Die Oper mit der Breitenwirkung des Fußballs. Davon muss Sir Peter Jonas wohl geträumt haben, als er als Intendant der Bayerischen Staatsoper 1997 – für die Münchner und den Rest der Welt – „Oper für alle“ erfand. Dabei war der gebürtige Londoner bekanntermaßen eher dem Cricket-Spiel zugetan. In den vergangenen 30 Jahren hat das Opern-Public-Viewing, gratis dank Sponsor BMW und mittlerweile auch im Internet gestreamt, eine eigene Fan-Kultur entwickelt. Und man kann sagen, dass es, je nach Platzierung der hochauflösenden LED-Großbildleinwand auf dem Max-Joseph- und dem Marstallplatz, eine Süd-, West- oder Nordkurve gibt.
Immer wieder fiel das Klassikevent – die Liveübertragung aus dem Nationaltheater oder das Konzert – auch mit wichtigen Spielen von Fußball-Weltmeisterschaften zusammen. An diesem Samstag, 4. Juli, um 17 Uhr ist es wieder so weit: Wagners „Walküre“ versus Achtelfinale Kanada gegen Marokko (19 Uhr). Leider mal wieder ohne deutsche Beteiligung. Doch das war nicht immer so:
Welcher Startenor mit Open-Air-Erfahrung bei einer Fußball-WM sang 1997 bei der ersten Oper für alle?
Plácido Domingo, einer der drei Tenöre, die bei der WM in Italien 1990 beim Konzert in den römischen Caracalla-Thermen Geschichte geschrieben haben. Bei der Oper für alle-Premiere in München sang er den Don José in Lina Wertmüllers „Carmen“-Inszenierung. Die stammt aus dem Jahr 1992 und läuft übrigens immer noch an der Staatsoper.

Welches Fußballspiel der Sommermärchen-WM fand am 8. Juli 2006 zeitgleich zur Oper für alle „Tristan und Isolde“ statt?
Im Gottlieb-Daimler-Stadion in Stuttgart spielte an jenem Samstag die deutsche Mannschaft gegen Portugal um Platz 3 und siegte mit 3:1. Zwei Tore schoss Bastian Schweinsteiger, die Portugiesen erzielten ein Eigentor und den Anschlusstreffer von Nuno Gomez.
Wer stand an seinem Geburtstag bei Oper für alle auf der Bühne und was hatte die WM in Südafrika damit zu tun?
Jonas Kaufmann. Er sang am 10. Juli 2010 den Cavaradossi in Luc Bondys „Tosca“. Das Publikum auf dem Platz sang ihm beim Schlussapplaus ein Ständchen. Eigentlich wollte Kaufmann an seinem 41. Geburtstag nicht auftreten, und Oper für alle sollte deshalb ausnahmsweise am Sonntag, 11. Juli, stattfinden. Weil das allerdings der Tag des Endspiels der Fußball-Weltmeisterschaft war, blieb es bei Samstag. So waren alle etwas abgelenkt, vor und hinter der Bühne, denn Deutschland spielte mal wieder um Platz 3 und siegte in Südafrika 3:2 gegen Uruguay.

Welcher Opernstar war öfter als alle anderen bei Oper für alle dabei?
Schon wieder Jonas Kaufmann. Er sang in „Lohengrin“, „Fidelio“, „Manon Lescaut“, „Parsifal“, „Tristan“ und in zwei unterschiedlichen „Tosca“-Inszenierungen.
Warum trug Sir Peter Jonas 2003 bei Oper für alle Schottenrock?
Im Sommer 2003 gab es weder eine Fußball-WM noch eine EM, die beliebte „Tartan Army“ schottischer Fußballfans war also nicht in der Stadt. Nun muss man wissen, dass Intendant Sir Peter eine Mutter mit spanisch-libanesisch-schottischen Wurzeln hatte und gerne Kilt mit familieneigenem Karo trug. An diesem Abend aber hat sein Outfit einen besonderen Hintergrund: In Eike Gramss’ Inszenierung von Verdis „Falstaff“ sieht man Schottenkaros in allen möglichen Variationen.

Welche Opern waren mehr als ein Mal zu hören bei Oper für alle?
Richard Wagners „Walküre“ (1998 und 2026), Verdis „Aida“ (1999 und 2023), „Tristan und Isolde“ (2006 und 2021) und Giacomo Puccinis „Tosca“ (2010 und 2024).
Welcher Komponist liegt einsam auf Rang eins bei Oper für alle?
Wen überrascht’s? Richard Wagner: „Walküre“ (zweimal), „Die Meistersinger von Nürnberg”, „Tristan und Isolde“ (zweimal), „Lohengrin“, „Götterdämmerung“, „Tannhäuser“ und Parsifal“.
In welchem Jahr gab es sogar drei kostenlose Open-Air-Veranstaltungen?
2007: ein Bruckner-Konzert sowie die Übertragungen von Mussorgskys „Chowanschtschina“ und eine Wagner-Gala mit Plácido Domingo und Waltraud Meier.

Woran wäre die Wagner-Gala 2007 auf dem Max-Joseph-Platz beinahe gescheitert?
Nein, kein WM-Endspiel mit deutscher Beteiligung, sondern eine Tram-Baustelle in der Müllerstraße. Was die übliche Tram-Ersatzroute unmöglich machte, die 19er hätte also am Opern-Publikum vorbeirauschen müssen, was bei so vielen Menschen zu gefährlich ist. Offenbar gab es aber Wagner-Fans bei den Stadtwerken beziehungsweise im Rathaus, und es wurden für die Tram 19 an diesem Abend Ersatzbusse über den Altstadtring eingesetzt.
Kam es in 30 Jahren Oper für alle jemals zu Absagen?
Ja, am Sonntag, 31. Juli 2016, wurde Oper für alle (Wagners „Meistersinger“) abgesagt. Der Grund: An diesem Tag fand der zentrale Gedenkgottesdienst und der Trauerakt für die Opfer des rassistisch motivierten Anschlags am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) statt. Im Pandemie-Sommer 2020 musste Oper für alle ebenfalls ausfallen, Korngolds „Die tote Stadt“ konnte nicht gezeigt werden.

Nur zwei Absagen in 30 Jahren, dabei spielte das Wetter nicht immer mit. Was war die verregnetste Oper für alle (gefühlt)?
Es hat immer mal geregnet bei Oper für alle, Sir Peter als Brite gab stets die aktuellen Prognosen durch, und die Münchner trotzten wie Fußballfans allem, das von oben kam. Es gab Dauernieselregen bei „Don Carlo“ im Jahr 2000, Schauer setzten ein während des letzten Akts von Berlioz’ „Les Troyens“. Mistwetter auch bei „Lohengrin“ 2009, kaum war der Schwan aufgetaucht, da regnete es cats and dogs. Besonders scheußlich aber war es am 28. Juni 2014 während der Übertragung von Rossinis „Guillaume Tell“. An diesem Tag, nur soviel zur Statistik, fanden bei der Fußball-WM in Brasilien einige Achtel-Finalspiele statt. Deutschland, der künftige Weltmeister, spielte erst am 30. Juni.


