Sie liebt Claude Debussys Klavierwerk „Rêverie“, er laut seiner Spotify-Playlist „Major Tom“ von Peter Schilling und „Gute Freunde kann niemand trennen“ von Franz Beckenbauer. Und doch ist es die Musik, die Christine Lagarde, Chefin der Europäischen Zentralbank, und Markus Söder, Ministerpräsident des Freistaats Bayern, zusammenbringt. Beim Festakt zu „150 Jahre Opernfestspiele“ am 26. Juni im Nationaltheater werden sie sich die Ehre geben. Die Französin, die man eher mit Banknoten in Verbindung bringt, wird gar die Festrede halten. Ein ziemlich großer Teppich also, den sie da ausrollen bei diesen Münchner Jubiläumsfestspielen. Am Ende aber sind es die Musikerinnen und Musiker, Sängerinnen und Sänger, denen in den Wochen vom 27. Juni bis 31. Juli alle Aufmerksamkeit gehört. Bis die Staatsoper dann in eine verlängerte Sommerpause geht.
Wagners Bayreuth kam später

„Wenn eine Kutsche kommt, fängt die Oper an.“ Regisseur Hans Neuenfels zitierte Giacomo Puccinis Ausspruch in seiner Inszenierung von „Manon Lescaut“, die erst in diesem Frühjahr wieder auf dem Spielplan der Staatsoper stand. Eine Kutsche, sehr bling bling, rattert auch in Barrie Koskys „Rosenkavalier“ auf die Bühne. Als die Münchner Opernfestspiele 1875 im Hoftheater ihre Premiere hatten – noch vor den ersten Bayreuther Festspielen (1876) und den Salzburger Festspielen (1920) ohnehin -, dürften viele Kutschen um den Max-Joseph-Platz herum gewartet haben. Doch dass damals nur noble Touristen, der Adel oder das geldige Bürgertum der Stadt diesen ersten „Festlichen Sommer“ in der Oper genossen haben, ist nicht verbürgt. Und bei der Opernbegeisterung der Münchner auch nicht wahrscheinlich.
Heutzutage jedenfalls stehen die Türen des Nationaltheaters weit offen. Die Gala am 26. Juni mit der Politprominenz und wunderbarer Barockmusik, gesungen von Star-Sopranistin Sonya Yoncheva und Mezzosopran Avery Amereau, ist schon zum Stehplatzpreis von fünf Euro zu erleben. Und für 40 Euro sitzt man sogar in der ersten Reihe Parkett. Die gute Nachricht also: Es gibt insgesamt noch jede Menge Karten.
Die Premieren

Im Sommer 1875 stand er ebenfalls auf dem Spielplan, Mozarts „Don Giovanni“. Die erste Festspielpremiere wird am 27. Juni eine Neuinterpretation dieser Oper sein. „Faust“-Preisträger David Hermann inszeniert erstmals am Haus, Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski dirigiert. Den Don gibt Bariton Konstantin Krimmel, mit dem die Bayerische Staatsoper seit Langem einmal wieder einen Star im Ensemble hat. Man geht in die Oper, „weil der Krimmel singt“. Das hat er schon in „Cosi fan tutte“ und im „Figaro“ ganz famos getan. Mit Don Giovanni komplettiert die Staatsoper nun ihren neuen Da-Ponte-Zyklus.
Ebenfalls ihr Hausdebüt gibt bei den Festspielen Andrea Breth, die große Theater- und Opernregisseurin. Sie bringt am 18. Juli (Premiere) Gabriel Faurés einzige Oper „Pénélope“ auf die Bühne des Prinzregententheaters. Ein Werk, uraufgeführt 1913 in Monte Carlo, das die Bayerische Staatsoper ihrem Publikum bislang vorenthalten hat. Im Zentrum steht, wie könnte es anders sein, Pénélope (Victoria Karkacheva), die auf ihren lang verschollenen Gatten Ulysse (Brandon Jovanovich) wartet und sich einer Horde ziemlich unangenehmer Typen erwehren muss, die auf den Thron spechten. Doch dann kehrt Ulysse zurück. Gewiss spannend, was Breth aus dieser Wiederbegegnung macht, versteht sie es in ihren Arbeiten doch stets eindrucksvoll, ihren Figuren psychologische Tiefe zu geben.
Bei den Festspielen ist es Tradition, dass eine der Premieren im Prinzregententheater aufgeführt wird. An sich wunderschön, nur sind die Karten für dieses kleine Haus dann deutlich teurer. Und weil die Bühnenbilder nicht so ohne Weiteres ins riesige Nationaltheater übertragen werden können, bleiben die Prinze-Inszenierungen oft Festspiel-One-Hit-Wonder. Wie etwa 2023 Händels „Semele“ mit Michael Spyres und Jakub Józef Orliński. Das würde man soooooo gerne noch mal sehen.
Oper für alle

Ein kostenloses Opernerlebnis gibt es für die Münchnerinnen und Münchner und alle, die extra dafür anreisen, alljährlich zur Festspielzeit auf dem Max-Joseph-Platz. „Oper für alle“ heißt es dort dann, und die Menschen rollen ihre Decken und Yoga-Matten aus, öffnen Picknick-Körbe und die ein oder andere Champagner-Flasche. In diesem Jahr allerdings versammeln sich die Opernfreunde am Sonntag, 6. Juli (Beginn 19 Uhr) zur audiovisuellen Live-Übertragung aus dem Nationaltheater auf dem Marstallplatz, weil der Max-Joseph-Platz ja bekanntlich zur grünen Oase umgestaltet wird. Gegeben wird mit dem „Don Giovanni“ diesmal superpopulärer Opernstoff. Wobei das Münchner Publikum in den bald 30 Jahren dieses beliebten Public-Viewings stets neugierig war und auch kein Problem damit hatte, etwa Mussorgskys „Boris Godunow“ auf den unbequemen Isarkieseln auszusitzen. Sir Peter Jonas hatte das Format 1997 erdacht und mit Hilfe von Sponsor BMW realisiert. Es ist auf 150 Jahre gesehen also ein relativ junges Festspielkind – das es aber zu einer weltweit viel kopierten Marke gebracht hat.
Die Stars vor und auf der Bühne


Beim ersten Oper für alle 1997 stand „Carmen“ auf dem Spielplan. Zubin Mehta dirigierte und Plácido Domingo sang seinen ersten Don José in München. Die Opernfestspiele und ihre Stars – vor und auf der Bühne: Es gehört auch ein gewisses theatralisches Talent dazu, in zumeist unpraktischer Abendgarderobe den roten Teppich treppauf nach oben zu schreiten und sich dabei möglichst nicht zum Deppen zu machen. Die Promi-Dichte ist bei der Festspielpremiere oder bei Oper für alle stets besonders hoch. Wer also ein solches Spektakel mal mit entspanntem Humor erleben möchte, kommt den Stars und jenen, die sich dafür halten, ziemlich nahe. Daran hat sich in all den Festspieljahren nicht viel geändert.

Die wahren Stars sind aber natürlich jene auf der Bühne – und nicht zu vergessen all die guten Geister dahinter, die im Opernbetrieb notwendig sind, um eine Vorstellung zum Ereignis werden zu lassen. Ein Sonderapplaus, ein Bravo für sie, ohne die Jonas Kaufmann oder Jonathan Tetelman (gemeinsam zu erleben in „Cavalleria rusticana / Pagliacci“ am 9. und 12. Juli) ihre Kunst nicht in Szene setzen könnten. Auch Lisette Oropesa und Erwin Schrott dürfen sich in Verdis „I masnadieri“ (7. und 20. Juli) ganz auf die Professionalität der Menschen im Nationaltheater verlassen. Da ist schließlich viel Hightech am Werk, auch in Tobias Kratzers „Rheingold“, dem Festspielhit in diesem Jahr (25., 28. und 31. Juli).
Neben den großen Opern-Kloppern von Wagner, Verdi & Co gibt es auch wieder Kammer- und Barockkonzerte und besondere Liederabende. Außergewöhnlich hier: „Die letzten Tage der Menschlichkeit?“, am 27. Juli im Prinzregententheater. Schauspieler Nicholas Ofczarek liest, Georg Nigl singt und Vladimir Jurowski sitzt am Piano. Zu hören sind Werke von Gustav Mahler, Hanns Eisler und Pete Seeger.
Das Bayerische Staatsballett wiederum zeigt ein Best-off der Saison und Neues bei seinen „Sphären-Abenden“. Und klug geredet wird auch bei Vorträgen im Rheingold Bar-Bistro, etwa über einen Text von Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zum „Rheingold“. Bei ihr übrigens ohne „h“ (25. Juli).
Pausensekt und Stufennächte

Wie praktisch, dass Vorträge, die sich vermeintlich nach trockener Klassik-Nerd-Kost anhören, in der schönen Rheingold Bar der Staatsoper stattfinden. Dort trifft sich das Münchner Opernpublikum auch sonst gern vor Beginn der Vorstellung und in den Pausen. Eine Bar gibt’s auch im dritten Rang und im Erdgeschoss des Hauses im Restaurant Ludwig Zwei, wo auch warme Speisen (Käfer Theatergastronomie) serviert werden.
Immer zur Festspielzeit materialisiert sich wie von Zauberhand die Apollon Stufenbar vor dem Nationaltheater, die mittlerweile auch bei Leuten, die den Prachtbau noch nie von innen gesehen haben, recht beliebt ist. Start ist diesmal am 24. Juli, DJ Chelo legt auf, und Mitglieder des Bayerischen Staatsorchesters und des Opernstudios gestalten den Abend. Diese besondere Bar an einem der schönsten Plätze Münchens ist dann bis zum Ende der Festspiele am 31. Juli immer vom späten Nachmittag an bis Mitternacht geöffnet.
Wie man an Karten kommt

„Da bekommt man doch eh keinen Karten mehr.“ Gut, es hat Jahre gegeben, da traf dieses Gejammer zumindest halbwegs zu. Und ja, auch in diesem Jahr haben sich beim Vorverkaufssamstag im Januar wieder lange Schlangen vor der Tageskasse gebildet, wo man nach einem ausgeklügelten Ansteh-Nummern-System hineingerufen wurde. Und wo am Ende glückliche Menschen mit günstigen Karten für gute Plätze wieder aus der Glastür traten. Aber mal ehrlich: Braucht es diesen ganzen Zirkus des Festspielkarten-Erstverkaufs noch? Ist er nicht längst ein überflüssiges Ritual?
Wer aktuell die Website der Opernfestspiele durchforstet oder bei der Tageskasse am Marstallplatz nachfragt, wird noch für die meisten seiner Wunschvorstellungen Karten bekommen. Und wenn’s trotzdem nicht hinhauen sollte, gibt es da immer noch die Kartenbörse der Staatsoper, wo man Tickets suchen, anbieten und tauschen kann. Viel Glück!
Münchner Opernfestspiele, 27. Juni bis 31. Juli, Nationaltheater und andere Orte, Infos unter www.staatsoper.de

