Wie schön, wenn man einen Satz des Bundespräsidenten, zu dessen Pflichten es gehört, Reden zu besonderen Anlässen zu halten, länger im Gedächtnis behält. Weil dieser Satz auch ein bisschen doppeldeutig ist, lesbar als Kompliment oder ironische Spitze. Die Süddeutsche Zeitung, hat Frank-Walter Steinmeier am Donnerstag beim Festakt der SZ gesagt, sei „quite a character“. Charakterstark, so könnte man das übersetzen, eigensinnig, unverwechselbar.
Vielleicht hat der Bundespräsident ja auch gemeint: Die SZ, die alte Tante, hat eine Tendenz zur Schrulligkeit, sie trägt gerne komische Hüte und hat ein bisserl ADHS. Wer behauptet, jemand sei „quite a character“, geht zumindest davon aus: Mit dem werde ich mich nicht so schnell langweilen!

80 Jahre Süddeutsche Zeitung – das ist ein guter Anlass, um zu feiern. Und zwar an einem Ort mit Charakter: Das Bergson Kunstkraftwerk ist alles, nur nicht langweilig. Eine Eventlocation mit einem von Kennern hochgeschätzten Konzertsaal, einer Kunstgalerie, einer ambitionierten Gastronomie – und einer herausgeputzten Industriehalle, in der man auch eine Oligarchenhochzeit oder einen Promi-Boxkampf veranstalten könnte. Auf der Suche nach Defiziten fällt einem nur der Standort ein, aber auch das kann ein Vorteil sein, wenn man den Weg vom SZ-Hochhaus in Berg am Laim zum Bergson für eine sommerliche Radtour nutzt, vorbei an der Schlossmauer des Nymphenburger Parks und mitten durch den wilden Münchner Westen. Oh, wie schön ist Aubing!

Seltsam, wie schnell die Zeit vergeht, hat die SZ nicht gerade 60. Geburtstag in der alten Postkantine an der Arnulfstraße gefeiert, mit Harald Schmidt als süffisantem Festredner? Aber nein, seitdem ist dann doch noch eine Menge passiert, zuletzt fiel pandemiebedingt der 75. Geburtstag der SZ aus, der dann zwei Jahre später mit einem Abend im Gärtnerplatztheater nachgeholt wurde. Und jetzt also: große Bergson-Parade, erst mit offiziellem Festprogramm, prominenten Gästen und dann mit einer Party für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der SZ, die sich überall auf den Stockwerken, auf der Treppe, auf der Dachterrasse verteilen.
Am Stehtisch erzählt der Hanser-Verleger und Schriftsteller Jo Lendle die Geschichte, wie er mit seiner zwei Jahre älteren Schwester als Teenager seine Eltern überreden wollte, das SZ-Abo zu kündigen und stattdessen die taz zu bestellen. Revolte im Hause Lendle! Doch die Eltern hielten ihrer Zeitung die Treue. „Und irgendwann kommt man halt zur Vernunft und stellt fest, dass man gerne wandern geht, die Brandenburgischen Konzerte von Bach hört und ohne die SZ nicht mehr leben kann.“
Schon praktisch, dass man heute alles auf einmal machen kann: beim Wandern an der Isar zwischen zwei Bach-Sätzen einen SZ-Podcast hören - gar kein Problem. „Ein Tag ohne Süddeutsche, das geht für mich nicht“, sagt der Schauspieler Edgar Selge, der nur einen Leserwunsch hat: „mehr Film, Theater, Literatur, Kunst in der SZ“. Aber schon ein gehaltvoller Artikel könne ihn „lange Zeit oben halten“. Grundnahrung eben.
Dominik Krause, Zweiter Bürgermeister der Stadt München, gibt sich mild-ironisch: „Die Betonung der eigenen Bedeutung kommt bei der Feier nicht zu kurz, aber da habe ich mir bei der SZ keine Sorgen gemacht. Ich finde: Zum 80. darf man schon ein bisschen von sich selbst begeistert sein. Als Politiker werfe ich hier keinesfalls den ersten Stein.“

In stürmischen, aufgekratzten, krisenhaften Zeiten kann man ja bekanntlich oft am besten feiern, das gilt auch für diesen Abend. Als Einheizer ist die Jazzrausch Bigband gebucht – und die Münchner Rapperin Fiva liefert gleich die passenden Songtexte: „Das Beste ist noch nicht vorbei.“ Spätestens jetzt stürmen die Gäste die Tanzfläche, die Lieblingscontrollerin der Redaktion wirft zu „Dein Lächeln verdreht Köpfe“ ihre Stöckelschuhe weg und tanzt barfuß, das hat Signalwirkung - so locker hat man die Kolleginnen und Kollegen schon lang nicht mehr gesehen.
Später, als der DJ auflegt, wird sich auch noch der Chefredakteur aus seinem Sakko schälen und sich dem Beat hingeben - ja, man kann hier befreit aufspielen, ohne dass die Drinks ausgehen oder sich ruhebedürftige Nachbarn bei der Polizei beschweren. Und jeder Gedanke an die täglichen Kleinkatastrophen des Redaktions- und Verlagsalltags ist beinahe so weit weg wie der Turm im Münchner Osten, in dem jeden Tag neue Geschichten entstehen, über die Welt im Allgemeinen und München im Besonderen.
Das Bergson hat jedenfalls gehalten, was es versprochen hat. Es ist „quite a character“. So wie hoffentlich auch die SZ in den nächsten achtzig Jahren.

