen langen Weg will sich München nun begeben. "Dafür brauchen wir die gesamte Stadtgesellschaft", sagte Frank

© SZ vom 15.07.2020/wean
Heizkraftwerk München Nord, Müllverbrennungsanlage

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