Festakt zum 80. Geburtstag der SZ„Immer mit Respekt vor dem einzelnen Menschen“

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Wurde in seiner Ansprache grundsätzlich: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
Wurde in seiner Ansprache grundsätzlich: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. (Foto: Johannes Simon)

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält zum 80-jährigen Bestehen der Süddeutschen Zeitung ein Plädoyer für einen freien, kritischen, ehrlichen und gründlichen Journalismus – wie ihn die „Kosmopolitin“ aus München vertritt.

Von Heiner Effern

Wenn der Bundespräsident aus Berlin anreist, um zum Geburtstag zu gratulieren, dann hat er natürlich ein paar wohlklingende Komplimente dabei. Aber dabei belässt es Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede zum 80-jährigen Bestehen der Süddeutschen Zeitung nicht. Als er am Donnerstagnachmittag im Bergson, einem früheren Kraftwerk am Rande Münchens, das nun die Kultur befeuert, ans Mikrofon tritt, wird er schnell sehr grundsätzlich. Er hält ein Plädoyer für einen freien, kritischen, ehrlichen und gründlichen Journalismus, der den Menschen Orientierung bietet.

In dieser Tradition müssten die SZ und auch andere „demokratiefreundliche Medien“ weiterhin ein Gegengewicht bilden zur „Dauerapokalypse“ speziell in den sozialen Netzwerken, sagt Steinmeier. „Blitzschnell verkürzen, zuspitzen, skandalisieren, polarisieren und eskalieren“, so erlebt der Bundespräsident den alltäglichen Kampf um Aufmerksamkeit. Verantwortungsbewusste Journalisten müssten informieren, Ereignisse einordnen, erklären, auch mal gute Nachrichten überbringen.

Die SZ habe, wie andere Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland, „die demokratische Öffentlichkeit und die politische Kultur der Bundesrepublik“ in diesem Sinne geprägt, sagt der Bundespräsident. Doch der Gratulant tritt nicht nur als Mahner auf, er hat sich selbst auf die Spuren von Journalisten begeben und in der Vergangenheit der Süddeutschen recherchiert. Zu Recht merkt er an, dass die SZ ihren 75. Geburtstag wegen der Pandemie erst zwei Jahre später groß feiern konnte, nun aber den 80. Jahrestag etwas vorverlegt hat.

Steinmeier nimmt die Besucher im voll besetzten Saal – darunter Vertreter der Politik, der Kultur und der Kirchen – gedanklich mit zurück zu jenem 6. Oktober 1945, als die erste SZ nach dem Zweiten Weltkrieg gedruckt wurde. Mit zurück in einen Münchner Keller, in dem Offiziere der amerikanischen Militärregierung, der damalige bayerische Ministerpräsident Wilhelm Hoegner und die drei Herausgeber einer nach dem anderen den Original-Bleisatz von Hitlers „Mein Kampf“ in den Ofen geworfen haben, um aus dem Blei die Druckplatte für die erste SZ zu gewinnen.

SZ-Chefredakteurin Judith Wittwer, Geschäftsführer Johannes Hauner, Chefredakteur Wolfgang Krach und Geschäftsführer Christian Wegner mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (von links).
SZ-Chefredakteurin Judith Wittwer, Geschäftsführer Johannes Hauner, Chefredakteur Wolfgang Krach und Geschäftsführer Christian Wegner mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (von links). (Foto: Johannes Simon)

Auf die dafür nötige Lizenz Nummer eins in Bayern hat zuvor auch Chefredakteurin Judith Wittwer in ihrer Begrüßung Bezug genommen. Die Verleger hätten sich in der ersten Ausgabe zu Wahrhaftigkeit und zu ihrer Verantwortung bekannt. Dies gelte bis heute für die Süddeutsche Zeitung. Gerade in einer Zeit, in der Werte erodierten, gelte es, die Welt mit „einem wachen Blick“ zu betrachten. „Gestern wie heute geht es im Journalismus um Aufklärung.“

Dazu habe sich die SZ-Redaktion schon früh selbst verpflichtet, betont Wittwer. Mit dem sogenannten Redaktionsstatut hätten sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Jahr 1971 „eine Art Grundgesetz“ gegeben, das bis heute Gültigkeit habe. Es verpflichte die Redaktion auf „freiheitliche, demokratische Gesellschaftsformen nach liberalen und sozialen Grundsätzen“. Das sei wörtlich im Statut so festgehalten.

Gernot Sittner (l.) und Kurt Kister trugen in früheren Chefredaktionen Verantwortung für die Zeitung.
Gernot Sittner (l.) und Kurt Kister trugen in früheren Chefredaktionen Verantwortung für die Zeitung. (Foto: Johannes Simon)

Dieses innere Grundgesetz ist für Chefredakteur Wolfgang Krach einer der wichtigsten Gründe, warum viele Leser oder nun User der SZ vertrauen. Es garantiere die „Unabhängigkeit der Redaktion und ihrer Berichterstattung“, sei ein mächtiger „Schutz vor jeglichen Eingriffen von außen“. Gelebt würden die Werte bis heute, auch wenn sich die Redaktion gewandelt habe – von allen Mitarbeitern, „die jeden Tag für die gedruckte Zeitung schreiben, für die Homepage, für unsere Social-Media-Kanäle, die Bilder aussuchen, Grafiken erstellen, Podcasts recherchieren und produzieren“.

Ganz im Sinne seines Appells für kritischen Journalismus spart Bundespräsident Steinmeier später jedoch nicht aus, dass sich die SZ ihren liberalen Charakter und ihre Werte auch erkämpfen musste. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe die SZ mit Verstrickungen in den Nationalsozialismus umgehen und sich davon lösen müssen.  Und unmissverständlich rügt der Bundespräsident die Redaktion für lang anhaltende Defizite bei der Geschlechtergerechtigkeit. Die SZ sei „sehr, sehr langsam, aber unaufhaltsam auch weiblicher geworden“, sagt er. Es dürfte kein Zufall sein, dass er unter den von ihm besonders geschätzten Autoren und Autorinnen viele Frauen nennt.

Der Bundespräsident hat aber auch in der Gegenwart recherchiert und sich in seinem Umfeld umgehört, wie die SZ wahrgenommen wird. Die Süddeutsche Zeitung sei demzufolge „eine liberale, unabhängige und staatsferne Wächterin der freiheitlichen Demokratie, eine selbstbewusste vierte Gewalt, die den Verantwortlichen in Staat und Politik nicht nur auf die Finger, sondern auch auf den Mund schaut“. Das sei zwar nicht repräsentativ, räumt der Bundespräsident ein, aber „diesem Kompliment schließe ich mich gerne an“.

Steinmeier hat sich aber auch persönlich Gedanken gemacht, wie er die SZ beschreiben würde. Die SZ mit ihren Eigenheiten und Qualitäten sei eine Persönlichkeit, „quite a character“. Später in seiner Rede nimmt er Bezug auf Gesine Cresspahl, die Protagonistin aus dem Roman „Jahrestage“ von Uwe Johnson. Die hält die New York Times für eine „Tante aus vornehmer Familie“. Analog dazu sei die SZ für ihn eine „Kosmopolitin“ aus München, „elegant gekleidet, aber mit einer gewissen intellektuellen Lässigkeit ausgestattet; klug und kritisch, offen und neugierig, ironisch und schlagfertig, aber immer mit Respekt vor dem einzelnen Menschen“.

Auch wenn die SZ inzwischen auf vielen Kanälen erscheine und erfolgreich digitale Abos verkaufe: Keine Künstliche Intelligenz, kein soziales Netzwerk könne Zeitungen wie die Süddeutsche und ihre Journalisten ersetzen. In diesem Sinne äußert Steinmeier auch seinen Wunsch für die Zukunft. „Bleiben Sie, was Sie sind: quite a character.“

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Frank-Walter Steinmeier zu 80 Jahre „Süddeutsche Zeitung“
:„Eine liberale, unabhängige und staatsferne Wächterin der freiheitlichen Demokratie“

Die „Süddeutsche Zeitung“ feiert ihr 80-jähriges Bestehen mit einem Festakt in München. Die Festrede von Bundespräsident Steinmeier im Wortlaut.

Von Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident

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