Hoffnungen für das Jahr 2021:Zurück zur Leichtigkeit

Sie arbeiten im Supermarkt, in Schulen oder im Gesundheitsbereich: Fünf Menschen aus sogenannten systemrelevanten Berufen erzählen, wie sie auf das kommende Jahr blicken und welche Wünsche sie haben.

Protokolle von Sophia Kaiser

Weniger Egoismus

Naïma Atabani, 24, Rettungssanitäterin & Jura-Studentin

Jahresrückblick 2020

Naïma Atabani sorgt sich um das gesellschaftliche Klima.

(Foto: Friedrich Bungert)

"Vor allem vermisse ich persönlich einfach dieses unbeschwerte, unbesorgte Zusammensein - mit Freunden, aber auch auf der Arbeit. Dass man nach der Schicht auch noch zusammensitzen kann. Ein bisschen ist die Hoffnung da, dass das zumindest durch die Impfungen im Sommer oder Spätsommer wieder möglich ist. Dass sich alles so ein bisschen normalisiert und wir wegkommen von der Krise. Das wäre mein größter Wunsch. Aber für Januar bis frühestens August erwarte ich das noch nicht. Da hoffe ich tatsächlich nur, dass die Leute, auch wenn das Ganze dann über ein Jahr andauert, vernünftig bleiben oder werden und trotzdem an einem Strang ziehen. Meine Sorge ist, vor allem für die ersten drei bis vier Monate im nächsten Jahr, dass besonders das ein Problem wird. Gerade auch wegen der angeblichen Impfpflicht, die viele befürchten. Dabei war und ist davon ja nie die Rede. Man merkt diese Stimmung auch, wenn man sich die Social-Media-Beiträge der Rettungsdienste anschaut, die Kommentare unter den Posts. Da wird man schon ein bisschen angefeindet und hat Angst, dass das überschwappt und auch auf der Straße passiert. Wir sind als Gesellschaft in einem krassen Egoismus angekommen, was man durch die Corona-Krise sehr stark merkt. Es geht nur um die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Ich wünsche mir, dass wir da so ein bisschen mehr kollektives Denken wiederbekommen. Dass es nicht immer nur um uns als Individuum geht, sondern um uns als Gesellschaft."

Einfach wieder zusammensein

Richard Büttner, 39, Supermarktmitarbeiter in Ottobrunn

Jahresrückblick 2020

Bleibt vernünftig, ist die Bitte von Richard Büttner.

(Foto: Friedrich Bungert)

"Ich hoffe, dass nach dem Lockdown die Infektionszahlen wieder nach unten gehen, der Impfstoff bald verfügbar ist und die Hoffnung auf ein normales Leben gegeben ist. Bis heute ist es so, dass man im Supermarkt viel mit Kunden diskutieren muss, damit sie die Maske richtig aufsetzen oder den Abstand einhalten. Einige reagieren aggressiv oder fühlen sich missverstanden, weil sie medizinisch von der Maske befreit sind. Man sieht leider ja auch, dass trotz der Maßnahmen die Zahlen weiterhin steigen, da die Leute ungeduldig werden oder unvorsichtig. Ich habe Bedenken, dass in einigen Märkten die Diskussionen wieder zunehmen werden, da die Leute keine Lust mehr haben, sich weiter einzuschränken. In dem Sinne hoffe ich, dass nächstes Jahr irgendwann wieder Normalität einkehrt, jeder wieder einfach seinen Job machen kann und wir die Wertschätzung erfahren, die verbal immer angekündigt wurde. Im privaten Umfeld hoffe ich, dass ich bald wieder alle meine Freunde sehen kann und auch meine Familie. Die habe ich jetzt lange nicht gesehen, meine Eltern sind auch schon ein bisschen älter. Ich würde mich freuen, wenn man einfach wieder zusammensitzen kann, zusammen feiern, sich im Biergarten treffen. Alles, was man bis jetzt nicht machen konnte. Ich fürchte allerdings, dass das alles noch ein bisschen dauern wird. Die Impfbereitschaft ist ja doch nicht so ausgeprägt, da hoffe ich, dass es sich ein Teil der skeptischen Leute noch einmal anders überlegt. Damit wir alle wieder zur Normalität zurückkehren und auch vielleicht mal wieder ohne Maske unterwegs sein können."

Leute, entspannt euch

Antonia Waldner, 30, Intensivpflegerin im Münchner Klinikum Dritter Orden

Jahresrückblick 2020

Antonia Waldner wünscht sich mehr Gelassenheit.

(Foto: Friedrich Bungert)

"Für mich persönlich hat dieses Jahr viel ermöglicht. Deswegen bin ich gerade ganz zufrieden mit allem, was ich habe. Ich wünsche mir einfach, dass das so bleibt und es allen Leuten, die ich kenne, weiterhin gut geht. Es sieht ja ganz gut aus, es gibt einen Impfstoff, der derzeit verteilt wird. Trotzdem denke ich, dass die Einschränkungen noch andauern und Corona uns noch das ganze nächste Jahr begleiten wird. Da würde ich mir einfach wünschen, dass alle Leute entspannter werden. Ich finde, man sollte sich selbst nicht so wichtig nehmen. Leider hat man das Gefühl, dass einige denken, sie sind die Einzigen, die davon betroffen sind und sich einschränken müssen. Wenn sich alle ein bisschen zurücknehmen und weniger aufregen, würde das alles erleichtern.

Ich vermisse es natürlich, in der großen Freundesrunde zusammenzusitzen, die spontanen Abende, an denen man die besten Gespräche führt. Oder auch ins Kino zu gehen oder ab und zu auf Kulturveranstaltungen. Auch gerade meine Familie, die nicht in München wohnt, würde ich gerne wieder besuchen können, ohne mir zu viele Gedanken machen zu müssen. Die Unbeschwertheit wiederzubekommen wäre schön. Bei mir auf der Arbeit ist gerade super viel zu tun, mehr Stress, mehr zu organisieren. Einerseits hat die Situation uns viel gebracht und einige Prozesse wurden überarbeitet, aber dass sich alles wieder normalisiert und die Arbeitsbelastung wieder ein bisschen weniger wird, wäre schon schön."

Erfolgreiche Impfungen

Hans-Ulrich Braun, 54, Arzt in Karlsfeld

Jahresrückblick 2020

Hans-Ulrich Braun fehlt es, Freunde zu umarmen.

(Foto: Friedrich Bungert)

"Auf beruflicher Ebene wünsche ich mir, dass alles gut klappt mit den geplanten Impfaktionen, die wir jetzt vorhaben. Ich hoffe einfach, dass wir es schaffen, in kurzer Zeit viele Menschen zu impfen, insbesondere die Gefährdeten über 80. Da sind die Todeszahlen gerade besorgniserregend. Dadurch wird dann hoffentlich auch die Last auf die Bevölkerung weniger, die Angst, die Einschränkungen. Es gab schon immer Pandemien wie die Spanische Grippe oder die Pest. Jetzt können wir mehr dagegen tun, sind aber trotzdem sehr belastet dadurch. Diese Last fällt nächstes Jahr hoffentlich vom ganzen System und der Medizin ab. Das wären so meine Wünsche. Ich habe keine Katastrophen-Visionen, dass Corona noch ein Jahr lang ausufern wird. Ich bin der Meinung, dass wir inzwischen deutlich besser vorbereitet sind, alles besser durchgeplant ist. Diese Corona-Belastung wird sich langsam auflösen, das wird aber noch so ein halbes Jahr dauern. Ich glaube, dass ab nächstem Sommer eine deutliche Erleichterung kommen wird. Durch die Impfungen und auch weil die Zahlen gegen Sommer bestimmt wieder weniger werden. Dann können die Maßnahmen hoffentlich reduziert werden und wir langsam wieder zu einer alten Normalität zurückkehren. Im privaten Umfeld wünsche ich mir für nächstes Jahr auf jeden Fall wieder körperlichen Kontakt, das ist mir dieses Jahr schon abgegangen - einen guten Freund herzlich umarmen oder gemeinsam Essen gehen. Für meine Tochter wünsche ich mir, dass sie sich auch wieder persönlich bei den Unis bewerben kann. Ich verstehe die Maßnahmen, liebe aber trotzdem die Freiheit und hoffe, dass wir nächstes Jahr ein bisschen davon zurückerhalten."

Ganz normal leben

Beate Rexhäuser, 63, Grund- und Mittelschullehrerin in Erdweg

Jahresrückblick 2020

Beate Rexhäuser will wieder reisen.

(Foto: Friedrich Bungert)

"In meiner beruflichen Situation, als Lehrerin, denke ich nicht, dass wir im Januar einfach wieder mit der Schule anfangen können. Das wird noch lange dauern, bis es sich da wieder normalisiert. Davor habe ich auch ein bisschen Angst, um der Kinder willen. Ich bin nicht hoffnungslos, aber ich denke einfach, dass es noch ein bisschen Geduld braucht. Auch alles, was man sich überlegt hat, mit den Luftaustauschanlagen und so weiter, das wird noch dauern, bis die eingebaut sind. Es fehlt einfach der persönliche Kontakt, zu den Lehrern und zu den anderen Schülern. Das merke ich auch bei meinem Sohn, der schon studiert. Die Kinder leiden unter der Situation, egal wie alt sie sind. Ich befürchte, dass die Schulnormalität nächstes Jahr so schnell nicht wiederkommen wird. Ich erwarte eine Besserung der Lage erst gegen Sommer, da sind in der Schule auch schon wieder Prüfungen. Und wir haben den Rückstand vom ersten Lockdown immer noch nicht aufgeholt.

Im privaten Umfeld fühle ich mich sicher, es geht mir gut. Mein Mann und ich haben keine Angst, weil wir uns an alle Regeln halten. Aber sich wieder normal bewegen oder reisen können, ohne nachzudenken, wäre schon schön. Das merke ich auch immer, wenn ich Filme anschaue. Diese Leichtigkeit des Seins, man setzt sich an einen Tisch oder holt sich ein Eis in der Stadt. Das ganz normale Leben - das vermisse ich und wünsche es mir zurück. Ich hoffe, dass alles wieder unkomplizierter wird, wenn wir ein bisschen mehr Sicherheit zurückgewinnen."

Wie diese und weitere Menschen aus systemrelevanten Berufen das Jahr 2020 erlebt haben, erzählen sie im SZ-Jahresrückblick unter sz.de/2020.

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