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Müllabfuhr:Tanzende Tonnen

Müllabfuhr

Saubermänner unterwegs in Schwabing: Marijan, Kristijan und Daribor (von links) holten den Restmüll ab.

(Foto: Lukas Barth)

Kaum eine Stadt steht so für Sauberkeit wie München. Aber wer die Stadt sauber hält, wissen die Wenigsten

Von Theresa Parstorfer

Nach Wintereinbruch fühlt sich dieser Donnerstagmorgen in München an. Dunkel, kalt, regnerisch. Während Kälte und Regen Mitte Juli als irritierend aufgefasst werden könnten, lässt sich zumindest die Dunkelheit ganz logisch erklären: Es ist fünf Uhr morgens und die S- und U-Bahnsteige werden von den Menschen bevölkert, die wirklich, wirklich früh anfangen zu arbeiten. Auch in der Zentrale des Münchner Abfallwirtschaftsbetriebes am Georg-Brauchle-Ring herrscht schon reges Treiben. Menschen in Orange bewegen sich auf orangefarbene Müllfahrzeuge zu, und ab sechs Uhr fädelt sich eine Kolonne von 80 Müllfahrzeugen in den frühmorgendlichen Pendlerverkehr am Mittleren Ring ein.

Am Scheidplatz läuft ein junger, durchtrainierter Mann in kurzärmligem T-Shirt unter der Schutzweste auf eines der Fahrzeuge zu. Das ist Marijan. Mit ihm ist das Team des Einsammeldienstes im Wagen mit der Nummer 80 komplett. 150 Teams gibt es und jedes davon ist für einen Bezirk Münchens zuständig. Eine Stunde später sitzt Marijan mit seinen Kollegen Robert, Kristijan und Daribor in einer kleinen Bäckerei in der Tengstaße. Sie trinken Kaffee aus Pappbechern und essen die ersten Butterbreze des Tages. Draußen steht das Müllfahrzeug, die Lichter blinken.

Keinen der vier stören die frühen Arbeitszeiten. Im Gegenteil. Kristijan und Daribor haben beide zwei kleine Kinder. "Das ist super, wenn man ab 15 Uhr daheim sein kann", sagt Kristijan. Er ist groß gewachsen, blond, trägt Brille und einen goldenen Stecker im linken Ohrläppchen. Daribor nickt. Der Vorarbeiter ist ein wenig kleiner als seine Kollegen. "Außerdem ist man der Held bei den Kleinen", sagt er. Alle lachen. Müllwerker, wie die offizielle Bezeichnung lautet, ist zumindest im Kindergartenalter nach wie vor ein faszinierendes Metier. "Vielleicht wegen des Lärms, den das Fahrzeug macht, wegen der Farbe und wegen der blinkenden Lichter", überlegt Daribor. Die Stimmung unter den Kollegen ist ausgelassen und freundschaftlich. Seit acht Jahren arbeiten sie zusammen. Nur Marijan ist noch nicht so lange dabei. Er sei das Küken, aber auch der Clown, sagen die Kollegen. 24 Jahre ist er alt. Er hat sichtlich Spaß an seiner Arbeit. "Du bist den ganzen Tag draußen, bewegst dich. Das ist geil." Vor allem im Winter, wenn Schnee liege die Straßen vereist und die Tonnen immer schwerer zu hantieren seien. Seine Kollegen schütteln den Kopf, aber Marijans Augen leuchten. Auch ihm macht es nichts, aus, jeden Tag früh aufzustehen. Ob er abends trotzdem noch weggeht? Er zuckt mit den Schultern. "Wer feiern geht, kann auch arbeiten gehen", sagt er. Nur Durchmachen, das habe er nur einmal gemacht.

Marijan zieht eine Tonne zwischen einem Jaguar und einem Mercedes hindurch, lässt sie in den Hebemechanismus am Fahrzeug einrasten und drückt den grünen Knopf auf der rechten Seite des Fahrzeugs, der den Pressvorgang im Wageninneren auslöst.

Der Abfallwirtschaftsbetrieb bekommt regelmäßig Beschwerden wegen des Lärms, den die Tonnen in den denkmalgeschützten "Traghäusern" verursachen. Teilweise müssen die Müllwerker dort die vollen Tonnen eine Treppe nach oben und dann wieder nach unten ziehen. Dafür gibt es vorne im Fahrzeug zwei Schubladen voller Schlüssel. Für jedes Haus in Schwabing einen beschrifteten Schlüssel - eine Menge Metall. "Irgendwann weiß man genau, welcher für welches Haus ist", sagt Kristijan. Marijan lacht. Einmal hat er einen ganzen Schlüsselbund verloren. "Es hat Monate gedauert, bis wir wieder alle organisiert hatten." Als Strafe musste er den anderen ein Essen ausgeben.

Zwei Fuhren am Tag werden eingesammelt, mit jeweils einer anderen Müll-Art: Altpapier, Biomüll, heute ist der Restmüll dran. Vor allem im Sommer sei Biomüll schlimm, wegen des Geruchs - und der Maden, die da teilweise schon rausfielen, sind sich die vier Männer einig. Und auch darin, dass die Leute in München anstrengend seien. "Keiner hat mehr Zeit heutzutage, jeder ist gestresst und schlecht gelaunt", sagt Kristijan. So gestresst und so schlecht gelaunt, dass die zwei Minuten, die Autofahrer verlieren, wenn sie hinter einem Müllfahrzeug warten müssen, den Tag verderben, den Terminplan durcheinanderbringen. Deswegen werde dann auf die Männer geschimpft, die doch dafür sorgen, dass sich die Müllberge in München nicht häufen. Und dabei ist genau das ein Punkt, der München zu München macht. Oder? Das müllfreie München als Kulisse für teure Autos und wichtige Menschen in teuren Anzügen.

Dass es ein wichtiger Beitrag zu einer sauberen Stadt ist, den die etwa 1500 Mitarbeiter des Abfallwirtschaftsbetriebs leisten, das scheint nicht allzu präsent zu sein in den Köpfen der Menschen. Marijan zuckt mit den Schultern. Diesen Job mache er viel lieber, als bei BMW zu arbeiten.

© SZ vom 01.08.2016
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